Folge #101: Gesund informiert im Urlaub: Wie wird’s stressfrei und erholsam?
Urlaub ist Erholung auf Knopfdruck – oder doch nicht? Für viele von uns bedeuten auch die Urlaubsvorbereitungen viel Stress: Koffer packen, To Dos bei der Arbeit abschließen und vielleicht auch noch die Wohnung putzen. Im Urlaub dann wirklich abzuschalten, fällt vielen nicht so leicht.
In der neuen Folge #101 erfahren Sie, was Erwartungen und Bedürfnisse mit Erholung zu tun haben, warum die Länge des Urlaubs gar nicht so wichtig ist und wie Sie es schaffen, dass der „Urlaubseffekt“ noch länger nachwirkt.
Gast: Claudia Traunmüller (Gesundheitspsychologin)
„Gesund informiert“ ist eine Zusammenarbeit zwischen ORF Steiermark und Gesundheitsfonds Steiermark.
Redaktion und Stimme: Fanny Sedlnitzky
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Willkommen bei Gesund informiert, der Gesundheitspodcast. Eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfonds Steiermark und ORF Steiermark. Fanny Sedlnitzky liefert wertvolle Antworten in unserem rezeptfreien Podcast. Heute mit der Psychologin Claudia Traunmüller.
Fanny Sedlnitzky: Es ist Sommerzeit und für viele steht der Urlaub vor der Tür. Viele arbeiten das ganze Jahr darauf hin, dass man endlich in den Sommerurlaub aufbrechen darf. Ja, und da gibt es aber auch manchmal das eine oder andere Problem. Manche lassen sich im Urlaub sogar scheiden oder trennen sich im Urlaub und lassen sich danach scheiden. Auch das gibt es sehr oft. Und wie man es verhindern kann, dass man noch erschöpfter aus dem Urlaub zurückkommt, als man aufgebrochen ist, wie man vielleicht ohne Streit wieder aus dem Urlaub zurückkommt, darüber spreche ich heute mit Claudia Traunmüller. Herzlich willkommen in unserer neuen Podcast-Folge.
Claudia Traunmüller: Ja, herzlichen Dank für die Einladung. Sehr spannendes Thema.
Fanny Sedlnitzky: Wir hatten Sie schon einmal in einer Folge zu Gast zum Thema Stress zu Weihnachten. Jetzt, ein halbes Jahr später ungefähr, sprechen wir über ein ähnliches Problem, den Stress im Urlaub. Wieso kennen Sie sich mit Stress so gut aus?
Claudia Traunmüller: Ja, also das Thema begleitet mich schon sehr, sehr lange. Es war immer für mich sehr, sehr spannend herauszufinden, was stresst Leute eigentlich, was ist Stress, wann ist Stress ungesund und wie kann ich mich eigentlich bestmöglich darauf vorbereiten, wenn ich gewisse Faktoren, die mich belasten, gar nicht verändern kann.
Fanny Sedlnitzky: Und Sie haben daraus Ihren Beruf gemacht?
Claudia Traunmüller: Oh ja, ich habe daraus meinen Beruf gemacht. Genau. Ich habe Psychologie studiert und da dann mit dem Schwerpunkt Gesundheitspsychologie, also sehr stark auf das Thema orientiert, wie kann ich Ressourcen stärken, um doch ein Stück weit belastbarer zu sein oder Belastungen besser auszuhalten.
Fanny Sedlnitzky: Jetzt ist der Urlaub etwas, wo man eigentlich davon ausgeht, dass es eine Erholung bringt, dass man nachher erholter ist als vorher. Aber es gibt doch tatsächlich diese Studien oder man kennt es auch von Erzählungen, dass Menschen wirklich aus dem Urlaub zurückkommen und sagen, es war furchtbar. Haben Sie den Eindruck auch?
Claudia Traunmüller: Ja, den Eindruck habe ich sehr wohl. Wobei ich glaube, dass da schon der erste Denkfehler passiert, dieses: Ich fahre auf Urlaub und das muss erholsam sein.
Fanny Sedlnitzky: Die Erwartung an den Urlaub.
Claudia Traunmüller: Die Erwartung, es muss erholsam sein. Wobei, wenn man dann die Leute fragt und sagt, ja, aber wie wird sich das denn anfühlen oder was ist denn für dich Erholung? Merkt man, dass die Leute darüber gar nicht nachdenken, sondern Urlaub ist gleich Erholung, egal wie, egal wo, egal wie lang, egal mit wem, ohne darüber nachzudenken, was Erholung für mich eigentlich bedeuten würde. Und das ist extrem individuell. Das heißt, man sollte vielleicht bei der Auswahl des Urlaubs, wenn wir schon darüber sprechen, jetzt nicht im Katalog blättern und sagen, das ist der Urlaub, der vorgeschlagen wird, den mache ich, der erholt mich. Sondern man sollte vielleicht zuerst umgekehrt sagen, was möchte ich? Möchte ich ans Meer, möchte ich in die Berge, möchte ich in der Sonne liegen? Möchte ich mich bewegen?
Claudia Traunmüller: Ja, oder vielleicht gar nicht, was möchte ich, sondern was brauche ich? Ja, weil die Leben, das Leben ist kunterbunt. Die Voraussetzungen ändern sich oft, die Situationen an sich ändern sich. Also, es kann sein, dass ich dieses Jahr eine ganz andere Erholung brauche als vielleicht letztes Jahr oder vielleicht nächstes Jahr. Mal kurz zu überlegen: Wie geht es mir im Moment und was wäre für mich erholsam und will ich überhaupt einen erholsamen Urlaub? Es kann ja sein, dass ich sage, ich will einen spektakulären Adventure-Urlaub. Aber sich mal kurz diese Frage zu stellen, bevor man dann in einem Katalog blättert, bevor man sich Informationen holt, sollte man sich vielleicht mal selber diese Frage stellen.
Fanny Sedlnitzky: Wie man dahinterkommt, das möchte ich noch klären ein bisschen später. Zuerst einmal aber die Frage, warum ist es denn so wichtig, dass ich mich im Urlaub eigentlich erhole? Muss ich denn wirklich abschalten oder was macht das mit meinem Körper?
Claudia Traunmüller: Frage, gute Frage, ne? Also muss Urlaub erholsam sein? Ich würde das nicht generell mit Ja beantworten, weil viele Menschen einfach in ihrem Urlaub etwas anderes suchen als in ihrem Alltag. Das muss jetzt nicht zwingend erholsam sein, das kann auch turbulent sein, was mich bereichert, was mir Energie gibt. Es ist ja nicht nur die Erholung, die mir Energie gibt. Es kann unterschiedliche Kultur sein. Es kann ein Abenteuer sein. Es kann ein über meine Grenzen Gehen sein. Also, es sollte etwas sein, was einem einfach eine Freude macht und wo ich das Gefühl habe, dass ich dadurch schon Energie bekomme, aber es muss nicht zwingend erholsam sein, so wie das die meisten Leute verstehen. Ja.
Fanny Sedlnitzky: Es braucht also etwas für den Körper, wo der Körper wieder seine Batterien aufladen kann.
Claudia Traunmüller: Wenn ich sie vorher leer gefahren habe. Ja, es gibt ja Menschen, die haben ja ein ganz gutes Handling mit ihrer Batterie, wo sie sagen, ich mache jetzt einfach das, worauf ich Lust habe und habe genug Energie, um das zu machen. Die Frage ist immer, von welcher Ausgangssituation gehe ich aus? Wenn ich jetzt ganz viel um die Ohren habe, ganz viele Menschen um mich herum hatte, das alles sehr anstrengend war für mich, könnte es sein, dass ich keine Menschenmassen suchen möchte und sage, ich brauche ein bisschen mehr soziale Erholung. Ich muss mal Orte suchen, wo nicht total viel los ist. Und in diesen Hotspot oder es kann sein, dass ich körperliche Aktivität brauche, weil ich wenig Zeit hatte, oder ich war körperlich so aktiv, dass ich weiß, ich suche jetzt keine körperliche Aktivität. Also, wenn man da mal kurz stehen bleibt, was den meisten Leuten im Moment sehr schwer fällt, um herauszufinden: Habe ich irgendeinen speziellen Erholungsbedarf? Sollte ich den berücksichtigen in meiner Urlaubsauswahl oder habe ich eigentlich genug Kraft und kann einfach das machen, was mir Freude macht? Heute zu Gast in Gesund informiert, dem rezeptfreien Podcast, Psychologin Claudia Traunmüller.
Fanny Sedlnitzky: Viele Menschen, Sie haben es gerade erwähnt, haben immer viel um die Ohren. Viele Leute rund um sich, man hat im Büro, in der Arbeit, wie auch immer, einfach wirklich einen Dauerstress mit Menschen, mit Telefonaten, mit E-Mails und so weiter und so fort. Viele schaffen genau das aber dann eben nicht im Urlaub, vielleicht einmal zur Seite zu legen. Stichwort das Handy. Wie gelingt mir denn meine sozusagen Alltagsrituale oder das, woran ich mich im Alltag schon gewöhnt habe, einfach im Urlaub wirklich einmal zur Seite zu legen? Denn man sieht ja auch tatsächlich am Strand Leute, die teilweise mit Handy dasitzen, mit Laptop und, und...
Claudia Traunmüller: Ja, ich meine, diese ganzen Social Media und diese ganze Verfügbarkeit von der Technik ist ein Vorteil und natürlich ein Nachteil zugleich. Ich denke, viele Personen haben das Gefühl, Erholung geht so auf Knopfdruck. Ja, ich mache von einem Tag auf den anderen, von einer Minute auf die andere jetzt was komplett anderes, als ich 300 Tage im Jahr sonst mache. Das ist ja eine Illusion. Ja, also eine Erholung ist ein Prozess. Ich kann nicht mit 180 plötzlich auf die Bremse hüpfen und das Gefühl haben, jetzt mache ich alles anders. Das ist ein Prozess. Man muss dem Körper auch die Zeit geben umzustellen und zu sagen, jetzt sind die Anforderungen anders. Ich bin jetzt woanders. Aber das geht nicht auf Knopfdruck, sondern darauf muss ich mich auch vorbereiten. Nehme ich diese Sachen überhaupt mit? Ist ja eine gute Frage, welche elektronischen Geräte brauche ich denn überhaupt? Brauche ich meinen Laptop mit? Brauche ich mein Firmenhandy mit? Da könnte ich mir schon mal ein bisschen Abhilfe schaffen und dann einen ganz bewussten Prozess starten und zu sagen, das versuche ich in meinem Urlaub bestmöglich zu vermeiden. Das wäre mal ein Ansatz, wo ich mich aber ein bisschen damit auseinandersetzen muss.
Fanny Sedlnitzky: Also Vorbereitung, auch sich Gedanken machen, vorab schon vielleicht ein bisschen langsam in den Urlaub hineingleiten.
Claudia Traunmüller: Ja, wenn man das könnte, ne? Das ist meistens ein großer Stresstrigger, der auch partnerschaftlich eine Herausforderung ist. Man hat das Gefühl, man muss, bevor man jetzt auf Urlaub fährt, noch alles unterbringen. Ganz viele Sachen, so wie vor Weihnachten, ne? Es muss alles fertig sein, es muss alles gut vorbereitet sein, damit ich, wenn ich zurückkomme, alles so vorfinde, wie ich das gern hätte. Manchmal kann man das vergleichen wie mit 6000 Touren im Auto. Ja, da wird auf Hochtouren gefahren, alles noch organisiert, dann sitze ich im Auto und dann gebe ich meinem Körper nicht die Zeit, das abzubauen, sondern erwarte mir sofort irgendeinen Resetknopf, den gibt es aber nicht. Und was wir oft merken, ist, dass Leute, die dann eben mit voller Power in den Urlaub fahren, wenn dann dieser Stillstand kommt, wenn dann alle Anforderungen wegfallen, das ist nicht so das gute Gefühl der Erholung, sondern das macht die Leute nervös. Ja, diese Ruhe macht die Leute nervös. Deswegen tendieren die ja auch dazu, gleich wieder zum Laptop zu greifen, zum Handy zu greifen, E-Mails zu checken, solche Dinge. Wenn ich mir dessen bewusst wäre, dass das so eine Art wie ein kleiner Entzug ist, dann könnte ich vielleicht mit dieser Unruhe, die vielleicht mal ein, zwei Tage da sein könnte, vielleicht besser damit umgehen. Ich könnte mich bewegen. Ich könnte versuchen, dem Körper ein bisschen zu helfen, zur Ruhe zu kommen.
Fanny Sedlnitzky: Ja, das wäre jetzt meine nächste Frage gewesen. Was kann ich denn machen, um sozusagen meinem Körper zu sagen, jetzt ist Urlaub, es ist ein anderer Tagesablauf, ich mache andere Dinge. Ich möchte jetzt nicht sagen, du musst zur Ruhe kommen, denn das ist ja dann wieder neuer Stress. Aber was gibt es denn für kleine Rituale, damit ich mich sozusagen körperlich wie auch psychisch ein bisschen auf diesen Urlaub einstellen kann?
Claudia Traunmüller: Ich glaube, das, was Sie vorher gesagt haben: Jetzt ist Urlaub, jetzt ist alles anders. Das klingt schon so nach ein bisschen Druck. Ja, jetzt muss auch alles anders sein. Ich denke, die Vorbereitung auf den Urlaub, auch zu sagen: Ich möchte, dass das jetzt anders ist, wäre wahrscheinlich ein einfacherer Zugang. Nicht dieses „Es muss“ und „Ich darf nicht“, sondern: Ich möchte vielleicht gar nicht. Ich gebe mir die Möglichkeit, Dinge in mein Leben zu lassen als der Alltag. Auf das könnte ich mich schon vorbereiten. Halte ich das aus oder nicht? Tue ich mir mit Bewegung leichter? Das ist immer ein gutes Zahnrad, ja, weil der Körper dann einfach auch Stresshormone abbauen kann. Genau. Irgendeine leichte Aktivität, die gar keine Leistung von mir verlangt. Oder halte ich es aus, irgendwo zu sitzen und nur zu schauen, oder brauche ich die Bewegung, damit ich langsam mein System ein bisschen runterfahren kann?
Fanny Sedlnitzky: Das heißt also, man kann jetzt gar nicht sagen, ein Aktivurlaub erholt jemanden mehr als ein Nichtstun-Urlaub am Strand. Das ist auch sehr individuell.
Claudia Traunmüller: Das ist sehr individuell und birgt gleich die nächste Gefahr in sich, weil es gibt ja, also die wenigsten Menschen fahren allein auf Urlaub.
Fanny Sedlnitzky: Mhm. Ja.
Claudia Traunmüller: Wo man sagt, ich kann mich mit meinen Bedürfnissen auseinandersetzen und ich mache genau das, was mir im Moment gut tut. Meistens hat man Familie mit, manchmal hat man noch kleinere Kinder mit und alle haben unterschiedliche Bedürfnisse, und dann ist schon auch da in der Vorbereitung die Kommunikation extrem wichtig. Dass man sagt: Wie, wenn ich auch Rücksicht nehmen möchte oder auch muss, kann der Urlaub so gestaltet sein, dass für jede Person, die daran beteiligt ist, etwas dabei ist, wo man sich erholen kann und wo man seine Bedürfnisse befriedigen kann.
Fanny Sedlnitzky: Genau. Das bringt ja schon in der Vorbereitung oft den Stress, dieses: Wo fahren wir hin? Wenn es Kinder gibt, die wollen irgendwas mit Wasser und mit viel Action. Der Partner möchte vielleicht auch irgendwas mit Bergen und Sport, und man selbst möchte aber vielleicht in der Hängematte sitzen und nichts tun. Wie könnte man denn das lösen? Macht es Sinn, sich eine Plus-Minus-Liste im Vorhinein zu machen oder jeder soll mal seine Wünsche auf den Tisch legen in der Familie? Wie kann man denn an so etwas herangehen?
Claudia Traunmüller: Ich glaube zweiteres. Bedürfnisse sind etwas Emotionales. Da tue ich mir mit einer Liste vielleicht ein bisschen schwer, aber schon allein diesem Thema einen Raum zu geben, dass ich sage: Hey, wonach ist euch heuer? Mir wäre danach. Wonach ist dir? Die Kinder, abhängig vom Alter, haben auch die Möglichkeit, dass sie mit den Eltern mitleben dürfen. Die Eltern auf der anderen Seite brauchen aber auch manchmal ein bisschen Erholung von den Kindern, und deswegen ist dann ein Kompromiss, wo ich sage, da ist was für die Kinder, da ist aber auch, nach Ihrem Beispiel jetzt, die Natur gegeben, die die Berge bietet, damit einer der Erwachsenen vielleicht dort den Genuss findet, aber es bietet auch den nötigen Rückzug für die nächste Person, die vielleicht ein bisschen mehr ruhebedürftig ist da. Aber wenn ich das weiß, dann suche ich anders. Ja, dann suche ich nicht nach dem Katalog, wo ist der schönste Strand, sondern wo ist der Ort, wo ich unterschiedliche Bedürfnisse vielleicht abdecken kann, damit jeder ein bisschen auf seine Erholungskosten kommt.
Heute zu Gast in Gesund informiert, dem rezeptfreien Podcast, Psychologin Claudia Traunmüller.
Fanny Sedlnitzky: Sie haben jetzt etwas sehr Wichtiges gesagt: Wenn ich das weiß. Und ganz zu Beginn des Podcasts haben wir auch schon gesagt, also jeder sollte den Urlaub auf seine Bedürfnisse abstimmen. Ja, wie finde ich denn heraus, was mir gut tut? Vielleicht war ich die letzten 20 Jahre am Strand und habe dort Strandurlaub gemacht und habe mir gedacht, das wird mir gut tun, ist aber vielleicht nicht so. Das heißt also, wie kann ich denn einmal darauf kommen, welcher Urlaub passt zu mir?
Claudia Traunmüller: Die einfachste Antwort wäre: Durch Nachdenken. Ja, Bedürfnisse ändern sich. Ja, also es kann sein, dass ich vor 20 Jahren super gern tauchen war und jetzt ist es aber das Mountainbike, was mich fasziniert.
Fanny Sedlnitzky: Verändert sich ja auch.
Claudia Traunmüller: Das verändert sich und viele Leute verlieren ein bisschen den Bezug zu sich selber durch unterschiedliche Rahmenbedingungen. Social Media ist ein Riesenthema. Diese ganze digitale Welt, die mich sehr oft ein bisschen von mir wegzieht, anstatt dass sie mich mir näher bringt. Das heißt, sich wirklich damit auseinanderzusetzen und zu sagen: Wonach ist mir? Woran hätte ich eine Freude? Es muss ja nicht immer sofort sein, wo kann ich mich erholen, aber was würde mir wirklich einen Spaß machen, wenn ich auf niemanden Rücksicht nehmen müsste?
Fanny Sedlnitzky: Auf niemanden... dann kommt schon manchmal ein Impuls, vielleicht nicht sofort, aber das zeigt uns auch, wie weit weg wir eigentlich von unseren Bedürfnissen sind, von dem Wissen nach Dingen, die uns gut tun oder die uns vielleicht nicht gut tun. Jetzt habe ich dann also im Idealfall den richtigen Urlaub für mich gefunden und der Urlaub ist dann irgendwann auch mal zu Ende. Ich hoffe, man hat ihn vielleicht so nutzen können, dass man Erholung für sich mitnimmt, wie Sie schon gesagt haben, wie auch immer die ausschaut, mit Nichtstun oder mit Aktivitäten. Dieser Urlaubseffekt... man würde den gerne vielleicht mitnehmen in den Alltag weiter hinein, weil man weiß, man kommt zurück, sitzt den ersten Tag im Büro und hat das Gefühl, der Urlaub ist schon drei Monate her. Wie kann ich diesen Erholungseffekt, diese schönen Erinnerungen an den Urlaub, dieses Abschalten vielleicht ein bisschen länger mittragen in den Alltag?
Claudia Traunmüller: Es ist, denke ich, die gleiche Bewegung wie in den Urlaub hineinzukommen. Das braucht alles seine Zeit. Ich brauche Zeit, um ein bisschen hinunterzukommen. Genauso brauche ich auch wieder ein bisschen Zeit, um meine Systeme wieder auf das Niveau hochzufahren, das ich brauche, um meinen Alltag zu bewältigen. Diese Zeit geben wir uns auch nicht, sondern wir kommen nach Hause und schon sind die Tasks da: Koffer auspacken, Wäsche waschen, das machen, das machen, das machen, und sofort mit dem Gedanken an den ersten Arbeitstag. Anstatt auch da ein bisschen die Möglichkeit zu geben, auch den Einstieg wieder in die Arbeitswelt nicht sofort vollzutakten, dass die ersten zwei, drei Tage, sofern ich das irgendwie mit beeinflussen kann, ein bisschen gemütlicher anzugehen, um meine Systeme wieder schön langsam hochzufahren und auch wieder an das normale Alltagsleben anpassen zu lassen. Das geht nicht in jedem Job, aber von meiner Einstellung her geht es schon, dass ich sage: Alles gut, eines nach dem anderen, und irgendwann, man merkt es dann eh gar nicht, ist man wieder in der Belastbarkeitsstufe, die man von sich aus kennt.
Fanny Sedlnitzky: Aber der Kopf, ja, dass man einfach sich auch diese Zeit gibt. Ist ein bisschen schwierig vielleicht für viele zu sagen, okay, man macht vielleicht den Urlaub nicht... mit dem ersten Urlaubstag steigt man in den Flieger und sozusagen kommt am letzten Urlaubstag um 23 Uhr retour, sondern gibt sich die Zeit zwei, drei Tage, bevor man wegfährt, vielleicht zu Hause gemütlich herzurichten und auch wenn man zurückkommt, vielleicht sich so den Urlaub zu planen, dass man noch zwei, drei Tage gemütlich wieder ankommen kann. Macht das Sinn, wenn das natürlich die Voraussetzungen zulassen?
Claudia Traunmüller: Das ist der Punkt, wenn es die Voraussetzungen zulassen. Also, ich denke schon, dass so ein Tag Vorlauf, bevor man in den Flieger steigt, in den Zug steigt, ins Auto steigt, wie auch immer man reisen möchte, genauso das Zurückkommen mit zumindestens einem Tag dazwischen, um in Ruhe seine Sachen zu ordnen, um sich in Ruhe auch wieder ein bisschen einzustellen, dann wieder auf die nächste Phase, wäre sicher super hilfreich.
Fanny Sedlnitzky: In Bezug auf die Tage möchte ich ganz kurz auch auf die Urlaubsdauer kommen, die variiert, hängt dann natürlich auch von der Art des Urlaubs ab. Man wird nicht drei Wochen Städteurlaub machen, aber vielleicht doch drei Wochen irgendwo hinfliegen ans Meer oder hinfahren, wo man vielleicht länger bleibt. Was ist denn für den Körper erholsamer?
Claudia Traunmüller: Ich denke, das hängt ein bisschen von dem Ort und von der Urlaubsgestaltung an sich ab. Viele Personen berichten, dass drei Wochen super sind, weil sie schon allein eine Woche brauchen, bis sie hinuntergefahren sind, und dann haben sie noch zwei Wochen Erholung. Also, ich denke, es hängt immer ein bisschen davon ab, mit welchem Energielevel ich überhaupt meinen Urlaub beginne. Unter zwei Wochen... also ich denke, so 10 Tage, 14 Tage ist ein gutes Mittelding. Wenn ich es länger schaffe, ist das natürlich auch kein Schaden, aber es können auch Kurzurlaube erholsam sein. Wenn ich die Umgebung für mich gefunden habe, wenn ich drei Tage oder zwei Tage am Wörthersee bin mit einem kleinen Segelboot, habe ich das Gefühl, ich war eine Woche auf Urlaub. Das heißt, es hängt ganz stark davon ab, ob ich auch dieses Umfeld finde, was mir hilft, relativ schnell in einen Erholungsmodus zu kommen, was nicht gleichbedeutend ist, dass ich auf Null fahren muss.
Fanny Sedlnitzky: Mhm. Also es geht um diesen bekannten Tapetenwechsel.
Claudia Traunmüller: Tapetenwechsel, aber in einen Raum mit einer Tapete, die man mag.
Fanny Sedlnitzky: Genau. Wenn man zu Hause bleibt, wie gestaltet man es sich dort, dass man nicht dem Alltag einfach nachgeht, außer mit dem Unterschied, dass man nicht in die Arbeit fährt? Dass man nicht anfängt, okay, das ganze Haus dann zu putzen, die Fenster auf Hochglanz zu bringen und ständig mit Wäsche beschäftigt zu sein. Es gibt da vielleicht ja auch eine Möglichkeit, gut zu Hause abzuschalten. Ich habe mal mit einer Person gesprochen, die zu mir gesagt hat, er verbringt den Urlaub auf dem Balkon heuer, weil er eine schöne Aussicht in Wien auf die Alte Donau hat und das findet er richtig erholsam und will als Tourist nach Wien gehen und will so mal weg von diesem: Ich gehe nur von A nach B, wenn ich was brauche. Wenn ich das schaffe, dann kann zu Hause der Urlaub auch extrem erholsam sein, wenn ich mich zu Hause wohlfühle.
Fanny Sedlnitzky: Also mal Dinge machen, die man vielleicht als Tourist machen würde.
Claudia Traunmüller: Ja, die man mit anderen Augen sieht. Wo man sagt, ich gehe mal unter der Woche irgendwohin frühstücken und finde das einfach super erholsam. Aber das muss ich wohl können auch und nicht dann in meinem Zuhause überall die Dinge zu sehen, die noch gemacht gehören und dann plötzlich in einem Abarbeiten von To-dos bin, dann wäre das wahrscheinlich nicht so erholsam.
Fanny Sedlnitzky: Ganz zum Schluss vielleicht noch einen Tipp für unsere Zuhörer. Was raten Sie, wie schaut der erste Schritt aus in Richtung Urlaub? Das muss jetzt noch nicht sein, zu wissen, wo ich hinfahre und den schon zu packen, sondern wenn man mit dem Gedanken spielt, ich plane einen Urlaub, was raten Sie?
Claudia Traunmüller: Also, ich würde wahrscheinlich als Erstes mir überlegen: Wo würde es mich heuer hinziehen, ganz allein mal für mich? Und würde das dann mit den Personen besprechen, mit denen ich auf Urlaub fahren möchte, egal wie groß die Gruppe ist. Und mal zu schauen, ob man da gemeinschaftlich irgendetwas findet, wo sich alle Bedürfnisse gut abdecken lassen und dann einfach weiter in die Planung gehen mit: Wo fahren wir hin? Wie lange fahren wir dorthin? Wie fahren wir überhaupt dorthin? Aber in einer gewissen Ruhe, ja. Nicht mit dem: Oh Gott, ich muss jetzt einen Urlaub buchen, weil gerade aktuell die Spritpreise alle höher werden und wer weiß, ob das überhaupt dann noch leistbar ist. Sondern mit ein bisschen mehr Muse. Ja, wo will ich hin und nicht: Ich muss jetzt weg und ich muss das alles schon unter einen Hut bekommen.
Fanny Sedlnitzky: In diesem Sinne soll der Urlaub Erholung bringen, wie immer sie aussieht für den einen oder für den anderen. Also ein sehr individuelles Thema. Man kann jetzt nicht sagen, das ist Erholung, so schaut die Erholung für alle aus.
Claudia Traunmüller: Das würde ich einmal unterstreichen. Und das Wichtige, glaube ich, was sich jeder mitnehmen könnte, ist, dass Erholung Zeit braucht. Dass Erholung kein Schalter ist wie Licht an oder Licht ab, sondern dass ich meinen Körper ein bisschen abholen muss, je nachdem auf welchem Level ich meinen Urlaub beginne, und ihm Zeit und Möglichkeiten geben muss, um jetzt in eine andere Situation zu kommen, sich ein bisschen hinunterzubewegen im Normalfall. Und das Gleiche dann wieder, wenn ich in meinen Alltag hineingehe.
Fanny Sedlnitzky: Kann man das üben von Urlaub zu Urlaub?
Claudia Traunmüller: Ach, gute Frage. Ja, das weiß ich nicht genau, ob man das üben kann, aber man kann es zumindestens mal probieren im Sinne von der Selbstfürsorge. Dass ich nicht einfach einen Schalter drücken kann, sondern dass alles eine Zeit braucht und Erholung ein Prozess ist. Vielleicht kann man sich das ein bisschen mitnehmen, um ein bisschen geduldiger mit mir zu werden, um die ersten paar Tage auch nicht komplett auf die Bremse zu steigen, sondern einfach meinem Erholungsprozess Zeit zu geben. Ja, wie auch immer der dann ausschauen mag.
Fanny Sedlnitzky: Mögen also alle erholt aus dem Urlaub zurückkommen.
Claudia Traunmüller: Das wünsche ich auch. Ja.
Fanny Sedlnitzky: Claudia Traunmüller, vielen herzlichen Dank für diese spannenden Einblicke in ein Thema, das wahrscheinlich den einen oder anderen in diesem Sommer treffen wird.
Claudia Traunmüller: Ja, ich wünsche auch allen einen schönen Sommer.
Fanny Sedlnitzky: Ja, danke schön.
Das war Gesund informiert, der Gesundheitspodcast, eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfonds Steiermark und ORF Steiermark.