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Folge #88 Gesund informiert mit Eva-Maria Polz und Viktoria Guss: Neues Jahr, weniger Zucker – ist das sinnvoll?

Beitragsbild, ORF Steiermark Logo und Zuckerwürfel

Die Feiertage liegen hinter uns und damit auch viele Kekse, Süßigkeiten und andere Köstlichkeiten. Viele Menschen starten daher mit guten Vorsätzen ins neue Jahr – zum Beispiel gesünder zu leben und weniger zu naschen.

In der Folge #88 erfahren Sie, was Zucker eigentlich ist, was er in unserem Körper macht und wo er überall drinnen steckt. Sie erhalten Einblicke und Tipps, wie man Zucker reduzieren und bewusst genießen kann.

Gäste:
Diätologinnen Eva-Maria Polz und Viktoria Guss vom „Team Ernährung“

„Gesund informiert“ ist eine Zusammenarbeit zwischen ORF Steiermark und Gesundheitsfonds Steiermark.

Redaktion und Stimme: Fanny Sedlnitzky

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Podcast-Ausschnitte

Hören Sie kurz in die Folge hinein!

Teil 1: Wie reagiert der Körper auf Zucker?
Teil 2: Wie ist Zucker chemisch aufgebaut?
Teil 3: Wie viel Zucker steckt in Müsli für Kinder?
Text zur Folge

Fanny Sedlnitzky: Willkommen bei "Gesund informiert", der Gesundheitspodcast. Eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfonds Steiermark und ORF Steiermark. Fanny Sedlnitzky liefert wertvolle Antworten in unserem rezeptfreien Podcast. Heute mit den Diätologinnen Eva-Maria Polz und Viktoria Guss. In unserer ersten Podcast-Folge 2026 heiße ich Sie herzlich willkommen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Und wir widmen uns dann natürlich auch heuer wieder der Gesundheit. Wir wollen ein bisschen schauen: Wie können wir es ganz einfach im Alltag schaffen, ein bisschen gesünder zu leben? Ja, und da gibt es etwas, was man eigentlich weglassen kann, ohne dass es dem Körper wirklich fehlt: der Zucker. Und zu diesem Thema habe ich heute zwei Gäste eingeladen, zwei Diätologinnen. Herzlich willkommen, Eva-Maria Polz und Viktoria Guss.
Viktoria Guss: Ja, vielen Dank für die Einladung. Wir freuen uns, dass wir hier sein dürfen.
Eva-Maria Polz: Vielen Dank.
Fanny Sedlnitzky: Wir wollen uns das Thema Zucker ein bisschen genauer ansehen. Jeder weiß, das ist wie beim Alkohol: Zucker ist nicht gesund. Zucker brauchen wir eigentlich gar nicht so wahnsinnig in unserem Körper, denn wenn man genauer schaut, ist Zucker ja ohnehin in sehr vielen Dingen versteckt und unser Bedarf dadurch gedeckt. Aber vielleicht erklären wir mal von vornherein den Zucker. Warum ist der Zucker eigentlich nicht gesund? Er liefert uns Energie. Man hat das Gefühl, wenn man ein bisschen was genascht hat, dann geht es einem gleich besser. Warum soll das ungesund sein?
Eva-Maria Polz: Ja, also wenn wir uns das Thema Zucker einmal anschauen, müssen wir natürlich unterscheiden, dass Zucker ein Kohlenhydrat ist und Kohlenhydrate auch aus Zuckerbestandteilen bestehen. Und der große Unterschied, den wir natürlich haben, ist die Kettenlänge. Das heißt, bei einem Haushaltszucker, den wir uns jetzt alle vorstellen, haben wir zwei Zuckerbestandteile, die aneinandergekettet sind. Bei einer Stärke, aus einem Getreide, aus einem Brot, haben wir eine ganz lange Kette. Und der große Unterschied ist natürlich: Diese lange Kette wird zu den gleichen Zuckerbestandteilen aufgespalten, aber das dauert natürlich viel länger. Sprich, wenn wir jetzt den kurzen Zucker, die kurzkettigen Zuckerbestandteile haben, haben wir kurz das Gefühl, wir sind super energiegeladen, wir sind total motiviert, und kurze Zeit später kommt natürlich auch das Zuckertief. Wir kriegen vielleicht wieder Heißhunger...
Fanny Sedlnitzky: ...und das geht von vorn los. Man steckt sich noch mehr Zucker in den Mund.
Eva-Maria Polz: Genau. Und der Körper weiß natürlich, dass Zucker auch wieder den Blutzucker heben würde.
Fanny Sedlnitzky: Sie haben es kurz angesprochen, die Kohlenhydrate, auch eine Form von Zucker, aber ein bisschen gesünder.
Eva-Maria Polz: Ja, genau. Also der Bestandteil Glucose, der Traubenzucker, den haben wir im Haushaltszucker drin und natürlich auch in der Stärke. Aber der Unterschied ist: Durch diese lange Kette haben wir einen konstanteren, langsamen Blutzuckeranstieg, der dafür sorgt, dass wir über Stunden Energie haben, satt sind und natürlich nicht in einer halben Stunde wieder Lust auf Süßes bekommen, sozusagen.
Fanny Sedlnitzky: Jetzt ist ein Wort schon gefallen, das ich ein bisschen näher erklären möchte, vielleicht: der Blutzucker. Was heißt denn das, der Blutzucker?
Viktoria Guss: Genau, wie die Kollegin schon angesprochen hat. Vielleicht möchte ich da noch kurz ansprechen, was wir als Zucker überhaupt verstehen, denn im Umgangssprachlichen nennen wir alles Zucker, was aus einem Zucker- oder zwei Zuckerbausteinen zusammengestellt ist. Also die sogenannten Einfach- und Zweifachzucker oder im Fachbegriff Mono- und Disaccharide. Das bedeutet jetzt einfach, diese Einfach- und Zweifachzuckermoleküle, die kann ich viel schneller aufnehmen. Das heißt, vom Dünndarm gelangen diese dann in die Blutbahn und mein Blutzuckerspiegel steigt an.
Fanny Sedlnitzky: Mhm. Man kennt das. Die Diabetiker müssen immer ein bisschen auf den Zuckerspiegel achten. Gesunden Menschen sagt man das an und für sich nicht.
Viktoria Guss: Genau. Also ein Blutzuckeranstieg ist etwas Physiologisches, und ich glaube, da müssen wir auch keine Angst davor haben. Nichtsdestotrotz sieht man einfach, wenn ich tagsüber sehr viele Blutzuckerschwankungen habe, indem ich sehr viele Einfach- und Zweifachzucker zu mir nehme, dann hat das natürlich auch gesundheitlich einige Nachteile bzw. geht es mir da auch nicht so gut, wenn es um die Energie geht, um die Sättigung.
Fanny Sedlnitzky: Jetzt haben wir schon angesprochen, also in den Kohlenhydraten ist etwas, was der Körper wie Zucker verwendet, und natürlich im Zucker klassisch, ne? Gut, dann sage ich: Jetzt esse ich keinen Zucker mehr. Ich esse keinen Kuchen, keine Süßigkeiten. Ja, und trotzdem nehme ich täglich eigentlich Zucker zu mir, denn dieser Zucker, ja, der ist ein bisschen tückisch, der versteckt sich in sehr vielen Lebensmitteln. Vielleicht können wir da mal ein bisschen einen Überblick schaffen, wo wir denn eigentlich überall Zucker drin haben, wo wir es gar nicht vermuten und glauben, wir ernähren uns gesund, zuckerfrei. Ja, das stimmt nicht immer.
Eva-Maria Polz: Ja, genau. Also, wir müssen auch unterscheiden zwischen dem natürlich enthaltenen Zucker. Klassisches Beispiel wäre jetzt ein Obst, ein Milchprodukt, ein Honig, und dem zugesetzten Zucker. Und gerade beim zugesetzten Zucker ist er nicht nur in süßen Produkten, sondern natürlich teilweise auch in Fertigprodukten zur Haltbarmachung drin, sprich in Soßen, in Dressings, aber natürlich auch in pikanten Speisen eigentlich, ja, wo man sagt, da kann eigentlich gar kein Zucker drin sein – versteckt er sich trotzdem.
Viktoria Guss: Genau. Genau. Gerade, wenn ich jetzt an Salatdressings denke oder an Fertigprodukte, die lang haltbar sein müssen, ist dort oft auch ein Zucker dabei.
Fanny Sedlnitzky: Das heißt, wir nehmen eigentlich viel mehr Zucker zu uns, als wir eigentlich bräuchten.
Viktoria Guss: Genau. Es gibt hierfür sogar gewisse Zielwerte, die von der Weltgesundheitsorganisation vorgegeben werden, und das sind maximal 50 g zugesetzter Zucker – und das bezieht sich wieder auf diese Einfach- und Zweifachzucker, von denen wir vorhin schon gesprochen haben – pro Tag. Besser wäre sogar, hier unter 25 g zugesetztem Zucker zu liegen. Was wir hier aber auch mit inkludieren müssen, wären zum Beispiel Zuckeralternativen wie Kokosblütenzucker, Dattelsüße, auch der Honig, der vorher schon genannt wurde, der ist chemisch gesehen ebenso ein Zucker. Oder wenn wir über Ahornsirup, Reissirup nachdenken, das gilt ebenso wie unser Haushaltszucker als Zucker, denn der Körper sieht wiederum diese einzelnen Zuckermoleküle.
Fanny Sedlnitzky: 50 g, 25 g – wie kann ich mir das ein bisschen bildhafter vorstellen? Wie viel ist denn das?
Eva-Maria Polz: Ja, also wenn wir jetzt zum Beispiel von einer Fruchtbuttermilch oder Fruchtmolke, diesem halben Liter, den glaube ich jeder kennt, ausgehen, der hätte ziemlich genau 49,5 g. Also da wären wir schon fertig mit dem Zucker eigentlich.
Fanny Sedlnitzky: Ja. Ja. Dazu kommt aber dann noch Zucker, den wir ja kaum vermeiden können über Kohlenhydrate und so weiter. Ist denn der Zucker ein Lebensmittel, auf das wir verzichten könnten? Würde in unserem Körper etwas passieren, wenn wir sagen, wir lassen diesen Zucker komplett weg? Also wirklich alles, wo irgendwo Zucker vorhanden ist?
Viktoria Guss: Ja, also auch das würde ich wieder etwas differenziert betrachten, weil diesen Blutzuckeranstieg, den Traubenzucker, den nehmen wir auch über Getreide auf, den brauchen wir. Aber wenn wir jetzt wirklich von dem zugesetzten Zucker, vom Haushaltszucker oder auch Einfach- und Zweifachzuckern sprechen, würde jetzt nichts geschehen, wenn wir den nicht aufnehmen. Wobei es natürlich auch nicht auf null sein muss. Also alleine durch eine Reduktion hätte ich schon einen großen gesundheitlichen Vorteil. Und der Schritt von der Reduktion auf null, der ist oft mit sehr viel Aufwand verbunden und bringt nicht immer so viel Nutzen zusätzlich.
Fanny Sedlnitzky: Jetzt ist es so, dass ich mir dann denke: Na gut, dann greife ich zu zuckerfreien Alternativen. Es gibt ganz viele Süßigkeiten, wo schon draufsteht "zuckerfrei". Ist das besser?
Viktoria Guss: Das ist eine sehr gute Frage. Da muss ich wieder ein wenig ausholen. Hier müssen wir jetzt ganz klar unterscheiden: Handelt es sich hier um einen Zuckeraustauschstoff oder um einen Süßstoff? Denn diese sind chemisch anders aufgebaut. Zuckeraustauschstoffe wie zum Beispiel das Xylit, der Birkenzucker, das Erythrit, Sorbit oder Maltit, das sind alternative Süßungsmittel, die wir teilweise nicht ganz aufnehmen können. Dadurch haben wir den Vorteil, dass wir weniger Kalorien zu uns nehmen. Leider ist es so, dass gerade diese Polyole, wie sie auch genannt werden, zu Verdauungsbeschwerden führen können. Das bedeutet, in größeren Mengen können diese sogar abführend wirken. In der Regel merkt man das in einer vermehrten Gasbildung oder Beschwerden des Verdauungstraktes.
Fanny Sedlnitzky: Das sind diese auf "-it" Zusatzstoffe, die dann auf jedem Kaugummi, auf jeder Packung von irgendwelchen Schokoladen draufstehen.
Viktoria Guss: Ja, genau. Also vor allem Kaugummis, auch zuckerreduzierte Proteinriegel zum Beispiel. Und es gibt hier aber eine weitere Alternative. Das sind jetzt die sogenannten Süßstoffe oder auch non-nutritive Süßstoffe genannt. Dazu zählen dann Acesulfam, Sucralose, auch dieses Aspartam, das ganz häufig auch da in Verruf geraten ist, muss ich fast sagen, oder das Stevia wäre auch rein chemisch gesehen hier ein Süßstoff. Und der Unterschied hier liegt aber darin, dass diese Süßstoffe sich von den Zuckeraustauschstoffen unterscheiden. Süßstoffe haben eine 100- bis 1000-fache Süßkraft im Vergleich zu unserem Haushaltszucker, und diese werden auch anders verstoffwechselt. Das heißt, wir haben auch hier keinen Blutzuckeranstieg. Wir brauchen hier kein Insulin. Der Vorteil ist ganz klar: Ich nehme in dieser Zeit dann keine Kalorien zu mir durch diese erhöhte Süßkraft, und gerade bei einer Umstellung zu einer zuckerreduzierten Kost kann das unterstützend sein. Das kann helfen.
Fanny Sedlnitzky: Heute zu Gast in "Gesund informiert", dem Podcast, die Diätologinnen Eva-Maria Polz und Viktoria Guss. Viele Menschen entscheiden sich zu einer zuckerreduzierten Kost, weil sie an Gewicht abnehmen wollen. Ja. Wie gehe ich das am besten an bzw. hilft es mir tatsächlich, den Zucker zu reduzieren und dann zu sagen: "Okay, ich werde dadurch jetzt allein schon ein paar Kilo verlieren"?
Eva-Maria Polz: Ja, also für die meisten schon, weil natürlich Produkte, die viel Zucker enthalten, gerade auch Fertigprodukte, oft sehr, sehr energiedicht sind. Das heißt, auch wenn ich dann nur eine kleine Kugel Schokolade habe, die mir wie nichts vorkommt, kann es natürlich sein, dass ich auch sehr, sehr viele Kalorien dadurch aufnehme. Und am Ende des Tages kann es oft sein, das Gefühl zu haben, nicht wirklich viel gegessen zu haben, aber trotzdem über dem Kalorienbedarf zu sein. Und gerade da empfehlen wir auch gerne die Reduktion von Zucker, weil ich dadurch viel einsparen kann.
Fanny Sedlnitzky: Man sagt immer ein bisschen: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nicht mehr." Da müssten wir eigentlich schon ganz früh beginnen, unseren Kindern sozusagen beizubringen, eigentlich auf Süßigkeiten zu verzichten. Denn wenn man sich das einmal ein bisschen angewöhnt hat, ist es schwierig zu sagen: "Nein, danke, ich verzichte auf diese oder jene Süßigkeit." Wie ist denn das bei unseren Kindern? Müssten wir da tatsächlich auch schon aufschreien und sagen: "Halt"?
Viktoria Guss: Ist auch ein ganz guter Punkt, auf den man eingehen kann, denn wir sind schon evolutionär gesehen auf das Süße geprägt. Süß heißt, das ist bekömmlich, das ist nicht giftig. Das heißt, bereits im Beikostalter, wenn die Kinder zu essen beginnen, dann werden süße Lebensmittel besser angenommen. Das ist für uns auch ganz wichtig, denn bei Beikoststart sollte man bis zum Ende des ersten Lebensjahres komplett auf Zucker verzichten. Das kommt dann mit Kindergarten, Kinderkrippe und Schule früh genug. Und dann sollte man aber auch wirklich darauf achten, das bewusst einzusetzen und hier auch wirklich den Genuss zu forcieren. Und am einfachsten gelingt uns das, indem wir wirklich bei den Getränken schon warten und hier auf zuckerfreie Getränke setzen.
Fanny Sedlnitzky: Da gibt es in Großbritannien eine Möglichkeit, die die Regierung da geschaffen hat. Man hat eine Zuckersteuer auf Getränke eingehoben, und man hat gesehen, tatsächlich war der Anteil an fettleibigen Kindern und Jugendlichen rückläufig. Macht es wirklich Sinn, also auf diese zuckerhaltigen Getränke zu verzichten bzw. warum sind gerade das solche gefährlichen Zuckerbomben?
Eva-Maria Polz: Ja, also auf alle Fälle sind die Getränke natürlich ein sehr großer Teil, was den Zuckerkonsum betrifft, gerade bei Kindern. Und was natürlich ganz wichtig dazu zu ergänzen ist: Wir haben alle eine Süßschwelle. Vielleicht kennt man es, wenn man in der Fastenzeit einmal auf Schokolade, auf Süßigkeiten verzichtet. Man isst zu Ostern den ersten Schokohasen, und es schmeckt extrem süß. Und wir prägen unsere Geschmacksnerven sozusagen an die Süßschwelle. Und gerade durch Getränke wird diese Süßschwelle oft sehr stark erhöht. Das heißt, dass wir dann auch bei anderen Dingen mehr Süße, mehr Zucker brauchen, damit sie uns schmecken und auch unsere Belohnungszentren teilweise aktivieren. Und gerade da ist die Verantwortung sicher auch geteilt. Was bekommen Kinder angeboten? Welches Angebot gibt es für Kinder? Worauf können sie zugreifen? Was wird vielleicht in der Schule angeboten, im Kindergarten? Weil die Kinder natürlich gerne Süßes haben, wie die Kollegin bereits gesagt hat, und sich damit die Süßschwelle immer weiter erhöhen kann.
Fanny Sedlnitzky: Sie haben das Wort Belohnung schon in den Mund genommen, und da möchte ich auch wieder auf die Süßigkeiten zurückkommen. Es ist ja tatsächlich so, gerade den Kindern bietet man als Belohnung immer wieder Süßigkeiten an. Sie freuen sich darüber. Sie freuen sich mehr als über ein Radieschen, das muss man sagen. Wie kann man denn einen vernünftigen Weg finden?
Viktoria Guss: Ja, ich glaube, das ist etwas sehr Schwieriges, was uns auch so antrainiert wurde: Wenn man brav war, in Anführungszeichen, dann gibt es was Süßes, dann gibt es eine Schokolade. Und diese Bestrafung und diese Belohnung über das Essen sollte man im Optimalfall wirklich sein lassen. Belohnung kann anders ausschauen: Wir gehen ins Kino oder wir fahren in den Freizeitpark. Wir schauen uns etwas an, und Essen soll dann wirklich etwas zum Genuss sein. Naschen soll keine Belohnung sein, sondern einfach ein Genuss, der auch tagtäglich sein darf, also Bewusstsein dafür schaffen. Aber gerade dieses Belohnungszentrum ist etwas, das wir dann auch ins Erwachsenenalter mittragen. Und gerade dann, wenn es mal einen harten Arbeitstag gegeben hat, wenn es mir nicht gut geht, dann belohne ich mich selbst wieder mit dem Süßen, und ich fahre diese alten Muster zurück.
Fanny Sedlnitzky: Wir haben im Vorjahr schon einige Podcasts zur gesunden Ernährung gemacht. Da ist immer wieder die Rede vom Regenbogenteller. Er soll bunt sein, er soll viel Gemüse beinhalten. Auch das Obst kommt da immer wieder vor. Jetzt haben wir vorhin geklärt: Im Obst ist auch Zucker drin. Wie viel Obst soll es denn jetzt dann sein, damit dieses Maß an Zucker noch gesund ist?
Eva-Maria Polz: Ja, also die aktuelle Empfehlung bei uns sind zwei Handvoll Obst. Das gilt für die Kinder genauso wie für die Erwachsenen. Dementsprechend mit der Hand ändert sich natürlich auch die Größe. Wobei wir in neuen Studien auch sehen, dass der Zucker aus dem Obst um einiges besser verarbeitet werden kann als jetzt zum Beispiel aus einem Saft, weil ich habe ja nicht nur Zucker drin, ich habe Ballaststoffe, Vitamine, ich habe Flüssigkeit. Und Obst kann natürlich auch Teil einer ausgewogenen Ernährung sein, soll es sogar auch sein. Und da würde ich jetzt nicht ansetzen direkt am Obst, da gibt es, glaube ich, bessere Ansatzpunkte bei den meisten.
Viktoria Guss: Was man da vielleicht noch anmerken muss: Obst im Ganzen ist etwas sehr, sehr Wertvolles. Aber Obstsäfte, Smoothies, vor allem wenn wir hier fertige Smoothies im Regal heranziehen, da ist natürlich der Nährwert dann um einiges geringer, und das sind dann wieder Genussmittel, die wir zum Zucker zählen. Aber wie die Kollegin schon erwähnt hat, das Obst im Ganzen ist etwas sehr Wertvolles, das auch noch eine hohe Nährstoffdichte aufweist.
Fanny Sedlnitzky: Gibt es denn so etwas wie gesunden Zucker, gesunde Süßigkeiten? Oder fragen wir anders: Wann naschen wir?
Eva-Maria Polz: Ich würde sagen, das, was schmeckt, was ich genießen kann und dann bewusst esse. Esse ich das vor dem Fernseher oder esse ich das wirklich für mich achtsam in dem Moment? Und Zucker per se ist nichts Schlechtes, und ich glaube, man muss auch von diesem Schwarz-Weiß-Denken ein wenig wegkommen. Denn Zucker darf sein, es darf genauso auch zuckerreduziert sein. Es spricht aber auch nichts gegen einen bewussten Umgang. Wann wir sogar mehr Zucker brauchen, das wäre der Sport, und zwar bei einer sehr, sehr harten Leistung oder sehr intensiven Trainingseinheiten oder gerade im Leistungssport. Da ist der Zucker sogar notwendig, um die Leistung auch bringen zu können, um da auch wirklich die Glykogenspeicher, die Kohlenhydratspeicher möglichst lange zu füllen und da einfach die Aktivität im Vordergrund steht.
Viktoria Guss: Ich würde auch noch ergänzen: Gesund an sich müssen wir sicher differenzieren – Lebensmittel an sich oder auch Verhalten. Auch Essverhalten kann gesund sein. Es muss nicht immer ums Lebensmittel, um die Nascherei gehen. Und es kann ein gesünderes Essverhalten sein zu sagen: "Ich verbiete mir nichts, ich kann auch bewusst genießen", als vielleicht in einen Verzicht, in einen Kreislauf aus Verboten zu fallen und dann mit Heißhunger, mit Gewissensbissen und ähnlichem zu kämpfen. Auch das kann krank machen und ein Faktor sein. Also da würde ich wirklich differenzieren. Es muss nicht, wie die Eva so schön gesagt hat, schwarz-weiß sein. Ich muss mich nicht für ein Extrem entscheiden. Es darf alles mit an Bord sein, sozusagen.
Fanny Sedlnitzky: Heute zu Gast in "Gesund informiert", dem rezeptfreien Podcast, die Diätologinnen Eva-Maria Polz und Viktoria Guss. Wir haben zu Beginn schon ein bisschen über die Lebensmittel gesprochen, in denen Zucker enthalten ist, aber vielleicht können wir da noch ein bisschen nachhaken oder nachbessern. Es gibt da immer wieder diese Meinung, man ernährt sich gesund, man geht durch den Supermarkt – die Smoothies sind so ein Beispiel, die werden in der Werbung als Vitaminbomben verkauft. Dass da auch eine Zuckerbombe drinsteckt, wird nicht erwähnt. Bei welchen Lebensmitteln sollte ich denn aufpassen? Es ist leider so, dass viele Menschen eben nicht mehr täglich frisch kochen können. Sie müssen auf teilweise Fertigprodukte zurückgreifen. Wo kann ich denn ohne schlechtes Gewissen zugreifen, und wo sollte ich vielleicht schauen, dass ich dann vielleicht einen anderen Ausgleich finde?
Eva-Maria Polz: Also auf alle Fälle, gerade was das Frühstück angeht: Die Müslimischungen, die Zerealien, auch gerade für Kinder, sind natürlich ein bisschen so eine Zuckerfalle, unter Anführungszeichen, auch wenn sie ohne Zuckerzusatz sind. Viele Müslimischungen haben dann große Mengen Trockenfrüchte oder Ähnliches enthalten, was natürlich auch noch einmal den Zuckergehalt erhöht. Sicher auch die Getränke, bei denen man nicht so bewusst an Zucker denkt: auch ein Vitaminwasser, Wellnessgetränke. Aber auch gerade die Milchprodukte, sei es Fruchtjoghurt, Vanilleshake oder Ähnliches. Und natürlich auch, was Fertigprodukte angeht, gerade Dressings und Soßen wären noch so Produkte, wo man vielleicht mal umdrehen könnte oder noch mal genauer hinschauen könnte.
Fanny Sedlnitzky: Wenn ich jetzt durch den Supermarkt gehe und Sie haben schon gesagt "umdrehen" – das Produkt umdrehe und ein bisschen auf die Inhaltsstoffe achte: Was verrät mir denn, wie viel Zucker da drin ist? Oder welcher Zucker? Vielleicht können wir das ein bisschen zusammenfassen für all jene, die es mit der Chemie und der Diätologie nicht so am Hut haben.
Viktoria Guss: Also, was gesetzlich natürlich vorgeschrieben ist: Auf meiner Lebensmittelverpackung muss eine Zutatenliste angeführt sein und eine Liste mit den einzelnen Nährstoffen. Das heißt, ich habe zum einen bei den Zutaten schon die Möglichkeit, dass ich schaue: Ist hier Zucker, Honig, Fruktosesirup, Glucosesirup, Dextrose oder beispielsweise Fruchtsaftkonzentrat enthalten? Das ist schon mal ein Indiz dafür, dass Zucker enthalten ist bzw. oft mehrere Zuckerarten. Was ich aber auf jeden Fall schauen kann bei der Inhaltsliste, bei der Nährwertdeklaration: Da steht immer "Kohlenhydrate" und darunter "davon Zucker" auf 100 g Lebensmittel. Und da tue ich mir doch sehr leicht, indem ich einmal umdrehe, schaue: Esse ich da 100 g von dem Lebensmittel oder vielleicht 300 g? Und das dann multipliziere...
Fanny Sedlnitzky: ...und dann komme ich schon auf meine 25 oder 50 g Zucker oder weit darüber hinaus.
Viktoria Guss: Das geht dann schnell.
Eva-Maria Polz: Ja.
Fanny Sedlnitzky: Es gibt viele Familien, wo traditionell süße Hauptspeisen auf dem Speiseplan stehen. Ist so etwas zu verteufeln? Mohnnudeln, Germknödel?
Eva-Maria Polz: Auf keinen Fall, auf keinen Fall. Ich glaube, wir essen sie alle gerne. Aber auch hier kann ich mit ein paar Tricks schon schauen, dass dieses Hauptgericht noch ausgewogener ist. Zum Beispiel, wenn es eine Gemüsesuppe als Vorspeise gibt. Oder bei einem klassischen Kaiserschmarrn, wenn ich einen Teil Vollkornmehl hinzugebe, um den Ballaststoffanteil zu steigern.
Viktoria Guss: Ja, was ich vielleicht hinzufügen würde: Auch der Eiweißanteil ist natürlich für die Sättigung relevant. Also gerade bei süßen Hauptspeisen, einem Auflauf. Palatschinken – könnt ihr mit Topfen zum Beispiel arbeiten: eine Topfenpalatschinke, einen Topfenauflauf. Und das ergänzen. Aber sie können super Möglichkeiten sein, wenn man vermehrt Süßgusto hat, um das auch schon in der Hauptmahlzeit abzudecken, um diesen Süßgusto auch anzusprechen.
Fanny Sedlnitzky: Wie trickse ich mich denn aus, wenn ich sage: Ich schaffe es fast nicht, auf irgendetwas Süßes zu verzichten, aber ich möchte jetzt gesund ins neue Jahr starten? Ich möchte reduzieren. Was kann ich denn stattdessen meinem Körper vielleicht anbieten, mit dem er zufrieden ist?
Eva-Maria Polz: Ja, ich glaube ganz, ganz wichtig für die Zielsetzung ist, sich ein Ziel zu setzen, das auch erreichbar ist, um dann nicht in eine Frustration zu fallen, wenn es nicht erreicht wird. Und wenn ich jetzt zum Beispiel eine ganz große Schüssel Süßigkeiten jeden Tag esse und mir vornehme, das muss jetzt auf null gehen, dann ist das eine Verhaltensänderung, die sehr schwierig wird. Also ganz wichtig ist auch zu schauen: Was ist für mich realistisch, wo kann ich gut ansetzen, was ist für mich auch langfristig umsetzbar? Weil ich habe auch nichts davon, wenn ich es für drei Wochen mache und dann wieder in alte Muster falle. Das ist, glaube ich, ganz wichtig. Und ansonsten zur Reduktion kann man natürlich auch alternativ vermehrt aufs Obst zurückgreifen oder wieder diese Kombination mit einem Milchprodukt und etwas Obst für die Süße, oder selbst gemachte Müsliriegel, was auch einen Ballaststoffanteil mitbringt.
Viktoria Guss: Oftmals beobachten wir auch gerade in der Praxis, dass dieses Ja oder Nein, dieses Schwarz-und-Weiß-Denken, oftmals gar nicht zum Erfolg führt. Sondern wenn ich Lust auf ein Stück Schokolade habe, dann greife ich zuerst zum Apfel, dann zu den Trockenfrüchten, dann vielleicht noch zu einer Handvoll Nüssen – dann bin ich noch immer nicht zufrieden. Das heißt, auch hier wird dann am Schluss oft über die ganze Tafel Schokolade hergefallen. Da hätte ich mehr davon, wenn ich mir eine Reihe abbreche, mich bewusst hinsetze und diese Reihe dann für mich genieße und einfach versuche, die Menge bewusst zu reduzieren.
Fanny Sedlnitzky: In diesem Sinne starten wir gesund in das Jahr 2026 mit einem bewussten Umgang mit dem Zucker. Und vielleicht dreht man beim nächsten Einkauf die eine oder andere Packung einmal um und schaut, was denn da wirklich drin ist. Vielen herzlichen Dank, Eva-Maria Polz und Viktoria Guss, dass Sie gekommen sind und uns vieles über den Zucker erzählt haben.
Eva-Maria Polz: Vielen Dank auch.
Viktoria Guss: Danke für die Einladung.
Das war "Gesund informiert", der Gesundheitspodcast. Eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfonds Steiermark und ORF Steiermark.