Folge #99: Gesund informiert zum Mikrobiom: Wofür brauchen wir die Lebewesen im Darm?
Der Darm ist nicht nur für die Verdauung zuständig, er beheimatet auch unser Immunsystem, ist für viele Vorgänge in unserem Körper zuständig und kommuniziert mit unserem Gehirn über die sogenannte Darm-Hirn-Achse. Wie gut er arbeitet, das bestimmt unter anderem das sogenannte Mikrobiom – eine Zusammensetzung von Millionen von Lebewesen in unserem Darm.
In der neuen Folge #99 erfahren Sie, was Darm und Psyche miteinander zu tun haben und warum Vielfalt in der Ernährung so wichtig ist.
Gast: Sabrina Leal Garcia (Psychiaterin und Ernährungsmedizinerin)
„Gesund informiert“ ist eine Zusammenarbeit zwischen ORF Steiermark und Gesundheitsfonds Steiermark.
Redaktion und Stimme: Fanny Sedlnitzky
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Willkommen bei Gesund informiert, der Gesundheitspodcast. Eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfonds Steiermark und ORF Steiermark. Fanny Sedlnitzky liefert wertvolle Antworten in unserem rezeptfreien Podcast. Heute zu Gast: Sabrina Leal Garcia, Fachärztin für Psychiatrie und Ernährungsmedizin.
Fanny Sedlnitzky: Wir machen uns heute auf eine Reise vom Hirn in unseren Darm in unserer neuen Podcast-Folge. Es geht um die Darm-Hirn-Achse, falls das jemand schon einmal gehört hat, eine ganz wichtige Verbindung. Denn unser Hirn, das denkt, und wir glauben ja gar nicht, was unser Darm alles denken kann. Aber wie kommuniziert der mit unserem Hirn? Was passiert alles in dieser Achse? Was passiert im Darm? Wer ist dafür verantwortlich, dass hier überhaupt kommuniziert wird? Da wollen wir ein bisschen näher eintauchen und da habe ich natürlich eine Expertin hier zu Gast, Sabrina Leal Garcia. Herzlich willkommen. Schön, dass Sie gekommen sind.
Sabrina Leal Garcia: Ja, herzlichen Dank für die liebe Einladung.
Fanny Sedlnitzky: Sie sind Expertin für die Hirnachse. Warum?
Sabrina Leal Garcia: Also, ich bin eigentlich Fachärztin für Psychiatrie und Professorin an unserer Psychosomatik, aber ich habe meine Dissertation zum Thema Darmmikrobiom geschrieben bei einer schweren psychischen Erkrankung, nämlich bei der Anorexia nervosa. Und da habe ich dann zum ersten Mal diesen engen Zusammenhang auch wissenschaftlich gesehen zwischen Hirn und Darm. Dann hat mich das Thema näher interessiert. Ich bin dann auch tief eingetaucht in die Ernährungspsychiatrie, Ernährungsmedizinerin geworden und forsche jetzt seit Jahren an dieser spannenden Achse, die wirklich extrem viel mit der Psyche zu tun hat, mehr als man meint.
Fanny Sedlnitzky: Genau. Also für alle, die es noch nicht wussten, diese Achse gibt es. Die ist tatsächlich vorhanden und die ist nicht nur imaginär vorhanden, die ist tatsächlich auch durch Nerven verbunden, das Gehirn mit unserem Darm. Da ist ein ganz wichtiger Nerv, der quer durch unseren Körper läuft.
Sabrina Leal Garcia: Genau, das ist der sogenannte Vagusnerv. Also, wenn man von der Darm-Gehirn-Achse spricht, dann meint man jetzt nicht nur eine Verbindung, die besteht aus wirklich ganz unterschiedlichen Teilen. Man kann sagen, es gibt einerseits die Verbindung zwischen Darm und Gehirn mit dem Immunsystem über Entzündungsvorgänge, auch das Hormonsystem. Mitunter die schnellste Achse, wo wirklich binnen Millisekunden Informationen von unserem Darm zum Gehirn übertragen werden können, die geht durch den Vagusnerv, das ist der zehnte Hirnnerv. Also, der überträgt jetzt nicht nur Infos vom Darm, sondern der legt sich so ähnlich, kann man sich denken wie ein Stethoskop, über unsere inneren Organe, auch übers Herz, über Leber, über Niere und bringt da diese Informationen ans Gehirn, wo sie auch verarbeitet werden. Und vielleicht ist auch noch wichtig dazu zu sagen: Es geht jetzt nicht nur vom Darm zum Gehirn, sondern auch vom Gehirn zum Darm. Es ist ein bidirektionales Kommunikationssystem, das ständig in uns aktiv ist.
Fanny Sedlnitzky: Genau das merken wir vielleicht in einer Situation, wo man Angst hat, wo man aufgeregt ist, wo man vielleicht merkt: Oh, ich sollte eine Toilette aufsuchen. Das ist dann die Achse vom Hirn in den Darm hinunter. Wir wollen ein zweites großes Stichwort gleich ansprechen, das schon gefallen ist: das Mikrobiom. Denn auch das hat sehr viel damit zu tun, wie das alles funktioniert. Was ist unser Mikrobiom?
Sabrina Leal Garcia: Ja, also da gibt es zwei Begriffe, die manchmal in der Wissenschaft sogar synonym verwendet werden, aber nicht ganz das Gleiche bedeuten. Das eine ist das Mikrobiom und das andere sind die Mikrobiota. Mikrobiota bezeichnen wirklich die Lebewesen selber, also Bakterien, Pilze, Viren, Archaeen, also wirklich diese gesamte Gemeinschaft der Lebewesen, die sich da in uns tummelt. Und das Mikrobiom ganz streng genommen ist das genetische Material dieser Lebewesen. Und das Mikrobiom konnte man die letzten Jahre immer genauer bestimmen und deswegen ist es jetzt auch wissenschaftlich so interessant geworden.
Fanny Sedlnitzky: Also ein Begriff, der neu gekommen ist, der aber eigentlich den Begriff Darmflora, kann man vielleicht so vereinfacht sagen, abgelöst hat.
Sabrina Leal Garcia: Genau. Also, man könnte sagen Mikrobiota, damit meint man das, was früher die Ärzte der vorigen Generationen als die sogenannte Darmflora bezeichnet haben.
Fanny Sedlnitzky: Genau. Und mittlerweile kommt man an diesem Begriff Mikrobiota oder Mikrobiom eigentlich überhaupt nicht mehr vorbei. Es wird viel Werbung damit gemacht. Aber um das jetzt ein bisschen einzugrenzen: Wir wollen uns mit dem Darm beschäftigen. Wir haben ja auch auf der Haut und auf allen anderen verschiedensten Körperregionen natürlich Mikroorganismen, aber besonders in unserem Darm, da tummeln sich ganz, ganz viele in unserem Dickdarm. Was ist da alles los?
Sabrina Leal Garcia: Der Dickdarm hat eine sehr vielfältige Flora. Das sind viele Anaerobier unterwegs. Wenn man so in die Stuhlproben ein bisschen reinschaut, vergleicht man ja zum Beispiel auch immer das Mikrobiom von Gesunden oder Kranken beispielsweise, und da kann man dann einen groben Überblick bekommen, was in uns los ist. Wichtiger als jetzt einzelne Bakterien, die sich dort tummeln, ist aber immer die Gemeinschaft, also dass man wirklich schaut: Wie schaut die bakterielle Community aus, wie sind da die Nachbarschaftsverhältnisse? Weil so einzelne Bakterien, wenn jetzt da ein paar so kleinere Bösewichte dabei sind, das kann unser Körper locker tragen, das ist nicht schlimm. Aber wenn da etwas die Überhand gewinnt – wir kennen das vielleicht nach einem Antibiotikum manchmal –, können dann einzelne Keime die Überhand gewinnen und dann fast ein bisschen wie in eine totalitäre Herrschaft übergehen, und das ist nicht gut beim Darm. Also man braucht die Vielfältigkeit der Lebewesen und das ist gleichzeitig so ein bisschen der Parameter für die Gesundheit der Darmflora.
Fanny Sedlnitzky: Und die ist ja bei jedem ein bisschen anders. Also es ist nicht so, dass wir beide jetzt die gleichen Bakterien in unseren Dickdärmen haben. Woher kommen diese Bakterien?
Sabrina Leal Garcia: Also es hängt je nachdem auch ab, wie man geboren wird, zum Beispiel wie das erste Mikrobiom ausschaut. Wenn man mit dem Kaiserschnitt auf die Welt kommt, hat man ganz andere Bakterien, als wie wenn man vaginal geboren ist, wo man dann auch mit den Laktobazillen beispielsweise in der Scheide der Mutter in Berührung kommt. Und auch die Muttermilch hat gewisse Stoffe drinnen, die eigentlich nicht für die Ernährung des Kindes selber ausschlaggebend sind. Das heißt, das Kind hat dadurch keine besonderen Kalorien, aber die ernähren die Darmbakterien. Also das sind die sogenannten Präbiotika, die dann dazu führen, dass beispielsweise die Bifidobakterien – das sind diese, die kennt man vom Joghurt...
Fanny Sedlnitzky: Genau.
Sabrina Leal Garcia: ...genau, ein kindliches Mikrobiom ist von den Bifidobakterien geprägt. Und das entwickelt sich dann aber auch weiter im Laufe des Lebens, sodass es dann immer komplexer wird. Das heißt, wir kriegen dann immer, je nachdem wie wir essen, auch wie wir aufwachsen, auch in welcher Kultur wir zum Beispiel sind. Es hat auch was damit zu tun: Haben wir Haustiere oder nicht? Wie viele Geschwister haben wir vielleicht? Auch: Bin ich gerade in einer Partnerschaft, ja oder nein? Das hat großen Einfluss auf die Vielfältigkeit unserer Mikrobiota, weil natürlich ständig eine wechselseitige Beziehung und Auswirkung mit der Umwelt besteht.
Fanny Sedlnitzky: Was haben die für eine Aufgabe in unserem Körper? Warum ist es wichtig, dass die so vielfältig vorhanden sind?
Sabrina Leal Garcia: Also, die haben zig Aufgaben. Ich glaube, die wichtigste ist wirklich das Training des Immunsystems. Unser Darm ist ein Haupttrainingsort des Immunsystems. Dann ist auch das Fermentieren sehr, sehr wichtig. Also wenn man fragt: Was tun die Darmbakterien den ganzen Tag? Auch in der Nacht fermentieren die. Die schauen mal: Was kommt da an Futter rein? Ballaststoffe sind so ihr Lieblingsessen, also das, was wir vielleicht auch als Präbiotika bezeichnen. Dann entstehen gewisse Stoffe, die bezeichnen wir als kurzkettige Fettsäuren. Ganz bekannt ist da das Butyrat. Vielleicht hat der eine oder andere schon einmal davon gehört. Und Butyrat ist der Hauptenergiespender der Darmschleimhaut. Das Butyrat braucht man, um die Darmschleimhaut gut zu ernähren, und wir wollen eine gute und dichte Darmschleimhaut haben. Was jetzt auch im Bereich der Psyche sehr relevant geworden ist als Konzept der letzten Jahre, ist das Konzept vom Leaky Gut.
Fanny Sedlnitzky: Also ein löchriger Darm übersetzt.
Sabrina Leal Garcia: Löchriger Darm, genau übersetzt. Also wenn man jetzt wirklich ein Thema hat mit dem Essen, also viel Fast Food, viel Stress beispielsweise, auch Entzündungen, oder wenn man im Ausland war, vielleicht einmal einen Infekt in Ägypten etc. erwischt hat, kann man ja lange noch mit Beschwerden kämpfen. Und das hängt dann mit einem löchrigen Darm zusammen. Ich erkläre es meinen Studierenden manchmal so mit dem Bild meiner Küchenfliesen. Ich habe eine Küche, wo kleine Fliesen sind, und normalerweise sind diese Fliesen mit einer guten Kittmasse miteinander verbunden. Wenn jetzt aber den Darm irgendwas aufregt, also irgendwelche Bakterien zum Beispiel im Übermaß vorhanden sind, die dort nicht hingehören, oder man hat zu wenig Ballaststoffe, dann bricht diese Kittmasse zwischen den Fliesen auf. Dann können gewisse Nahrungsbestandteile, aber auch Bakterien in unseren Körper vordringen. Und immer wenn in den Körper irgendwas reinkommt, was da nicht hingehört, dann reagiert das Immunsystem. Dann fährt die Entzündung an allen Stellen hoch, und durch diese Entzündlichkeit schlägt sich das dann auch in vielen Organsystemen nieder. Man kann natürlich Bauchweh kriegen, Blähungen, aber auch zum Beispiel, dass es einem psychisch schlechter geht, dass man depressiver wird, Angst entwickelt, vielleicht schlechter schlafen kann oder auch Juckreiz hat bei der Haut oder Gelenkschmerzen. Es kann sich auf viele Organsysteme niederschlagen.
Fanny Sedlnitzky: Das heißt also, man hat möglicherweise ein Problem im Bauch, man hat vielleicht dort gar keine Schmerzen, aber man merkt: Irgendwie funktioniert das Ganze nicht so. Und das kann sich tatsächlich äußern in psychischen Symptomen, und dann führt man das aber vielleicht gar nicht aufeinander zurück. Das heißt, diese Darm-Hirn-Achse kommuniziert die ganze Zeit und da passiert was. Also wenn es dem Darm schlecht geht, kann es sein, dass es unserem Kopf nicht besonders gut geht.
Sabrina Leal Garcia: Durchaus, weil wir Systeme haben, die ständig miteinander in Verbindung stehen. Im Biologischen haben wir das zum Beispiel auch, dass die Darm-Hirn-Achse verbunden ist mit dem Immunsystem, wie wir jetzt erwähnt haben, auch mit dem Hormonsystem. Interessant ist ja auch, dass viele psychische Erkrankungen besonders in hormonell kritischen Phasen auftreten können, zum Beispiel rund um die Geburt, dass es einer Frau da schlechter gehen kann. Oder auch die Wechseljahre sind so ein Thema, wo man diese Interaktionen ein bisschen sehen kann. Auch auf entzündliche Vorgänge ist es ganz wichtig, das Mikrobiom in einer Balance zu halten, dass man da auch hinschaut. Wenn jetzt jemand kommt und sagt: „Jetzt geht es mir schon eine Zeit lang schlecht“ oder „Ich komme nicht gut aus dem Bett“, „Ich kann nicht gut schlafen“, dann fragen wir bei uns in der Ambulanz auch nach: „Wie geht es denn Ihrem Darm? Wie oft gehen Sie auf die Toilette?“
Heute zu Gast in Gesund informiert, dem rezeptfreien Podcast: Sabrina Leal Garcia, Fachärztin für Psychiatrie und Ernährungsmedizin.
Fanny Sedlnitzky: Dann möchte ich jetzt vorschlagen, wir schauen uns an, wie wir diese Achse gut ins Laufen bringen, wie wir vor allem unseren Darm fit halten mit den verschiedensten Bakterien, und was ich eigentlich generell tun kann, damit mir dieses ganze System nicht kippt und weiterhin gut funktioniert. Denn da brauchen wir nicht unbedingt schwere Medikamente einnehmen.
Sabrina Leal Garcia: Nein, durchaus nicht. Die Grundlage für das Darmmikrobiom ist wirklich die Ernährung.
Fanny Sedlnitzky: Also das, was wir oben reinfüllen, ist eigentlich der Treibstoff für unseren Körper.
Sabrina Leal Garcia: Ja, also das ist die Basis. Es nützt ja zum Beispiel jetzt auch nichts, wenn ich ganz super tolle Rosensamen kaufe und die dann auf dem Saharasand anpflanzen will. Das hätte wenig Sinn. Das heißt, ich muss erst einmal schauen: Wie schaut meine Ernährung aus? Das ist für mich eine ganz wichtige Frage, wenn Leute zu uns mit psychischen Beschwerden kommen: „Wie ernähren Sie sich? Wie schaut ein typischer Tag in Ihrem Leben aus? Was ist ein typisches Frühstück, Mittag- oder Abendessen?“ Deswegen ist es so wichtig, das einmal gehört zu haben und zu verstehen, weil dann kommt Interesse dazu für den eigenen Körper. Wir haben in der psychosomatischen Medizin auch ein sehr prägendes Modell, die Salutogenese von Antonovsky. Uns interessiert ja nicht nur: Wie entsteht die Krankheit?, sondern auch: Was macht einen Menschen gesund? Da muss es auch verstehbar sein, handhabbar sein und sinnhaft sein, was man tut. Es ist dann spannend, weil einige Patientinnen und Patienten auch sagen: „Ah, das ist ein bisschen wie ein Detektiv vielleicht beobachten.“ Wie geht es Ihnen, wenn Sie jetzt einmal vermehrt Richtung Fast Food unterwegs waren oder Richtung Take-away? Wie wirkt sich das sowohl auf den Bauch aus, aber auch auf die Stimmungslage? Wie haben Sie geschlafen? Am Kaffee vielleicht, oder auch Energydrinks, oder auch: Wie ist es mit Süßstoffen? Dass man das ein bisschen beobachtet, neugierig wird und danach eine spezielle Beziehung wieder zum eigenen Körper entwickelt. Da kommt man oft auf gewisse Dinge drauf und das bringt die eigene Gesundheit in ein ganz neues Licht. Vor allem gibt es einem das Potenzial, selber was zu tun, dass man nicht immer sagt: „Man braucht jetzt irgendein schweres Medikament und ein Rezept für die Apotheke“, sondern dass man dann auch Kochrezepte für sich selber erstellt, die gut zur eigenen Gesundheit passen.
Fanny Sedlnitzky: Kochrezepte ist auch ein wichtiges Stichwort. Da haben Sie sich dahintergeklemmt und nachgeforscht: Welche Lebensmittel tun uns gut, welche tun unserem Mikrobiom gut? Was kann ich tun, um meine Stimmung zum Beispiel ein bisschen aufzuhellen oder, wenn ich sehr schlapp bin, Lebensmittel zu mir zu nehmen, die mir ein bisschen Energie geben? Sie haben das Ganze in ein Kochbuch gepackt.
Sabrina Leal Garcia: Genau. Nicht nur ich alleine, ich habe großartige Unterstützung gehabt von einem Haubenkoch, das war Attila Warnat, der die Rezepte mit ganz viel Herzblut verfasst hat als Koch und Ernährungstherapeut. Ich habe eine theoretische Einleitung geschrieben, um dieses Thema einfach einmal zu verbinden, was für viele halt noch ganz neu war. Wir haben dann in den Ernährungsdatenbanken geschaut: Wo ist was drinnen? Wie ist es enthalten? Vor allem auch: Was schmeckt gut in Kombination? Denn nur weil es gesund ist, heißt das nicht, dass man das im Alltag gut integrieren kann. Es ist ganz wichtig, dass wir das mit Freude essen können. Da ist wieder das Stichwort achtsames Essen und der Vagusnerv – dieser Entspannungsnerv, den wir vorher erwähnt haben. Der ist natürlich besonders aktiv, wenn wir in Ruhe essen, etwas essen, was uns schmeckt, das in guter Gesellschaft essen und ausreichend kauen.
Fanny Sedlnitzky: Also da ist ein ganzes Bündel an Dingen notwendig, damit wir unseren Darm gut füttern. Aber um jetzt ein bisschen konkreter zu werden: Was sind Lebensmittel, was sind die Dinge, die uns wirklich gut tun? Sie haben die Ballaststoffe schon angesprochen, die das Futter für unsere Darmbakterien sind. Was ist da besonders wichtig? Was ist empfehlenswert?
Sabrina Leal Garcia: Ich habe auch noch gelernt in meiner Ausbildung: Ballaststoffe gehen einfach durch und hätten keine Kalorien. Aber sie sind ganz wichtig für das Darmmikrobiom als Futter. Also sie sind kein Ballast, man braucht sie wirklich als Grundlage, um unser Innenleben zu ernähren. Und die kommen vor in Gemüse und Obst, in Lauchgemüsen wie Knoblauch, wenn man es verträgt. Aber jede Form: auch Spinat, auch Kartoffeln. Wenn man zum Beispiel Reis, Nudeln oder Kartoffeln hat, kann man die auch einmal über Nacht stehen lassen und am nächsten Tag gut durcherhitzen und dann erst essen. Dann bildet sich nämlich etwas ganz Besonderes für unseren Darm: die sogenannte resistente Stärke. Das ist das Lieblingsessen unserer Darmbewohner, und das ist praktisch für alle, die vorkochen müssen.
Fanny Sedlnitzky: Genau, es ist gar nicht so schlecht, wenn man aufgewärmte Nudeln oder Kartoffeln isst.
Sabrina Leal Garcia: Wichtig ist mir auch immer zu sagen, weil manchmal gefragt wird: Gibt es Superfoods und soll man nur gewisse Lebensmittel essen? Da muss man sagen: Definitiv nein. Es ist die Vielfalt. Je vielfältiger das ist, was wir zu uns nehmen, umso vielfältiger ist unser Mikrobiom. Die besten Daten gibt es eigentlich für Ernährungsstile, die ursprünglich sind: die alte mediterrane Ernährung, die dem Essen der Italiener und Griechen der 40er Jahre entspricht. Nicht das, was man heute in Italien findet mit viel Pizza und Pasta – das ist es leider nicht.
Fanny Sedlnitzky: Aber das Gemüse, das Olivenöl ist sehr wichtig.
Sabrina Leal Garcia: Olivenöl und Gemüse sind wichtig. Auch der Fisch ist wichtig, weil da wieder das Thema Omega-3-Fettsäuren und Zink aufkommt, was extrem wichtig ist. Es gibt eine eigene Ernährungsform, die sich stark an der mediterranen Ernährung orientiert und für die Psyche intensiv erforscht wird: die sogenannte Psychobiotic Diet. Da fügt man am Tag ein fermentiertes Lebensmittel hinzu, zum Beispiel milchsauer fermentierte Gurken. Wenn Sie das nächste Mal Gurken kaufen, schauen Sie, ob „milchsauer fermentiert“ draufsteht oder „in Essig eingelegt“. Kaufen Sie eher die milchsaueren. Auch Kefir oder das gute alte Sauerkraut fallen darunter. Warum sind gerade diese fermentierten Lebensmittel gut für unseren Darm?
Sabrina Leal Garcia: Die sind sozusagen schon ein bisschen vorverdaut. Wenn man an meine Oma denkt, die hatte noch einen Sauerkrautbottich mit ganz vielen Laktobazillen. Die machen praktisch außerhalb des Körpers schon eine Andauung. Das klingt jetzt vielleicht nicht so geschmackig, aber die helfen uns, das vorzuverdauen, und liefern gleichzeitig gute Bakterien, die wir aufnehmen. Sie gelten auch als Synbiotika, weil wir einerseits die Präbiotika haben – die Ballaststoffe im Sauerkraut – und andererseits die Probiotika, die lebenden Keime. Diese Zusammenkunft nennt man Synbiotikum. Das gereicht unserem Körper sehr zum Guten, weil man gleichzeitig das Futter und die Futterverwerter hat und dann viel von diesen kurzkettigen Fettsäuren, dem Butyrat, entsteht, was uns vor Leaky Gut schützt.
Fanny Sedlnitzky: Heute zu Gast in Gesund informiert, dem rezeptfreien Podcast: Sabrina Leal Garcia, Fachärztin für Psychiatrie und Ernährungsmedizin. Viele wollen sich vielleicht die Arbeit nicht antun, ihren Darm mit einer ausgewogenen Kost und frisch Gekochtem auf Vordermann zu bringen. Die denken sich: „Ich kaufe mir das in der Apotheke.“ Es gibt überall diese Darmbakterien-Pulverchen und Getränke. Ist das sinnvoll?
Sabrina Leal Garcia: Da muss man wieder sagen: Jein. Und die Frage ist: Für wen? Man muss sagen, Probiotika wirken nur so gut, wie das Ursprungsmikrobiom und die Nahrung sind. Es ist die Frage: Was siedelt sich von den Probiotika an und was bleibt da? Um auf das Beispiel mit den Rosensamen zurückzukommen: Ich kann die immer wieder ausstreuen, aber es hat wenig Sinn, wenn wenig bleibt oder sich die Nachbarschaft nicht ändert, weil die Ernährung nicht passt. Der Ersatz – also zu sagen: „Ich nehme nur Probiotika und ernähre mich weiter von Fast Food und verarbeiteten Lebensmitteln“ – wird leider nicht funktionieren. Kaum lässt man das Probiotikum weg, geht das Mikrobiom wieder in den Ausgangszustand retour.
Fanny Sedlnitzky: Möglichst vielfältig die Küche gestalten – das ist vielleicht ein guter Tipp, den wir unseren Zuhörerinnen und Zuhörern mitgeben können.
Sabrina Leal Garcia: Unbedingt. Eine kleine Hausübung, die wir immer mitgeben, ist: Einmal in der Woche ein Lebensmittel ausprobieren, das man noch nie oder schon sehr lange nicht mehr gegessen hat. Das ist für viele spannend zu recherchieren: Wie bereite ich das zu? Wie schmeckt das? So bleibt es interessant.
Fanny Sedlnitzky: Einen guten Computer muss man manchmal resetten, also neu aufsetzen, weil irgendwas nicht funktioniert. Beim Darm wird viel Werbung damit gemacht, ihn durchzuspülen, zu entgiften und neu aufzusetzen. Ist es sinnvoll, den Darm von diesen Bakterien zu befreien?
Sabrina Leal Garcia: Für die meisten Patientinnen und Patienten würde ich sagen: Nein. Unser Körper entgiftet ständig, auch wenn wir hier sitzen und reden. Wir haben eine Leber, die gut arbeitet, wir entgiften über die Nieren und über den Darm. Das sind ständige Prozesse. Natürlich geben wir bei schwerwiegenden Lebensmittelvergiftungen etwas Entgiftendes, wie Aktivkohle oder Carbo medicinalis, was Bindemittel sind. Manche kennen auch das massiv beworbene Zeolith. Aber da muss man aufpassen: Wenn man andere Medikamente nimmt, können diese Bindemittel auch deren Wirkung binden.
Fanny Sedlnitzky: Genau, und auch die Nährstoffe werden damit gebunden.
Sabrina Leal Garcia: Richtig. Menschen, die monatelang Kuren mit Zeolith machen, kommen oft in Nährstoffmängel rein.
Fanny Sedlnitzky: Es wird auch das Gute ausgeschieden.
Sabrina Leal Garcia: Es wird auch das Gute ausgeschieden, was man brauchen würde. Das heißt: Wenn, dann nur mit ärztlicher Begleitung und mit Vorsicht. Im Alleingang über Monate: Nein.
Fanny Sedlnitzky: Also besser über die Ernährung. Gut einfüllen oben, dann kann sich unser Darm gut regenerieren.
Sabrina Leal Garcia: Genau. Die gesunden Anteile fördern, dann hat die Erkrankung wenig Chance.
Fanny Sedlnitzky: Wo könnte man sich noch Informationen holen? Was empfehlen Sie, wenn man mehr Wert auf die Ernährung in Kombination mit der Darmgesundheit legen möchte?
Sabrina Leal Garcia: Allgemeine Informationen findet man auf den Homepages der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung, der ich auch angehöre. Es ist auch die neue Lebensmittelpyramide draußen, und der „Gesunde Teller“ kann immer helfen. Bei Ernährung und Psyche gibt es vom Verband der Diätologen eine eigene Sektion, die sich speziell mit dem Thema befasst. Wir haben dort auch einen Folder zur Ernährung bei Depression erstellt. Auch da kann man unterstützen und tatsächlich ein bisschen gegensteuern.
Fanny Sedlnitzky: Ja, durchaus.
Sabrina Leal Garcia: Wo die Basics erklärt werden und Hilfe für die Umsetzung mitgegeben wird. Natürlich ist es am Anfang schwierig, alles auf einmal umzustellen. Das geht nicht, Verhaltens- und Lebensstiländerungen brauchen Zeit. Wenn keine schweren Erkrankungen vorliegen, rate ich dazu, neugierig zu sein: Langsam die Ballaststoffmenge raufsetzen und schauen: „Wie geht es mir damit?“ Wie ist es, wenn ich ein paar Tage hintereinander Kefir trinke? Wenn ich mir Zeit nehme zum Verdauen, in netter Gesellschaft esse und gut kaue? Das Kauen und Einspeicheln der Nahrung ist schon die halbe Verdauung. So kann man schauen, welche Rückmeldungen der Körper gibt und wie man gut in die Selbstfürsorge gehen kann.
Fanny Sedlnitzky: Vielen herzlichen Dank für diese wertvollen Tipps. Wir könnten noch Stunden über unser Mikrobiom und diese Vielfalt im Darm reden, aber ich glaube, einen ersten groben Überblick haben wir bekommen. Sabrina Leal Garcia, vielen Dank, dass Sie uns diesen Einblick gegeben haben und vielleicht den einen oder anderen beim nächsten Einkauf zum Umdenken gebracht haben.
Sabrina Leal Garcia: Ja, herzlichen Dank für die liebe Einladung.
Das war Gesund informiert, der Gesundheitspodcast, eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfonds Steiermark und ORF Steiermark.