Versorgung für chronisch kranke Steirer*innen wird weiter verbessert

Gesundheits- und Krankenpflegerin Nadine Puschl im Beratungsgespräch mit einem Patienten

Nur 13,2 Prozent der Typ 2-Diabetiker*innen in Österreich sind derzeit in einem strukturierten Behandlungsprogramm. Bei der Versorgung chronisch kranker Menschen besteht großes Potenzial. Eine vom Gesundheitsfonds Steiermark initiierte neue Ausbildung setzt genau hier an und hilft dabei. Wie konkret dadurch Lebensqualität und Gesundheitskompetenz der Patient*innen gefördert werden kann, zeigt zum Beispiel das Gesundheitszentrum Graz MEDIUS.

Rund ein Drittel (38,3 Prozent) aller Österreicher*innen über 15 Jahre leben mit einer chronischen Erkrankung. Chronische Erkrankungen haben häufig nicht nur eine Ursache und ihr Verlauf kann selten genau vorhergesagt werden. Um Betroffenen ein gutes Leben mit ihrer Erkrankung zu ermöglichen, ist eine langfristige und engmaschige Begleitung das Um und Auf.

Teamwork für chronische Erkrankungen

Mit den neuen Gesundheitszentren (auch „Primärversorgungszentren“ genannt) schafft die Steiermark eine wichtige Voraussetzung, um die wohnortnahe Versorgung von chronisch kranken Steirer*innen weiter zu verbessern. Stefan Korsatko ist einer von drei Hausärzt*innen im Primärversorgungszentrum MEDIUS:

Wir arbeiten mit der diplomierten Gesundheits- und Krankenpflege und anderen Gesundheitsberufen – zum Beispiel Physiotherapie oder Ernährungsberatung – Hand in Hand und sind eng vernetzt. Jede Berufsgruppe macht das, was sie am besten kann. So können wir die Patientinnen und Patienten optimal unterstützen und begleiten“.

Dr. Stefan Korsatko, Hausarzt im Gesundheitszentrum MEDIUS
© GZ MEDIUS

Einzigartige Ausbildung „Pflege in der Primärversorgung“

Eine gute pflegerische Versorgung verbessert die Ergebnisse in der Behandlung von chronisch kranken Menschen – dies belegen verschiedene Studien. Die neue Ausbildung „Pflege in der Primärversorgung“ setzt genau hier an. Grundlage für die Ausbildung bilden speziell entwickelte und strukturierte Behandlungsprogramme für verschiedene chronische Krankheitsbilder (sog. „Disease Management Programme“). Eine der ersten Absolvent*innen der neuen Ausbildung ist die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin Nadine Puschl, die im Gesundheitszentrum MEDIUS arbeitet.

Zu ihren Aufgabengebieten gehören pflegerische Untersuchungen sowie Schulungen und Beratungsgespräche (wie zum Beispiel das Erlernen einer Blutzuckermessung oder Blutdruckmessung). Dabei wird in enger Abstimmung mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt gearbeitet.

Menschen mit chronischen Erkrankungen haben oft viele Fragen und sind verunsichert. Unser Hauptfokus liegt darauf, dass die Patientinnen und Patienten lernen, gut mit der Erkrankung zu leben und wissen, was sie selbst dazu beitragen können. Im persönlichen Gespräch kann ich auf die individuellen Probleme und Fragestellungen gut eingehen und punktgenau beraten

erklärt Nadine Puschl.

Programme für Diabetes, Bluthochdruck, Asthma, COPD und Osteoporose

Bereits in sieben steirischen Gesundheitszentren (Vorau, Mariazell, Fehring, Mureck, Allgemeinmedizin Gries in Graz, Liezen und MEDIUS) werden derzeit die Programme für Diabetes, Bluthochdruck, Asthma, COPD, Depression und Osteoporose angewandt. Die feste Struktur des Behandlungsplans mit regelmäßigen Terminen und Kontrolluntersuchungen ist eine wichtige Orientierung für Patient*innen und deren Angehörige. Die Lebensqualität kann so lange erhalten und Folgeschäden verringert werden.

Leider gehen viele Leute erst zum Arzt, wenn es brennt. Als Hausarzt kann ich dann nur mehr Feuer löschen“, bedauert Korsatko. Er erläutert die Problematik am Beispiel Diabetes, wo derzeit nur 13,2 Prozent der Betroffenen in Österreich in einem strukturierten Behandlungsprogramm sind: „In Österreich haben wir eine der höchsten Amputationsraten bei Diabetikerinnen und Diabetikern. Jede Amputation verringert das Leben durchschnittlich um fünf Jahre. Im Vorfeld kann man aber sehr viel dafür tun, um die Gesundheit der Blutgefäße zu erhalten

erklärt der Mediziner.

Patientin beim Blutdruck messen
© Sebastian Philipp (www.sebastianphilipp.com)

Gesundheitskompetenz sorgt für mehr Lebensqualität von Chroniker*innen

Für immer krank zu sein bedeutet, den Alltag trotz Einschränkungen zu bewältigen, mit Höhen und Tiefen sowie mit Schmerzen und Stress umzugehen. Betroffene sind nahezu täglich mit Situationen und Entscheidungen konfrontiert, die sich auf ihre Gesundheit auswirken: Angefangen von der Medikamenteneinnahme bis hin zur Entscheidung, was gegessen wird.

Das Problem ist, und das wissen wir aus verschiedenen Studien, dass chronisch Kranke oft eine eingeschränkte oder unzureichende Gesundheitskompetenz haben. Gerade sie sind aber auf Information und Begleitung angewiesen

erklärt Korsatko.

Der etwas sperrige Begriff „Gesundheitskompetenz“ bedeutet, dass Menschen dazu in der Lage sind, wichtige Gesundheits-Informationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden, um gute Entscheidungen für ihre Gesundheit zu treffen. Das ist einerseits eine Frage der persönlichen Fähigkeiten, aber auch das Gesundheitssystem muss so gestaltet sein, dass Menschen wichtige Informationen finden und verstehen, Zum Beispiel durch die Verwendung einfacher Sprache ohne medizinische Fachbegriffe oder Informations-Angebote in mehreren Sprachen.

Eine bessere Gesundheitskompetenz ermöglicht den Patientinnen und Patienten aus der Opfer-Rolle herauszukommen und ihre Erkrankung selbst in die Hand zu nehmen“,

erklärt die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin Puschl.

DGKP Nadine Puschl betreut die Chroniker*innenprogramme im Gesundheitszentrum MEDIUS
© Sebastian Philipp (www.sebastianphilipp.com)

 

Das sehen auch ihre behandelten Patient*innen so: „Durch die Betreuung habe ich gelernt, meine Krankheit besser zu verstehen. Durch die Beratung weiß ich, was mir guttut und wie ich meine Symptome auch selbst lindern kann

sagt Elfriede J., Diabetes-krank und Patientin im MEDIUS.

Weitere Angebote zur Stärkung der Gesundheitskompetenz können beispielsweise Info-Veranstaltungen oder gemeinsame Kochkurse sein. Aber auch die Verständlichkeit der weiter gegebenen Informationen ist ein wichtiger Baustein. Weil Einsamkeit sich ungünstig auf die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten auswirkt, wird mit dem sog. „social prescribing“ (zu Deutsch „soziale Verschreibung“) versucht, die Unterstützung in der Gemeinschaft zu fördern. So werden zum Beispiel Theaterbesuche oder Spielenachmittage für ältere Patient*innen organisiert.