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Folge #104: Gesund informiert mit Bianca Itariu: Wann macht die Abnehmspritze Sinn?

Abnehmspritze Podcast

Wer es schon einmal probiert hat, der weiß: Abnehmen ist nicht ganz einfach. Für Menschen mit der chronischen Erkrankung Adipositas ist es noch viel schwieriger. Viele verschiedene Faktoren haben Einfluss auf die Erkrankung und das Körpergewicht. Seit einiger Zeit hört man immer wieder vom sogenannten „Gamechanger“ – der Abnehmspritze.

In der neuen Folge #104 erfahren Sie, für wen die Abnehmspritze Sinn machen kann, wo man sich näher informieren kann und was wir als Gesellschaft noch im Umgang mit Adipositas lernen können.

Gast: Bianca Itariu (Internistin & Expertin für Adipositas und Stoffwechselerkrankungen)

„Gesund informiert“ ist eine Zusammenarbeit zwischen ORF Steiermark und Gesundheitsfonds Steiermark.

Redaktion und Stimme: Fanny Sedlnitzky

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Podcast-Ausschnitte

Hören Sie kurz in die Folge hinein!

Teil 1: Was ist Adipositas?
Teil 2: Welche Rolle spielt Social Media?
Text zur Folge

Hinweis: Dieses Transkript wurde mit Künstlicher Intelligenz generiert.

Willkommen bei „Gesund informiert“, dem Gesundheitspodcast, eine Zusammenarbeit vom Gesundheitsfonds Steiermark und dem ORF Steiermark. Fanny Sedlnitzky liefert wertvolle Antworten in unserem rezeptfreien Podcast. Heute zu Gast: die Internistin und Stoffwechselexpertin Bianca Itariu.

Fanny Sedlnitzky: Wir nehmen uns heute eines Themas an, das viele sicherlich in den letzten Monaten oder ein, zwei Jahren gehört, gesehen, mitbekommen haben. Es geht um die Abnehmspritze. Da ist ein Hype ausgelöst worden. Auch in sozialen Medien liest man immer wieder darüber. Aber was ist denn das genau und ist es ein Zaubermittel? Wir wollen ein bisschen dahinterkommen heute, und da habe ich eine Expertin natürlich wieder bei mir zu Gast. Herzlich willkommen, Bianca Itariu.

Bianca Itariu: Hallo und danke für die Einladung.

Fanny Sedlnitzky: Sie sind Expertin auf diesem Gebiet. Sie sind Fachärztin für Innere Medizin, für Stoffwechselerkrankungen und Sie kennen sich mit der Abnehmspritze insofern aus, als Sie ein Schwerpunktthema haben: das ist Adipositas. Was ist denn Adipositas?

Bianca Itariu: Adipositas ist eine chronische Erkrankung, muss man zuerst sagen. Es ist ein im Volksmund genanntes Übergewicht, das krank macht, und es ist von vielen Faktoren bedingt aus unserer Umwelt. Es ist definitiv kein Charakterfehler und das ist jetzt auch nicht eine reine Kalorienfrage. Adipositas bedeutet, jemand hat einen zu hohen Fettanteil im Körper, wobei die Grenze für viele Menschen individuell ist, ab wann dieser hohe Fettanteil medizinisch problematisch ist. Und das wird oft durch diesen Body-Mass-Index gemessen. Der BMI – das Gewicht durch Größe hoch zwei – und wenn der über 30 ist, dann kann man schon sagen: Hier könnte eine Adipositas vorliegen. Manche sagen über 25, wenn zum Beispiel das Ausmaß von Taille zu Größe größer als 0,5 sei, also sozusagen dieser Bauchfettanteil.

Warum ist es so? Weil ich bin auch als Forscherin sozusagen aus dem Bereich der Fettgewebsforschung gekommen und das Fettgewebe ist ja ein sehr nützliches Gewebe, ein nützliches Organ. Es ist sehr aktiv, also nicht nur ein rein energiespeicherndes Organ, sondern es produziert viele Hormone und regelt nicht nur die Temperatur im Körper, sondern viele Faktoren von Hunger-Sättigung bis hin zu unserer Fortpflanzung, Fertilität und so weiter. Aber wenn das Fettgewebe nicht mehr mitmachen kann und sozusagen der Anteil unter der Haut schon gut gefüllt ist, dann wird Fett im Bauchraum aufgebaut: in der Leber – die so bekannte Fettleber –, um die Niere, um das Herz, um alle Organe. Und das kann krank machen. Eine sehr bekannte Erkrankung durch diese Überschreitung dieser Fettgrenze ist zum Beispiel die Zuckerkrankheit, Typ-2-Diabetes. Und das betrifft sehr viele Menschen mit Adipositas, aber es ist auch nicht so: Nicht jeder Mensch mit Adipositas wird einen Typ-2-Diabetes haben. Aber wenn der da ist oder auch wenn der Prädiabetes da ist, ist es schon ein Indiz, dass diese Grenze dann überschritten wird. Was mir wichtig zu betonen ist: Es ist nicht so: „Oh Gott, jetzt habe ich diese Zahl auf der Waage erreicht, jetzt ist es vorbei“, sondern eigentlich geht es darum zu wissen: Adipositas ist, wenn man zu dick ist, wirklich auf Deutsch gesagt, aber auch dadurch krank ist. Und es ist auch sozusagen keine leichte Diagnose einfach so: „Ich stelle mich auf die Badezimmerwaage und passt schon“, sondern man muss dann schon in die Tiefe gehen, den einzelnen Menschen untersuchen: Wo sind die Komplikationen und so weiter? Aber was ich glaube jeder von uns beantworten kann, ist: Habe ich Beschwerden durch mein Gewicht? Komme ich nicht mehr auf den Berg rauf? Habe ich Atemnot, wenn ich jetzt im zweiten Stock raufgegangen bin? Habe ich Schlafstörungen? Diese Beschwerlichkeit, also die Hauptsymptome der Adipositas, sind Schmerzen am Bewegungsapparat durch diese mechanische Überlastung, dann belastungsabhängige Beschwerden wie die Atemnot zum Beispiel und auch die Müdigkeit, weil natürlich so viel Gewicht ständig mit sich zu tragen auch müde macht.

Fanny Sedlnitzky: Für diese Menschen gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer, denn es ist ja nicht so leicht, dann einfach zu sagen: „Dann iss halt weniger.“ Sie haben schon gesagt, es ist nicht immer nur so, dass man da die Kalorien zählen muss. Es ist ein bisschen vielleicht auch Veranlagung und das ist sehr schwierig. Jeder, der schon einmal versucht hat, vielleicht ein, zwei Kilo vor dem Sommer loszuwerden oder auch um die Weihnachtszeit herum – es ist einfach schwierig, es belastet, es ist sehr anstrengend. Neben einem Alltag schafft man das oft nicht. Also nicht so, dass man diesen Menschen jetzt vorwerfen könnte, sie sind schwach oder willenlos oder faul. Genau. Es gibt jetzt ein Medikament, das aber eigentlich gar nicht für fettleibige Menschen sozusagen gedacht war, denn es handelt sich um ein Medikament, das eigentlich für Diabetespatienten erfunden wurde, gemacht wurde: diese Abnehmspritze. Wie ist es dazu gekommen, dass man plötzlich sagt: Eigentlich ein Medikament für Diabetiker und letztendlich gibt man es Menschen, die mit Übergewicht zu kämpfen haben?

Bianca Itariu: Tatsächlich sprechen wir hier von sogenannten Sättigungshormonen. Jeder von uns produziert im Magen-Darm-Trakt Hormone, die sowohl Hunger bewirken können, aber auch die Sättigung verstärken können. Und diese Sättigungshormone sind interessanterweise Anfang der 90er Jahre – also so ähnliche wie die Sättigungshormone vom Gila-Monster, das ist eine Echse – isoliert worden von einem amerikanischen Forscher. Der hat es patentieren lassen. War ganz fasziniert, dass diese Echse quasi wochenlang ohne Essen auskommt und dabei stabile Blutzuckerwerte hat. Und so ist nach langen Forschungen quasi diese Substanz auch im Einsatz gekommen in der Behandlung des Typ-2-Diabetes, weil was die bewirkt, ist eine Verbesserung der Insulinausschüttung aus der Bauchspeicheldrüse, wenn wir Kohlenhydrate zu uns nehmen. Und Anfang der 2000er Jahre ist dann schon eine Behandlungsänderung sozusagen gekommen. Also diese Substanzen sind dann bei Typ-2-Diabetes zum Einsatz gekommen und da hat man gesehen, dass sozusagen viele Menschen als Nebenwirkung eine Gewichtsabnahme haben, weil sie schneller und länger satt sind und bessere Blutzuckerkonzentrationen haben. Es ist sozusagen ein Thema, wo man gesehen hat: Aha, interessant, also diese Menschen mit Diabetes, die nehmen ab. Was, wenn wir jetzt Menschen ohne Diabetes behandeln? Und dann war die Wende aber so nach der Pandemie 2021/22, und seither muss man sagen, hat man erkannt, dass die Adipositas eigentlich ein gemeinsamer Nenner ist für viele Erkrankungen, dass der Typ-2-Diabetes eine Adipositas-assoziierte Komplikation ist. Aber es gibt die Schlafaussetzer, es gibt die Arthritis, es gibt die Herzschwäche, es gibt die Herzerkrankungen, es gibt eine ganze Reihe an Komplikationen, die durch dieses ungesunde Übergewicht entstehen, wo hier eine gute Therapieindikation bestünde.

Fanny Sedlnitzky: Also ein wirklicher Hoffnungsschimmer für diese Menschen, um vielleicht das vielleicht etwas leichter zu starten. Denn, wie Sie sagen, man fühlt sich besser, wenn man schon ein paar Kilo verliert und vielleicht kommt man dann auch leichter in so ein Rad, wo man dann merkt, die Bewegung macht wieder Freude. Wie ist denn das, wenn ich wirklich stark übergewichtig bin und sage "Ich schaff es einfach alleine nicht", wie wird denn diese Abnehmspritze verabreicht, wo muss ich mich hinwenden, wer kann sie mir verschreiben, vor allem muss ich auch mit Kosten rechnen? Das ist immer ein großer Faktor.

Bianca Itariu: Es ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel und die aktuellen Zulassungskriterien sind bei allen Abnehmmedikamenten entweder der Body-Mass-Index, der 30 ist oder höher, oder sogar ein Body-Mass-Index von 27, wenn schon eine Komplikation besteht, zum Beispiel eine Fettleber, ein Bluthochdruck, ein Typ-2-Diabetes, Insulinresistenz, Prädiabetes etc. Da gibt es eine Liste. Man muss unterscheiden sozusagen: Wer kann es verschreiben? Praktisch jeder Arzt, der sich hier kompetent genug fühlt, das zu behandeln. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Verschreibung und Erstattung. Weil seit dem Jahr 2004 steht im Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz (ASVG), dass Abnehmmittel prinzipiell nicht erstattungsfähig sind. Das ist eigentlich eine gute Regelung für das Jahr 2004 gewesen, weil damals Ende der 90er Jahre, kaum ist ein Abnehmmittel auf den Markt gekommen, ist es relativ schnell wieder vom Markt genommen worden wegen schwerer Nebenwirkungen von Herzproblemen bis hin zu Depressionen, Suizidalität. Und das war einfach – die Gesundheitsbehörde hat gesagt: „Na, da werden wir die Leute nicht glücklich machen, dann sollen sie es auf ihre eigenen Kosten machen.“ Aber das hat sich seit 22 Jahren jetzt nicht mehr verändert und somit haben wir sozusagen den Schwarzen Peter, dass die Versicherungen sagen: „Na ja, das ist halt zum Abnehmen nicht erstattungsfähig, weil das steht so im ASVG.“ Es gibt immer wieder Einzelfallgenehmigungen, es gibt kleine Regelungen zum Beispiel für Kinder und Jugendliche oder für Menschen, die ein Jahr vor einer Magen-Bypass-Operation stehen und sich vorbereiten. Aber die einzige Erstattung, die momentan der breiten Masse zugänglich ist, ist, wenn man einen Typ-2-Diabetes hat. Wenn man als Selbstzahler diese Medikamente dann in der Apotheke kauft, braucht man selbstverständlich dafür ein Rezept, eine Aufklärung über Wirkungen, über Nebenwirkungen, was muss ich erwarten. Und tatsächlich ist mit Kosten zu rechnen, weil hier sprechen wir von um die 200 € im Monat bis hin zu über 500 € im Monat, was wirklich prohibitiv ist für viele. Man denkt, es ist teilweise wie eine Monatsmiete. Da kann man nur hoffen auf Veränderungen. Man sieht es in anderen Ländern. Frankreich zum Beispiel hat die Erstattung jetzt vor Kurzem im Juni durchgebracht. Im NHS in England ist es so, dann haben wir noch Beispiele Irland und Griechenland etc. Also das wird sich, glaube ich, in den nächsten zehn Jahren schon verändern.

Heute zu Gast in „Gesund informiert“, dem rezeptfreien Podcast: die Internistin und Stoffwechselexpertin Bianca Itariu.

Fanny Sedlnitzky: Wenn Sie jetzt an Patienten denken, die das vielleicht von Beginn an oder relativ früh schon genommen haben, dadurch auch Gewicht verloren haben – wie stark ist denn der Effekt, der bleibt? Gibt es da wie bei jeder Diät diesen bekannten Jojo-Effekt? Das heißt, dass man, wenn man damit aufhört, relativ rasch wieder zu seinem ursprünglichen Gewicht zurückfindet, oder braucht es einfach auch wirklich im Kopf eine Änderung des Lebensstils dieser betroffenen Personen, dieser Adipositas-Patientinnen und -Patienten?

Bianca Itariu: Solange ich das Medikament nehme, muss ich mich nicht vor dem Jojo-Effekt fürchten. Es ist nicht so, dass zu irgendeinem Zeitpunkt jetzt die Wirkung aufhört und ich wieder trotz Medikament zunehmen werde. Viele Patientinnen wünschen sich aber auch, das Medikament abzusetzen, natürlich meistens aus Kostengründen. Aber als Therapie: Wenn man es absetzt, ist schon eine Gewichtszunahme zu erwarten. Aber es ist, wie Sie am Anfang gesagt haben: Nach der Gewichtsreduktion bewegt man sich leichter. Und wenn man hier die Bewegung, wieder die Freude an der Bewegung entdeckt und genau das dann wieder praktiziert mit ausreichend Bewegung – und da meine ich aber Krafttraining sowohl als auch Ausdauertraining –, dann kann man längerfristig das Gewicht besser halten. Die Studien haben gezeigt, dass eigentlich die Hälfte des abgenommenen Gewichts über eine Zeit von ca. einem Jahr in der Regel wieder zurückkommt. Wir werden sehen, was für neue Therapieoptionen wir in Zukunft haben, aber momentan muss man sich auf eine Langzeittherapie einstellen. Ich sage oft meinen Patienten: Das ist ein bisschen wie wenn ich ein Buch lese. Ich selber, wenn ich Bücher lese und sie mir gefallen, will immer wissen, wie sie zu Ende gehen, und lese das Ende. Das Ende ist hier noch nicht geschrieben und es gibt mehrere Kapitel. Zuerst muss man mal die Verträglichkeit testen, dann die Wirksamkeit, und dann das längste Kapitel ist diese Erhaltungsphase. Die ist für jeden ein bisschen unterschiedlich.

Fanny Sedlnitzky: Wir haben auch zu Beginn schon kurz gesprochen: soziale Medien. Da gibt es ein bisschen einen Hype um diese Abnehmspritze, und Personen lassen sich die verschreiben, die es vielleicht gar nicht nötig haben. Menschen, die ohnehin ein gutes Körpergewicht haben, die vielleicht nur ein paar Kilo zu viel haben, wo man sagt, das kriegt man anders auch hin. Sehen Sie da ein bisschen eine Gefahr, dass es sozusagen auch einen Missbrauch gibt?

Bianca Itariu: Es ist im Prinzip so, dass das Bild, das in den sozialen Medien präsentiert wird, total verzerrt ist, weil oft wird Adipositas als Schönheitsproblem und nicht als chronische Erkrankung wahrgenommen. Und die Patienten, die wirklich eine Indikation dann haben, fühlen sich dann noch zusätzlich unter Druck, weil dann heißt es: „Na, du bist auch einer von denen, die die Spritze aus Schönheitsgründen nehmen.“ Man muss auch dann sagen, es läuft auch die Gefahr, dass wenn man das so zwischen Tür und Angel oder über irgendwelche Online-Ressourcen bekommt oder – weil irgendwie kommt man dann doch an ein Rezept, aber ohne medizinische Überwachung –, dann kann das sehr wohl gesundheitliche Folgen haben. Wer macht dann das Nebenwirkungsmanagement? Wer entscheidet, wann steigere ich die Dosis oder nicht? Und es gibt einige Studien, die zeigen, dass die meisten Menschen, die das anwenden, innerhalb der ersten drei Monate aufhören. Was eigentlich bedeutet, dass sehr viele keine echte Betreuung haben mit der Therapie, sondern sie es mal so probieren und als Lifestyle sozusagen nutzen. Und hier sind die sozialen Medien tatsächlich in diesem Hype ein Riesenthema.

Fanny Sedlnitzky: Das heißt also: ganz wichtig, sich wirklich an Expertinnen oder Experten zu wenden. Hausarzt als erste Ansprechquelle, Internistin, Internist oder jemand, der sich wirklich damit auskennt. Was gibt es noch für Möglichkeiten, wenn ich sage, ja, ich würde mich gerne mal informieren? Gibt es da spezielle Möglichkeiten, sich im Internet sinnvoll zu informieren?

Bianca Itariu: Es gibt die Österreichische Adipositas-Gesellschaft auf der Homepage. Das ist adipositas.at oder adipositas-austria.org. Klingt für mich ein bisschen nach einem Fußballverein. Hier sind immer wieder Updates zu Publikationen, zu Neuigkeiten und so weiter. Es gibt von der Österreichischen Adipositas-Gesellschaft auch die Adipositas-Akademie. Die richtet sich an Gesundheitspersonal, wo man hier wirklich eine fundierte Schulung oder eine Weiterbildung anbietet. Und ich finde auch wichtig, dann auch seriöse Quellen zu haben, wie zum Beispiel auch Ihren Podcast. Ja, muss man auch sagen, weil es ist nicht nur der Medienhype, aber die Medien sind sehr bemüht, dieses Thema wirklich kritisch zu beleuchten. Seriöse Medien sind immer eine gute Quelle für Informationen. Punkt.

Fanny Sedlnitzky: Da komme ich noch zu einem wichtigen Thema: Sozialgesellschaft. Ja, es gibt Krankheiten, wo Menschen einfach nicht wirklich akzeptiert werden in der Gesellschaft, die es immer noch schwer haben. Da zählt auch die Adipositas dazu. Vielleicht auch deswegen, weil andere Menschen, Nicht-Betroffene, das gar nicht als Krankheit wahrnehmen, sondern wie wir schon gesagt haben, als Faulheit oder – ja, jemand, der sich einfach nicht im Griff hat. Vielleicht könnte man sagen: Was braucht es denn da zur Aufklärung, damit diese Menschen nicht stigmatisiert sind in der Gesellschaft?

Bianca Itariu: Das ist eine ganz ganz schwierige Frage. Gemeinsam mit der Frau Doktor Johanna Prix hab ich ein Buch geschrieben, das heißt "Das Gewicht über unsere Körper" und da geht es um Bodyshaming in der Medizin und nicht nur. Fast konnten wir das Buch nicht zu Ende schreiben, weil wir am Ende so deprimiert waren und gesagt haben, dass es keine Lösung gibt. Aber es gibt immer wieder Lösungen und hier sind wir Menschen so super, Probleme immer wieder kreativ zu bewältigen. Und wir haben ein paar Vorschläge gemacht und einer unserer Vorschläge war im Adipositas-Ministerium, weil das Problem nicht nur 50-60-jährige betrifft, sondern es geht vom Kindergartenalter bis hin zum hohen Alter, sowohl Männer, als auch Frauen in jeder Gesellschaftsschicht. Hier braucht es mehr als die Medizin - es ist die Bildung, es ist die Städteplanung, natürlich auch auf politischer Ebene - es gibt Diskriminierungsgesetze für Hautfarbe und Religion, aber das Gewicht fällt hier nicht hinein. Ich finde, dass ist natürlich auch sehr wichtig, für jeden, der im Gesundheitsbereich arbeitet, zu verstehen, dass Stigma zur Vermeidung von Arztbesuchen führt. Eine Patientin hat mir gesagt, sie war beim Arzt, der hat gesagt "Ja nehmen Sie zuerst 20 Kilo ab und dann schauen wir und das weiter an". Natürlich ist sie nie wieder hingegangen. Es führt dann zu einer schlechteren Versorgung. Es führt zu einer psychischen Belastung und sogar zu einer paradoxen Gewichtszunahme nach dem Motto "Jetzt ist eh schon alles wuarscht". Hier ist es wirklich so, dass die Entstigmatisierung nicht eine Nettigkeit ist, sondern es hat gesundheitliche Konsequenzen. Was mir fehlt in dem ganzen Diskus ist auch, dass wir viel mehr Betroffenen-Stimmen brauchen. Zum Beispiel Krebserkrankungen oder seltene Erkrankungen haben eine starke Präsentation von den Patienten-Seite, aber hier ist es eher so, dass sich die Patienten zurückziehen.

Fanny Sedlnitzky: Oder sich auch nicht als Patienten erkennen, oder?

Bianca Itariu: Ja genau. Uns sich auch überlegen, was können wir noch als Gesellschaft machen und informieren ohne zu moralisieren, bis hin zu Ausstattungen in den Ordinationen: Passen die Möbel, passt die Blutdruck-Manchette. Das sind so kleine Schritte, die glaub ich viel bewirken können.

Heute zu Gast in „Gesund informiert“, dem rezeptfreien Podcast: die Internistin und Stoffwechselexpertin Bianca Itariu.

Fanny Sedlnitzky: Sie haben einen Punkt noch angesprochen, da muss ich noch einhaken. Es betrifft teilweise ja schon Kinder im Kindergartenalter, die zu viel Gewicht haben. Was empfehlen Sie denn? Gibt es auch andere Möglichkeiten, um mal einen ersten Schritt zu starten, bevor man sagt: „Ich nehme diese Abnehmspritze“? Beziehungsweise für Kindergartenkinder wird man diese Abnehmspritze auch noch nicht empfehlen.

Bianca Itariu: Im Austausch mit vielen Kinderärztinnen weiß ich, dass der Fokus immer auf der Familie als Einheit liegt und jetzt nicht auf dem Kind alleine. Das heißt: das Ernährungsverhalten der Eltern, die Vorbildfunktion, gemeinsame Mahlzeiten und vor allem diese Bildschirmregulierung. Das ist ein Riesenthema. Und auch sozusagen – ich verstehe es auch aus dieser Elternperspektive, ich bin selber Mutter von zwei Kindern und habe immer die Angst, dass die Kinder verhungern und ob sie eh gut gegessen haben –, aber dass man wirklich vermeidet, ihnen Hochkalorisches zu geben. Und hier ist zum Beispiel der Säfte-Punkt wichtig. Viele Kinderärzte, wenn sie ein Kind in der Sprechstunde haben, das mit Adipositas lebt, dann sagen sie: „Ich freue mich, wenn ich höre, dass das Kind viele Säfte trinkt“, weil da ist schon mal ein Ansatz, das zu modifizieren, und dann weiß ich, das wird gut gehen, wenn wir das schaffen. Deswegen waren ich und auch viele meiner Kollegen umso überraschter über diesen fehlenden Verbot, Energy-Drinks an Jugendliche zu verkaufen. Also das hat wirklich gesundheitliche Konsequenzen. Und sich hier also in der Familie und für Kinder zu fokussieren auf das Positive – nicht ein „Ich nehme das weg“, sondern die Freude an Bewegung, ein Sportprogramm, freies Spielen, Bewegung in Alltagsroutinen. Also nicht nur sitzen natürlich, weil da ist das Kind in Sicherheit und wird von niemandem entführt – nein, sondern einfach Bewegungsangebote schaffen. Und es muss jetzt nicht das teure Tenniscamp sein oder was auch immer, sondern einfach im Wald, im Garten etc. Keine Diätprogramme und kein Kalorien zählen und nicht dem Kind das Gefühl geben, nicht genug zu sein, aber helfen, wo es geht. Und natürlich – also hier gibt es auch Programme, die super sind, von vielen Gesundheitsanbietern. Und auch dann bei den Schulkindern Ernährungswissen. Also da wird sehr viel über Zähne gesprochen in den Schulen, aber auch: Was sind Makronährstoffe, was ist eine gesunde Ernährung? Und die Elternmitbindung, also die Lebensstilintervention im Zeitalter der Abnehmspritze, ist das Allerwichtigste nach wie vor, was wir auf gesellschaftlicher Ebene machen können, von gesunder Ernährung und Bewegung und so weiter. Ich sage oft auch zu meinen Patienten: Wissen Sie, das ist artgerechte Haltung. Wenn ich jetzt einen Hund oder ein Pferd oder eine Katze habe, da schauen wir eh alle, dass es ihnen gut geht. Und ich glaube, das müssen wir für uns selber auch in Anspruch nehmen.

Fanny Sedlnitzky: Ein wunderbares Schluss-Statement für unsere neue Podcast-Folge. Ich danke Ihnen vielmals und wir werden uns auch weiterhin bemühen, die Menschen in unserem Podcast Gesund informiert gesund zu informieren und wir tun das mit Hinweisen zu Bewegung, zu gesundem Essen und in diesem Fall jetzt, vielen herzlichen Dank Bianca Itariu, dass wir hier einen Einblick bekommen haben in eine Krankheit und viele diese Krankheit Adipositias jetzt nicht mehr als Faulheit der Menschen sehen, sondern diesen Menschen vielleicht ein bisschen helfen, da rauszukommen und sie zu motivieren zu einem gesünderen Lebensstil oder auch mal einen Arzt aufzusuchen. Herlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

Bianca Itariu: Sehr, sehr gerne und alles Liebe.

Fanny Sedlnitzky: Dankeschön.

Das war „Gesund informiert“, der Gesundheitspodcast. Eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfonds Steiermark und ORF Steiermark.

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