Folge #92 Gesund informiert zum Thema Magersucht: Wo finde ich Hilfe?
Im März, dem Monat in dem Frauengesundheit ganz groß geschrieben wird, widmet sich diese Folge dem Thema Magersucht. Was viele nämlich nicht wissen: Magersucht hat eigentlich wenig mit der Ablehnung von Essen oder der Figur zu tun, sondern dahinter versteckt sich meist viel mehr – oft ist es ein regelrechter Hilfeschrei der Betroffenen.
In der neuen Folge #92 erfahren Sie, wie man die Magersucht als Angehöriger erkennt, wie man reagieren kann und wo man Hilfe findet.
Gäste:
Christine Brugger und Karin Lafer von LELI dem Tageszentrum für Menschen mit Essstörungen
„Gesund informiert“ ist eine Zusammenarbeit zwischen ORF Steiermark und Gesundheitsfonds Steiermark.
Redaktion und Stimme: Fanny Sedlnitzky
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Willkommen bei gesund informiert, der Gesundheitspodcast. Eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfonds Steiermark und ORF Steiermark. Fanny Sedlnitzky liefert wertvolle Antworten in unserem rezeptfreien Podcast. Heute mit Christine Brugger und Karin Lafer von Lely, dem Tageszentrum für Menschen mit Essstörungen.
Fanny Sedlnitzky: Wir befinden uns im März und der März beinhaltet den Weltfrauentag und deswegen wollen wir uns im März auch vermehrt den Frauen widmen, hier bei uns im Podcast gesund informiert. Und da geht es um ein Thema, das hauptsächlich Frauen betrifft. Es geht um Essstörungen und da wollen wir heute eine Essstörung anschauen, die uns schon seit Jahren in unserer Gesellschaft begleitet, wie man diese Essstörung behandeln kann, wer betroffen ist und wie hier sozusagen auch Angehörige helfen können. Es geht um Magersucht und dazu habe ich zwei Gäste hier bei mir. Ich begrüße sie recht herzlich, Christine Brugger.
Christine Brugger: Hallo.
Fanny Sedlnitzky: Und Karin Lafer.
Karin Lafer: Guten Tag.
Fanny Sedlnitzky: Sie beide sind die Leiterinnen des Lely Tageszentrums für Menschen mit Essstörungen. Da kann man sich hinwenden, wenn man glaubt, Probleme zu haben mit dem Essen, wenn irgendwie etwas unrund läuft. Aber vielleicht können Sie uns einmal genau erklären, was denn dieses Tageszentrum ist, für wen das gedacht ist und wer dort sozusagen Klient ist, Klientin.
Christine Brugger: Wir haben eröffnet im Juli 2021 das österreichweit erstes Tageszentrum für Menschen mit Essstörungen und sind eine Einrichtung, wo sich Menschen zwischen 14 und 40 Jahren, die an Anorexie oder Bulimie erkrankt sind, hinwenden können. Wir sind tatsächlich eine niederschwellige Einrichtung, wo man auch anonym teilnehmen kann. Man braucht keine Überweisung, man braucht keine Diagnose, sondern man kann sich einfach mal auf der Webseite informieren und dann über das Kontaktformular melden und dann schauen wir in einem Orientierungsgespräch gemeinsam, was es jetzt braucht, ob wir die richtige Einrichtung sind und wie wir auf diesem Heilungsweg unterstützen können. Und gleichzeitig haben wir ein Angebot für Angehörige von Betroffenen. Die können Sie einfach bei uns melden und teilnehmen an unseren Angehörigenabenden, die wir haben.
Fanny Sedlnitzky: Wir werden das noch etwas genauer beleuchten, wie man sich genau an Sie wenden kann. Jetzt sind schon zwei Begriffe gefallen, Anorexie und Bulimie. Es geht hier um Essstörungen, um Magersucht. Karin Lafer, vielleicht können Sie uns diese Begriffe ein bisschen erklären.
Karin Lafer: Also die Magersucht und die Essbrechsucht, die Bulimie und die Magersucht ist eben die Anorexie, ist gekennzeichnet durch Untergewicht, das teilweise sehr massiv ist. Und das Untergewicht bei der Anorexie ist nicht körperlich bedingt, sondern herbeigeführt durch zu wenig Essen, zu viel Sport, vielleicht auch durch Erbrechen nach dem Essen. Bulimie ist es dann tatsächlich das immer Erbrechen nach dem Essen. Bulimie, das ist so ein Begriff, das bedeutet nicht immer Erbrechen nach dem Essen. Bulimie bedeutet einfach, man hat nach dem Essen eine Methode, um das Essen wieder abzubauen oder los zu werden. Das heißt einerseits vielleicht einfach das Erbrechen nach dem Essen, häufig nach Heißhungerattacken, weil der Körper einfach noch Nahrung verlangt. Aber Bulimie bezeichnet auch zum Beispiel massiven Sport nach dem Essen oder Abführmittel. Also alles, was Methoden sind, die quasi das Essen oder die Kalorien wieder abbauen.
Fanny Sedlnitzky: Das sind jetzt zwei Formen von Essstörungen, die vor allem das Untergewicht betreffen. Gibt es denn auch Essstörungen, mit denen Sie konfrontiert sind, die vielleicht das Gegenteil sind? Sie haben schon ganz kurz angesprochen, die Fresssucht. Ist das auch ein Thema, dass Menschen sozusagen zu viel essen?
Karin Lafer: Also Menschen in der Bulimie sind meistens normalgewichtig, wenn man ganz genau nach der Diagnostik geht. Und dann gibt es natürlich auch die Binge-Eating-Störung. Das ist also die große dritte Kategorie von Essstörungen, die hauptsächlich gekennzeichnet ist durch massive Essattacken, auch mit Übergewicht.
Christine Brugger: Tatsächlich haben wir kein Angebot für Menschen mit einer Binge-Eating-Störung. Wir sind seit Jahren dran, dass es eine eigene Einrichtung braucht, weil es ist eine recht große Zielgruppe. Aber wir können es mit den Ressourcen, die wir aktuell zur Verfügung haben, einfach nicht leisten.
Fanny Sedlnitzky: Hauptsächlich beschäftigen Sie sich mit der Magersucht, also mit diesen Formen Bulimie, Anorexie. Und da ist es natürlich, man kennt es vielleicht oder man merkt es, man sieht es, hauptsächlich so, dass da Frauen betroffen sind und da wiederum hauptsächlich junge Frauen. Das beginnt bei Mädchen im Schulalter schon und das zieht sich dann ins Jugendalter bis hin zu den Erwachsenen Frauen. Wer kommt denn tatsächlich zu Ihnen bzw. wer ist denn betroffen von diesen Arten von Magersucht?
Christine Brugger: Es sind tatsächlich überwiegend Frauen auch bei uns in Begleitung, auch wenn sich vermehrt junge Männer bei uns auch melden. Unser Eindruck ist, es braucht ein Stück weit länger, dass die sich zugestehen können, dass sie Unterstützung brauchen. Neben dem, dass tatsächlich mehr Frauen betroffen sind als Männer. Die meisten der Betroffenen sind zwischen 15, 16 und Mitte 20. Der Höhepunkt bei jungen Mädchen ist ja tatsächlich zwischen 15 und 17 Jahren, wo sie diese Krankheit zum ersten Mal diagnostiziert bekommen.
Fanny Sedlnitzky: Also es ist wirklich eine Krankheit, von der wir hier sprechen. Das ist nicht einfach nur eine Flause.
Christine Brugger: Nein, wir sprechen von einer Krankheit. Gleichzeitig ist es natürlich ein Kontinuum zwischen gestörtem Essverhalten und auffälligem Essverhalten und dem, dass es irgendwann störungswertig wird. Wir sprechen dann von störungswertig, wenn es tatsächlich den Lebensalltag so beeinträchtigt, dass es nicht mehr möglich ist, ein freies Leben zu führen. Dann ist es eine schwere psychiatrische Erkrankung.
Fanny Sedlnitzky: Es erstaunt, weil irgendwie hat man das Gefühl, die Mädchen, die Jungen heutzutage gehen schon wieder ein bisschen in eine andere Richtung, als das vielleicht noch vor ein paar Jahren der Fall war. Es ist nicht mehr ausschließlich dieses ultradünne Model, das man irgendwie vor sich hat, ein großes Vorbild für die Mädchen, aber trotzdem. Gibt es nach wie vor diese Form von Essstörungen oder Mädchen, die einfach jetzt, vereinfacht gesagt, glauben, sie sind zu dick?
Karin Lafer: Diese Bewegung der Body Positivity hat man schon so in den letzten Jahren, gerade so ein bisschen nach Corona ist es aufgekommen, aber wir merken schon wieder, dass es jetzt durch den vermehrten Social Media Konsum auch da wieder in die andere Richtung leider ein bisschen geht.
Fanny Sedlnitzky: Also das heißt, dass dieses dünne Vorbild wieder ein bisschen mehr kommt.
Karin Lafer: Ja, vor allem auch durch die KI, die uns da jetzt mit reinspielt, die einfach auch Menschen generiert, die es so in der freien Natur, sage ich jetzt einmal, nicht gibt. Und wir wissen ja, dass unsere Jugendlichen sehr, sehr viel Zeit auf TikTok, Instagram und sonstige Plattformen verbringen und dort eben massiv mit Bildern von Schönheitsidealen, sehr schlank, groß, gewisse Körperformen, auch massiv mit Essensbildern beschäftigt sind. Christine Brugger: Gleichzeitig, wenn ich nur dazulegen darf, geht es nicht ums Essen. Also es geht Menschen, die tatsächlich an einer Essstörung erkrankt sind, geht es nicht darum, schön zu sein oder ihr Essen zu kontrollieren, sondern tatsächlich, da geht es um Themen, die dahinter liegen. Und das ist etwas, was uns in der Arbeit total wichtig ist, zu schauen, um was geht es eigentlich dahinter?
Fanny Sedlnitzky: Also da stimmt schon irgendetwas nicht, kann man vielleicht sagen. Und dann kommt das dazu und das ist dann ein Ausdruck, über den sich diese jungen Frauen Gehör verschaffen wollen.
Christine Brugger: Es ist wie eine Sprache. Und unsere Aufgabe im Tageszentrum ist, zu verstehen, was wollen sie uns mit dieser Sprache sagen oder auch dem System sagen und die Jugendlichen, die Erwachsenen und das System dabei zu begleiten, darauf zu hören.
Heute zu Gast in gesund informiert, dem rezeptfreien Podcast Christine Brugger und Karin Lafer von LELI, dem Tageszentrum für Menschen mit Essstörungen.
Fanny Sedlnitzky: Das bringt mich gleich zu unserem nächsten Punkt. Die Angehörigen, haben Sie schon angesprochen. Es ist oft so, dass man sich denkt, das gibt es ja nicht, dass man das nicht früher bemerkt hat. Aber tatsächlich, ich habe auch immer wieder gehört von Eltern, die betroffen waren, weil sie ein Kind hatten, das magersüchtig war, die das wochenlang, monatelang einfach nicht bemerkt haben, weil sich die jungen Mädchen im Badezimmer einfach einsperren. Weil die Mode, das muss man schon auch sagen, jetzt so ist, dass man darunter sehr viel verstecken kann. Diese Pullover in X-Large-Größe, die Hosen sind weit. Man merkt da vielleicht gar nicht, dass da immer wieder ein Kilo weniger wird oder purzelt und diese jungen Frauen eigentlich immer dünner werden. Sie verstecken das. Wie merke ich das als Angehöriger? Wann sage ich, jetzt ist mein Kind magersüchtig?
Christine Brugger: Also ich finde es wichtig zu sagen, wir haben oft so eine Idee von, die Eltern sind schuld. Und das ist mir wichtig, gleich mal das Erste zu sagen, es sind nicht die Eltern per se schuld. Egal wann sie es merken. Der Moment zu handeln ist, in dem Moment, wo mir etwas auffällt. Es gibt schon so ein paar Hinweise. Das eine ist so sozialer Rückzug, so wie Sie es auch gesagt haben. Sie sind dann immer mehr im Zimmer. Sie verstecken immer mehr hinter weiter Kleidung. Wenn auffällig wird, sie essen nicht mehr in Gesellschaft, sondern eben ein Ich-hab-schon-gegessen oder Ich-esse-im-Zimmer. Das ist auch wieder so ein Kontinuum, ein Stück weit ist es normal in der Pubertät, in dieser Phase der Ablösung vom Elternhaus, sich zurückzunehmen und die Eltern rauszuhalten aus dem Leben. Aber es ist die Aufgabe von uns Eltern, hinzuschauen. Und wir kennen unsere Kinder leben lang. Wir können das gut einschätzen, wenn sich etwas verändert. Es muss dann ja nicht unbedingt der Essstörung sein, sondern es gibt ja auch noch andere Erkrankungen, wo es wichtig ist, hellhörig zu bleiben und es in Kontakt zu bringen.
Fanny Sedlnitzky: Wenn ich jetzt bemerke, es sind schon eben ein paar Punkte angesprochen und ich bin mir nicht sicher, gehe ich dann auf mein Kind zu? Sage ich du, hör zu, iss was? Oder zieh dich nicht so an? Oder was versteckst du vor mir? Oder suche ich mir vielleicht extern Hilfe, um einmal zu erfahren, wie gehe ich das an? Wie kann ich an mein Kind rankommen, das sich vielleicht eben noch viel mehr verschließt, wenn ich als Mutter da Druck mache oder als Elternteil?
Karin Lafer: Das Wichtigste, was wir immer sehen, ist schon, dass man es anspricht. Egal, ob ich jetzt Elternteil bin oder Freundin oder Bekannte und mir fällt etwas auf. Wir hören immer wieder in unseren Gesprächen, ich bin schon so lang krank, mir geht es nicht gut und keiner hat was gesagt zu mir. Und für Eltern oder auch Freundinnen ist es einfach ganz wichtig zu sagen, mir fällt auf, dir geht es nicht gut, iss da was.
Fanny Sedlnitzky: Vielleicht auch die Freunde, die vielleicht ein bisschen mehr helfen können als die Eltern in dieser Pubertät, die so schwierig ist.
Karin Lafer: Genau.Und wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich die Person direkt ansprechen mag, dann gibt es Ansprechpersonen wie Schulärzte, Vertrauenslehrer. Ganz wichtig auch, was wir immer empfehlen, ist, sie frühzeitig ein Netzwerk aufzubauen. Ich suche mir einen Psychotherapeut oder eine Therapeutin, ich gehe zu einer Ärztin oder einem Arzt, der eben das Körperliche im Blick hat. Einfach damit man die Erkrankung auch ein Stück weit aus dem Familiensystem auslagern kann. Weil es eine Erkrankung ist, die schon sehr die Familie sehr beeinträchtigt und einnehmen kann. Und wenn es dann Menschen gibt rundherum, die ihren Blick auf die Erkrankung haben, dann kann das für das Familiensystem so weit positiv sein, dass man sagt, man kann sich wieder darauf konzentrieren, Familie zu sein und die Erkrankung ein Stück weit auch auslagern. Und da sind wir im Lely Tageszentrum auch eine Erstanlaufstelle.
Christine Brugger: So wie die Karin schon gesagt hat, es ist wirklich wichtig zu benennen, also gut auf die Sprache zu achten, nicht vorwürfig zu sein, keine Ratschläge zu erteilen, sondern eben mir fällt auf, du vermeidest immer mehr das gemeinsame Essen, nur dass du weißt, wenn was ist, ich bin da. Also es braucht Beziehung vor allem und das braucht es oft relativ lang, es immer wieder anzubieten, bis jemand sagen kann, darum geht es.
Fanny Sedlnitzky: Kann man dann auch sagen, hör zu, wenn du mit mir nicht sprechen möchtest, mit mir als Mama oder als Papa, du kannst dich wohin wenden, sprich mit jemand anderem darüber.
Christine Brugger: Ja, es ist wirklich hilfreich, Eltern sind in der Pubertät nicht mehr die primären Bezugspersonen, sie sind wichtig, sie werden später auch wieder wichtiger, aber es ist die Peergroup und es sind oft andere Erwachsene. Also Kinder brauchen ein Dorf, um groß zu werden, unter anderem, weil die Eltern irgendwann nicht mehr die sind, mit denen man die Dinge bespricht, die einen so beschäftigen.
Fanny Sedlnitzky: Wenn ich merke, im Umfeld gibt es ganz viele magersüchtige Mädchen, wie kann ich schauen, dass mein Kind da nicht hineinkippt? Gibt es so etwas wie Prävention in diesem Bereich, zu sagen, okay, wir möchten nicht, dass dir das Gleiche passiert?
Karin Lafer: Die Prävention einer Essstörung beginnt ja eigentlich schon sehr früh und das, was man als Familie dazu beitragen kann, ist schon, möglichst wenig Augenmerk auf Figurgewicht zu legen, dass Kinder lernen, es gibt Menschen, die schauen so aus und die schauen so aus, jeder ist einfach anders programmiert von Geburt an und das ist ganz richtig und das gehört auch so. Und auch der gemeinsame Familientisch, das gemeinsame Essen, wenn beide Eltern berufstätig sind, dass man trotzdem gemeinsam eine Mahlzeit schafft und dass nicht jeder irgendwie so immer dahin ist. Es gehört einfach auch dazu, dass es ein Familienleben gibt und dass das einfach positiv behaftet ist, von klein auf. Weil wir haben viele Betroffene, die einfach berichten oder die Geschichten dahingehend haben, dass Diät oder Abwertung der Mutter durch den Papa, was Körpergewicht betrifft, ein großes Thema ist von Anfang an und dass es da natürlich dann schon eine schwierige Entwicklung dahingehend gibt im Erwachsenenalter, ist ganz logisch.
Fanny Sedlnitzky: Sie haben es auch schon mehrfach angesprochen, Social Media oder Schönheitsideale, wie Sie gesagt haben. Ganz kurz haben wir es erwähnt, das ist immer noch ein großes Thema. Holen sich die Jugendlichen da wirklich Vorbilder, wollen sie so sein wie diese vielleicht KI generierten Frauen, die es in Wahrheit gar nicht gibt?
Karin Lafer: Ich glaube, es ist ein bisschen komplexer. Es geht nicht unbedingt darum, dass ich so ausschauen will, wie die Bilder, die ich auf Social Media sehe, sondern ich will dazugehören. Und wenn ich etwas sehe, was ganz oft vorkommt, dann ist so ist es normal und so muss ich sein, um dazu zu gehören, um nicht ausgeschlossen zu werden. Es ist eher diese Ebene. Ich brauche ein Dorf, ich brauche eine Gemeinschaft und wie schaffe ich es in einer Gemeinschaft? Und auch da haben wir Betroffene, die erzählen, sie waren in einer Pro Ana Bewegung, weil dort waren sie dann Teil einer Gruppe. Es ging gar nicht so darum, wie befeuere ich meine Essstörung oder wie wäre ich möglichst gut in meiner Essstörung, sondern dort sind Menschen, die mit mir reden und wo ich dann endlich dazugehöre.
Fanny Sedlnitzky: Hilft es sich in Vereinen zu engagieren, sich anzumelden, in Gruppen zu sein, sozusagen, um dem ein bisschen vorzubeugen?
Christine Brugger: Unbedingt. Wir wissen ja aus Studien, dass Jugendliche heute zwischen drei und sechs Stunden pro Tag auf Social Media verbringen und so wie die Christine schon gesagt hat, das wird dann irgendwann zu meinem Dorf. Und wenn ich dann nur diese Bilder von perfekten Personen sehe, dann habe ich auch das Gefühl, das gehört irgendwie so. Das Handyverbot in der Schule war schon mal ein sehr wichtiger, grundlegender Schritt. Ich muss mich mit meinem Umfeld befassen und ich muss mich mit meinen Freunden befassen und sehe vielleicht, wie tun die, wie schauen die aus. Keiner ist perfekt. Also je mehr man rauskommt, je mehr man unter normalen Menschen ist, umso mehr kann man das auch ein bisschen differenzieren.
Heute zu Gast in gesund informiert, dem rezeptfreien Podcast, Christine Brugger und Karin Lafer von LELI, dem Tageszentrum für Menschen mit Essstörungen.
Fanny Sedlnitzky: Ganz zu Beginn haben sie schon gesagt, man kann sich an das Tageszentrum für Menschen mit Essstörungen, LELI, wenden. Jetzt möchte ich ein bisschen konkreter werden. Wenn ich sozusagen Hilfe in Anspruch nehmen möchte, sei es, weil ich merke, ich bin selbst betroffen oder wenn ich Angehöriger bin oder Freund, Freundin bin und sage, ich möchte jemanden zu ihnen schicken. Wie finde ich sie und wohin muss ich kommen oder wie kann ich sie kontaktieren?
Christine Brugger: Finden am leichtesten leli-tageszentrum.at. Dort gibt es ein paar Informationen, dort gibt es vor allem das Kontaktformular zum Anmelden. Wir sind im Reininghauspark in Graz. Anmelden und wir melden uns für Erstgespräch. Ich habe es am Anfang schon gesagt, es braucht keine Diagnose, es braucht keine Überweisung, es braucht diesen Mut, wo man sich ein Herz fasst und sagt und jetzt schaue ich mal genauer hin.
Fanny Sedlnitzky: Also auch wenn man noch Zweifel hat, habe ich Magersucht oder nicht, es ist auf keinen Fall falsch, mich an sie zu wenden, auch wenn sie dann sagen, da gibt es kein Problem.
Christine Brugger: Ich glaube, dass wir nicht sagen, es gibt kein Problem, weil das für uns Menschen nicht zutrifft. Wir haben meistens irgendwelche Probleme, aber dass wir sagen, es braucht vielleicht im Moment reicht eine ambulante Psychotherapie oder es reicht ein Ich werde gesehen und ich schaue, dass ich unter Freunde komme. Wir freuen uns immer, wenn sie Menschen frühzeitig melden, weil wir dann wirklich gut helfen können. Das ist gerade bei Jugendlichen für uns oft wirklich bitter, wenn die sich erst sehr spät melden oder die Eltern sich erst sehr spät melden, weil es dann oft an einem stationären Aufenthalt nicht mehr vorbeigeht, wenn das Untergewicht schon so gravierend ist.
Fanny Sedlnitzky: Es gibt natürlich auch andere Beispiele von jungen Mädchen, Frauen, die es schaffen. Wie ist denn die Erfolgsaussicht, unter Anführungszeichen, werde ich gesund oder begleitet mich das dann ein Leben lang?
Karin Lafer: Wir wissen da von vielen Studien, je früher man die Ästerung erkennt und je früher man sich Hilfe holt, umso höher ist die Chance wieder ganz gesund zu werden. Je länger man erkrankt ist und je weiter man schon im Erwachsenenalter ist, umso eher spricht man dann von Chronifizierung. Das Wichtigste bei einer Ästerung ist einfach, dass man lernt, wie kann ich mit meinen Gefühlen anders umgehen, als sie über nicht essen, erbrechen und andere Strategien zu regulieren. Und das schützt mich dann davor, auch in späterer Zeit, wenn es wieder enger wird oder wenn es mir schlechter geht, wieder auf die alte Strategie zurückzugreifen.
Christine Brugger: Und dann auch zu lernen, das ist mein Signal. Das ist ein super Alarmsystem, wenn die Symptomatik wieder auftaucht, zu sagen, ah ja, irgendetwas ist in meinem Leben, was gerade gehört werden will. Und da die Kompetenz zu entwickeln, diese Ressource aufzugreifen und zu sagen, ah ja, danke für den Hinweis, ich schaue genau hin. Fanny Sedlnitzky: Also das heißt jetzt, die Therapie kann man sich nicht so vorstellen, dass man denen scheibchenweise immer etwas mehr auf den Teller legt und sie wieder an das Essen gewöhnt, sondern da geht es um viel mehr, da geht es um die Psyche, da geht es um vieles, was versteckt im Verborgenen ist.
Christine Brugger: Es geht nicht ums Essen und es geht nicht um die Figur, sondern es geht darum, dass Menschen eine Strategie finden, um mit Problemen umzugehen. Aber es geht dahinter um etwas anderes.
Fanny Sedlnitzky: Also ein Hilfeschrei sozusagen dieser jungen Frauen hauptsächlich.
Karin Lafer: Ja, und bei uns im Tageszentrum ist es eben so, dass man von 9 bis 15 Uhr zu uns kommt, wir dort schon zwei gemeinsame Mahlzeiten zubereiten und auch miteinander essen in sehr angenehmer Atmosphäre. Dazwischen gibt es Therapieprogramme und wir schaffen einen schönen Raum, wo man einfach eine Beziehung erfahren kann und eine Begegnung, die positiv ist.
Christine Brugger: Komme ich da dann jeden Tag zu Ihnen? Ist das wie ein Stundenplan?
Karin Lafer: Das ist ganz unterschiedlich und sehr individuell. Also wir haben Teilnehmerinnen, die kommen drei bis fünf Tage die Woche und dann gibt es, wenn es ihnen dann schon besser geht, dann kann man die Tage reduzieren. Oder wenn Teilnehmerinnen zu uns kommen, die noch arbeiten oder in die Schule gehen, dann kommen sie vielleicht ein, zwei Tage. Wir sind da wirklich sehr individuell und versuchen das so gut wie möglich an den Alltag auch der Teilnehmerin anzupassen.
Christine Brugger: Und da vielleicht auch noch dazu gesagt, wir sind ein kostenfreies Angebot. Dadurch, dass wir vom Gesundheitsfonds und der Stadt Graz voll finanziert sind, brauchen Teilnehmerinnen und auch die Angehörigen bei uns nichts zu bezahlen.
Fanny Sedlnitzky: Also die Hemmschwelle ist sozusagen niedriger.
Christine Brugger: Die Hemmschwelle ist dadurch niedriger und es ist auch einfach ein Angebot, das für alle gleich ist.
Fanny Sedlnitzky: Hilft das, wenn die dann unter Ihresgleichen sind, wenn da Menschen sind, wo Sie sehen, oh, der geht es ähnlich wie mir, sehen die dann auch diese körperlichen Auswirkungen dieser Magersucht, wo junge Mädchen wirklich nur noch Haut und Knochen sind und denken sich dann, so möchte ich nicht oder gibt es da keinen Austausch?
Karin Lafer: Es ist beides, würde ich sagen. Es entstehen auch wirklich Freundschaften, die Sie gemeinsam durch schwierige Zeiten tragen. Gleichzeitig ist es nicht die körperliche Ebene mit, ich sehe, wie schwierig das ist. Das ist wirklich erstaunlich, dass Sie das oft bei sich selber gar nicht wahrnehmen. Aber es hat nicht diese abschreckende Wirkung, die wir uns manchmal erhoffen würden. Es ist die Beziehung, die heilt. Die Beziehung zu anderen, die Beziehung zu uns und die Erfahrungen, die man da neu machen kann.
Fanny Sedlnitzky: In diesem Sinne, die Frauengesundheit steht im Mittelpunkt im März und hoffentlich können viele junge Mädchen, junge Frauen, die betroffen sind oder Freundinnen haben, denen es vielleicht gerade nicht so gut geht, diesen Hilfeschrei erkennen. Es geht nicht um den vollen Teller. Es geht nicht um Lebensmittel, die man nicht mehr essen möchte. Es geht um viel mehr, um Aufmerksamkeit, um dazugehören wollen, sozusagen. Vielen herzlichen Dank für diese Einblicke in ein schwieriges Thema. Und wir hoffen, dass wir einigen hoffentlich doch ein bisschen weiterhelfen konnten. Christine Brugger und Karin Lafer, herzlichen Dank, dass Sie Zeit gehabt haben, uns in unserem Podcast ein paar Einblicke zu geben.
Beide: Vielen Dank für die Einladung.
Danke für die Einladung. Das war gesund informiert, der Gesundheits Podcast, eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfonds Steiermark und ORF Steiermark.