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Folge #100: Gesund informiert zu Longevity: Was ist das überhaupt?

Podcast Herz und Uhr

Länger leben oder länger gesund bleiben – geht das? In unserer 100. Folge tauchen wir in die Welt der Longevity ein. Wir werfen einen Blick auf die Frage, wie jeder von uns heute Entscheidungen treffen kann, die sich langfristig auf Gesundheit, Vitalität und Lebensqualität auswirken.

In der neuen Folge #100 erfahren Sie, welche Ansätze wissenschaftlich fundiert sind, wo Vorsicht geboten ist und welche Gewohnheiten einen Unterschied machen können.

Gäste: Kristina Hütter-Klepp (Allgemeinmedizinerin) und Corina Madreiter-Sokolowski (Zellbiologin)

„Gesund informiert“ ist eine Zusammenarbeit zwischen ORF Steiermark und Gesundheitsfonds Steiermark.

Redaktion und Stimme: Fanny Sedlnitzky

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Podcast clips

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Teil 1: Können wir das Leben natürlich verlängern?
Teil 2: Wie wird das biologische Alter berechnet?
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Willkommen bei Gesund informiert, der Gesundheitspodcast. Eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfonds Steiermark und ORF Steiermark. Fanny Sedlnitzky liefert wertvolle Antworten in unserem rezeptfreien Podcast. Diesmal mit der Molekularbiologin Corina Madreiter-Sokolowski und der Allgemeinmedizinerin Kristina Hütter-Klepp zum Thema Longevity.

Fanny Sedlnitzky: Ein gesundes langes Leben, das wünschen wir uns glaube ich alle und darum geht es heute auch in unserem Podcast. Es geht natürlich immer in unseren Podcasts darum, gesund älter zu werden, aber da gibt es ein Stichwort, das sozusagen mittlerweile überall zu lesen ist, zu hören ist und da wollen wir heute ein bisschen diesen Begriff genauer hinterhergehen. Was bedeutet er eigentlich und was kann man wirklich tun, um sein Leben gesund bis in ein hohes Alter zu bringen? Dieser Begriff nennt sich Longevity, falls das jemand schon einmal gehört hat. Und da habe ich zwei Expertinnen bei mir heute zu Gast. Corina Madreiter-Sokolowski, herzlich willkommen.

Corina Madreiter-Sokolowski: Herzlichen Dank für die Einladung.

Fanny Sedlnitzky: Und Kristina Hütter-Klepp.

Kristina Hütter-Klepp: Hallo, freue mich sehr da sein zu dürfen.

Fanny Sedlnitzky: Schön, dass Sie beide gekommen sind. Sie sind Expertinnen für Longevity. Vielleicht können Sie ganz kurz erklären, wie es dazu gekommen ist, warum Sie beide sich mit diesem Thema beschäftigen.

Corina Madreiter-Sokolowski: Ja, ich bin an der Medizinischen Universität Graz Gruppenleiterin und forsche eben in den Zellen und an den Fadenwürmern, wie diese eben dann länger leben können. Bei uns geht es also darum, dass wir einerseits aufdecken, was verändert sich in den Zellen während des Alterns und dann natürlich auch Zielstrukturen zu identifizieren, die wir angreifen können mit möglichen Wirkstoffen, damit wir länger gesund leben.

Fanny Sedlnitzky: Mhm. Also nicht nur die Fadenwürmer, sondern auch wir. Warum sind Sie damit dabei, Kristina Hütter-Klepp?

Kristina Hütter-Klepp: Für mich persönlich ist Präventivmedizin unglaublich wichtig und Corina und ich haben uns ja vor zwei Jahren kennengelernt und durften damals gemeinsam auch schon einen Podcast abhalten über gesundes Altern, länger Leben und haben uns da kennengelernt und haben dann eigentlich spontan beschlossen, dass wir uns so gut ergänzen, sie die wissenschaftliche Seite, ich die praktische allgemeinmedizinische Seite, dass wir eben beschlossen haben gemeinsam ein Buch zu schreiben und uns einfach zusammenzutun. Der Code zum Jungbleiben ist das Buch, das schauen wir uns auch noch genauer an.

Fanny Sedlnitzky: Zu Beginn möchte ich aber noch klären, was bedeutet der Begriff Longevity eigentlich? Ich habe schon ein bisschen erwähnt, wohin es da geht, was das bedeutet, aber was heißt denn eigentlich?

Corina Madreiter-Sokolowski: Ja, aus wissenschaftlicher Sicht bedeutet es, dass wir die mittlere Lebensspanne, die wir momentan erreichen, weiter hinausdehnen wollen. Also wir wollen länger leben. Wir wollen aber auch erreichen, dass wir länger gesund bleiben. Wir wollen also erreichen, dass wir eben nicht ungefähr 15 bis 20 Jahre mit chronischen Erkrankungen verbringen am Ende unseres Lebens, sondern ja möglichst noch mit 90, 100 Jahren dann mit Rucksack auf am Berg steigen können und uns fit dabei fühlen.

Fanny Sedlnitzky: Ist es denn sehr wahrscheinlich, dass wir das wirklich machen, einmal mit 100 Jahren auf einem Berg zu stehen mit einem Rucksack?

Corina Madreiter-Sokolowski: Ich denke, aus wissenschaftlicher Sicht ist es recht wahrscheinlich, dass wir die gesunde Lebensspanne tatsächlich verlängern können, wenn wir nämlich unseren Lifestyle optimieren, wenn wir aber auch darauf achten, dass es beispielsweise unserer Umwelt gut geht und wir gesellschaftlich auch eingreifen und eben besonders auch auf die Randgruppen schauen und darauf, dass auch die Lifestyle-Faktoren implementieren können. Ich glaube, dann kann man tatsächlich erreichen, dass die gesunde Lebensspanne gesamtgesellschaftlich auch angehoben werden kann.

Fanny Sedlnitzky: Ich glaube, jeder weiß, was es heißt, gesund zu leben. Man soll sich bewegen, man soll sich gesund ernähren. Trotzdem klingt das einfacher, als es dann in der Wirklichkeit oft ist für den Einzelnen. Trotzdem gibt es dann so etwas wie gewisse Parameter, die ausschlaggebend sind und man kann sich komplett gesund ernähren, man kann alles tun für seine Gesundheit und trotzdem kann es einen treffen. Das heißt, also alles kann man vielleicht nicht beeinflussen, aber sehr vieles kann man beeinflussen. Wie schaut denn da das Verhältnis aus? Macht es überhaupt Sinn, dass ich sozusagen mich da bemühe und versuche, mein Leben ordentlich und gesund zu gestalten? Habe ich dann eine Chance tatsächlich länger zu leben?

Kristina Hütter-Klepp: Also, es macht immer Sinn und das ist ganz unabhängig davon, wie meine Gene ausschauen. Natürlich sind unsere Gene wichtig, das wissen wir, aber wir können so viel beeinflussen allein aufgrund unseres Lebensstils. Es ist auch altersunabhängig. Natürlich ist es gut, wenn wir anfangen, je jünger wir sind, das heißt präventiv wirklich früh anzufangen. Aber wir haben so gute Daten und Studien. Selbst wenn ich 70, 80 Jahre alt bin und ich beginne Krafttraining zum Beispiel, wie stark ich noch meine Muskulatur aktivieren kann, wie stark ich meine Lebensqualität damit noch steigern kann und auch noch praktisch die Lebensspanne ausweiten kann. Und ich glaube, das muss uns allen bewusst sein. Wir haben unsere Gene und wir haben auch Schicksalsschläge. Also, das wissen wir alle. Wir können einen Unfall erleiden, den können wir nicht verhindern vorab, aber wir können jeden Tag daran arbeiten, dass wir einfach wirklich so lange wie möglich gesund bleiben. Und ich glaube, dieser Begriff Longevity, der eigentlich aus Amerika kommt, der so gehypt wird derzeit, heißt ja in Wirklichkeit nur, dass wir alle gesund und im Prinzip auch qualitätsvoll altern wollen.

Fanny Sedlnitzky: Jetzt haben Sie den Begriff schon noch einmal angesprochen und haben auch gesagt, es ist ein Hype, es ist tatsächlich ein Hype, man liest diesen Begriff, wie ich schon erwähnt habe, überall im Moment. Man kommt fast nicht daran vorbei. Es wird natürlich auch viel Werbung damit gemacht. Was steckt denn wirklich jetzt dahinter? Sie schreiben in Ihrem Buch "Der Code zum Jungbleiben". Ist es denn tatsächlich wie ein einfaches Rezept, wenn ich das und das mache, dann bleibe ich jung oder steckt denn schon ein bisschen mehr dahinter?

Corina Madreiter-Sokolowski: Ja, es ist ein Code, der auf ganz, ganz vielen Variablen beruht und wir wissen, dass wir tatsächlich auch viele von diesen Variablen noch nicht kennen. Von dem her muss man sagen, dass der Alterungsprozess, der sich über so viele Jahrzehnte erstreckt, natürlich auf ganz viele Faktoren zurückzuführen ist. Das ist Lifestyle, das ist Umwelt, das ist aber natürlich auch unser genetisches Material.

Fanny Sedlnitzky: Und da kann man nicht viel beeinflussen, ne?

Corina Madreiter-Sokolowski: Man kann die Genetik nicht ändern an und für sich, aber man kann dann schon dafür sorgen, dass man womöglich dann auch andere Signalwege in den Zellen ankurbelt, die wiederum positiv sind, wenn man denn genetisch vielleicht vorbelastet ist. De facto ist es aber momentan so, dass man eigentlich eine große Diskrepanz erlebt zwischen dem, was wir in der Wissenschaft wissen über das Altern in Zellen beispielsweise in den Modellorganismen, aber auch an den Menschen, und dem, was dann tatsächlich bei den Laien mehr oder weniger ankommt. Weil es wird oft von Social Media getrieben, es werden oft Versprechungen gemacht, dass eine einzige Wunderpille quasi das Altern rückgängig machen kann, und aus wissenschaftlicher Sicht ist es dann oft verwunderlich, wenn unsere vorklinischen Daten, die wir beispielsweise an Zellen oder an Fadenwürmern eben generieren, dann mehr oder weniger vermarktet werden, als wären das schon Erkenntnisse, die wir am Menschen gemacht haben. Also, man muss immer dazu sagen, wenn im Labor was getestet wird, dann muss es danach noch eine klinische Testung durchlaufen. Und wir haben momentan das große Problem, dass es einen riesigen Markt von vermeintlichen Anti-Aging-Wirkstoffen gibt und de facto ist aber kein einziger Wirkstoff momentan in der EU zugelassen mit der Indikation Alterung, und da kann man sich dann wundern, warum das dann vermarktet werden kann, und das Ganze läuft unter dem Schlagwort der Nahrungsergänzungsmittel. Und unter diesem Deckmantel kann man sehr vieles vermarkten, ohne dass man einen Wirknachweis erbringt.

Fanny Sedlnitzky: Da sind wir bei einem großen Stichwort, vielleicht haken wir da gleich ein: Nahrungsergänzungsmittel. Hilft es, wenn ich mir irgendwelche Pillen einwerfe sozusagen oder irgendetwas nehme, um sozusagen das Altern hinauszuzögern, oder braucht es da schon noch etwas mehr Anstrengung dafür?

Kristina Hütter-Klepp: Also, ich glaube, da muss ich leider wieder auf die ganzen langweiligen Maßnahmen zurückgreifen. Ich sage immer, unser Leben ist im Prinzip aufgebaut wie eine Torte und ganz wichtig ist sozusagen die Basis, das sind unsere Lebensstilfaktoren. Und wenn ich meine Patientinnen anschaue, die zu mir in die Ordination kommen, die wenigsten haben natürlich ihre Lebensstilfaktoren optimiert. Auch wir, die wir hier sitzen, können nicht zu 100% alles optimieren. Wir haben Stress, wir haben einen Schlafmangel, es gibt Tage, wo wir schlecht essen, wo wir nicht zum Training kommen. Und das ist aber in Wirklichkeit die Basis und wir können natürlich, wenn all diese Basismaßnahmen optimal eingestellt sind, versuchen vielleicht mit eventuellen Nahrungsergänzungsmitteln, wo auch ein Mangel vielleicht vorliegt, zu optimieren, aber es wird uns nicht helfen, einfach nur Supplements einzunehmen und im Prinzip an den ganzen Interventionen, Basisinterventionen, nicht zu arbeiten.

Fanny Sedlnitzky: Basisinterventionen, was sprechen Sie da genau an?

Kristina Hütter-Klepp: Ich glaube, die wirklich wichtigste meiner Meinung nach ist die Bewegung. Das ist etwas, was vielen schwerfällt, was ich auch verstehe. Aber wir wissen aus wirklich tausenden Studien mit riesig vielen Probandinnen, also Teilnehmerinnen, wie stark dieser Bewegungshebel wirkt auf unsere Muskulatur, auf unsere Langlebigkeit, auf unsere Gesundheit, auf die Sturzprophylaxe. Und da geht es gar nicht darum, dass ich sage, ich muss jetzt jeden Tag drei Stunden Krafttraining machen und ich muss jetzt jeden Tag zwei Stunden laufen gehen. Es zählt da auch schon die Alltagsbewegung. Das heißt einmal dem Bus nachlaufen, die Treppen hinauflaufen. Es ist erst jetzt vor kurzem wieder eine ganz neue Studie rausgekommen, dass wenn ich mich kurzfristig anstrenge am Tag verteilt, wie sehr ich damit mein Herz-Kreislauf-System schützen kann. Und das ist, glaube ich, einfach so ein Grundstein, der so wichtig ist in unserem Leben und der so viel auch ein bisschen toleriert, wenn man sonst nicht ganz so konsequent ist. Und natürlich die Ernährung. Also steht und fällt alles mit einer guten Ernährung.

Heute zu Gast in Gesund informiert, dem rezeptfreien Podcast: Molekularbiologin Corina Madreiter-Sokolowski und Allgemeinmedizinerin Kristina Hütter-Klepp zum Thema Longevity.

Fanny Sedlnitzky: Jetzt sind sehr, sehr viele Stichworte gefallen, auf die ich jetzt eingehen möchte. Sie haben das in Ihrem Buch auch ganz schön gegliedert in Kapitel zu verschiedensten Organen, kann man vielleicht gleich sagen. Es geht, wie Sie schon erwähnt haben, ums Herz-Kreislauf-System, das jung gehalten werden soll. Es geht um die Ernährung, um sozusagen unseren Verdauungstrakt gut zu füttern. Es geht um die Bewegung, um die Muskeln irgendwie in Schuss zu halten. Also, da sind ganz viele Hebel. Gibt es einen, wo Sie sagen, das ist das Wichtigste, um sozusagen unseren Körper jung zu halten? Weil jung ausschauen und jung sein muss ja auch nicht immer das Gleiche sein. Viele haben früher Falten, früher graue Haare, sind aber innerlich noch jung geblieben, andere schauen jung aus und sind eigentlich innerlich schon sehr gealtert.

Corina Madreiter-Sokolowski: Ja, manchmal geht es nicht nur darum, was man machen soll, sondern auch was man nicht machen soll. Und wir verwenden in der Zellkultur bei uns im Labor beispielsweise Stoffe, um Zellen schneller altern zu lassen, eines davon sind die Inhaltsstoffe des Rauchs.

Fanny Sedlnitzky: Mhm.

Corina Madreiter-Sokolowski: Und damit kann man schon ableiten, das Rauchen an und für sich ist eigentlich der Killer Nummer 1 bei uns. Man weiß, dass man ungefähr zehn gesunde Lebensjahre durch das Rauchen verliert im Durchschnitt. Das ist also eine drastische Maßnahme. Gleichzeitig wissen wir auch, und auch das sehen wir an unseren Zellen, dass schon eine geringe Menge an Alkohol dazu führt, dass beispielsweise die Krebsrate steigt. Von dem her muss man sagen, es ist jetzt nicht nur wichtig, dass man sich viel bewegt, ausgewogen ernährt, vielleicht auch kalorienrestriktiert ernährt, sondern vor allem man muss auch vermeiden, dass man sich eigentlich vergiftet selbst, weil das macht man eigentlich mit dem Rauchen und dem Alkohol, und da muss man tatsächlich vorsichtig sein.

Fanny Sedlnitzky: Jetzt werden die Kritiker wahrscheinlich sagen, na ja, aber Spaß machen darf schon auch noch das Leben.

Kristina Hütter-Klepp: Ich glaube, dass das nichts mit Spaß zu tun hat. Also, es ist ja nicht so, dass man sagt, man soll jetzt nie mehr ein Glas Alkohol trinken und wenn man Freude daran hat und sich zusammenzusetzt und mal ein Glas Wein trinkt, also das wird es jetzt nicht ausmachen. Aber ich glaube, das Wissen dahinter ist so wichtig. Wir wussten das hier jahrelang auch nicht. Es hat so oft geheißen, ein gutes Glas Rotwein schützt das Herz-Kreislauf-System. Oder ein Bier zum Rehydrieren nach einem Sport. Und mittlerweile wissen wir, dass das leider, dass es keine gesundheitsfördernde Wirkung gibt und dass jede Dosis vom Alkohol toxisch ist, also ein Zellgift ist. Und ich glaube, das Wissen ist einfach wichtig, wie ich selbst damit umgehe. Ich selber habe jetzt auch nicht das Gefühl, wenn ich jetzt weniger, also ich trinke eindeutig weniger Alkohol, seitdem wir dieses Buch geschrieben haben, und das ist aber kein Verzicht. Im Gegenteil, ich merke, wie oft ich was getrunken habe einfach so, weil man wo eingeladen ist oder weil man irgendwo bei einer Veranstaltung ist, man kommt rein, man kriegt ein Glas Sekt in die Hand gedrückt und hat noch gar nicht überlegt: Will ich es oder will ich es nicht? Ich sage jetzt oft nein, weil ich sage, ich habe eigentlich gar keine Lust, und wenn ich dann wirklich das Gefühl habe, heute gönne ich mir ein gutes Glas Wein zum Beispiel, dann genieße ich es natürlich auch. Das ist ähnlich wie mit Süßigkeiten, das ist ähnlich mit vielen Dingen, die man genießen darf, und der Genuss ist unglaublich wichtig, aber halt mit dem Wissen dahinter, dass das ein Genuss sein sollte und nicht Alltag.

Fanny Sedlnitzky: Wir haben auch zum Thema Alkohol und Alkoholverzicht schon eine Podcastfolge gestaltet. Es gibt keine gesunde Menge Alkohol. Das war die Botschaft. Kann man auch nachhören. Der Alkohol ist auf jeden Fall etwas, was in den letzten Jahren begonnen hat, die Menschen vielleicht zu spalten, auch Meinungen zu spalten. Lange hat es geheißen, Alkohol, ein gutes Glas Rotwein, wie wir gerade erwähnt haben, ist gesund. Aber es ist tatsächlich jetzt so, dass es Studien gibt, die wir bisher geglaubt haben zu kennen, als falsch interpretiert haben.

Corina Madreiter-Sokolowski: Ja, das ist eigentlich ganz lustig, weil man hat Gruppen untersucht, die Alkohol trinken versus Gruppen, die keinen Alkohol trinken, und früher ist man oder vor mehreren Jahrzehnten ist man dann zu der Konklusion gekommen, dass tatsächlich der Alkoholkonsum auch mit einer besseren Gesundheit verbunden ist, was natürlich einen großen Hype ausgelöst hat, dass man sein Rotweinglas halt tatsächlich mit Genuss auch trinken soll und kann. Und tatsächlich muss man jetzt im Nachhinein sagen, da ist eine Fehlinterpretation bei den Studien passiert. Es ist nämlich auch so gewesen, dass diese Studienteilnehmer, die mehr Alkohol getrunken haben, tatsächlich sozial aktiver waren. Die waren also in der Gruppe vereint, haben sich ausgetauscht und tatsächlich ist der positive Effekt, den man dem Alkohol zugeschrieben hat, eigentlich auf die sozialen Kontakte zurückzuführen. Und von dem her sieht man auch, wie schwierig so Alterungsstudien sind, weil eben so viele Faktoren auf uns einprasseln. Das ist nicht nur der Alkohol in dem Fall gewesen, sondern eben auch die soziale Interaktion und womöglich auch, dass diese Personen dann zum nächstgelegenen Gasthaus gemeinsam marschiert sind, um dort ihren Alkohol einzunehmen, also auch noch Bewegung vielleicht dabei gehabt haben. Und da muss man also sehr, sehr vorsichtig sein und braucht sehr, sehr große Gruppen an Probandinnen, dass man tatsächlich auf einen einzelnen Faktor tatsächlich auch eine Erkenntnis gewinnen kann, ob denn dieser Faktor für die Langlebigkeit tatsächlich ausschlaggebend sein kann.

Fanny Sedlnitzky: Da sieht man also vielleicht, dass nicht nur die Bewegung oder die Ernährung, sondern auch das soziale Miteinander ganz wichtig ist, damit wir gesund älter werden können. Beziehungen und dieses Ganze, was dahinter steckt, das ist ein ganz großer Bereich auch.

Kristina Hütter-Klepp: Ja, das ist unglaublich wichtig. Also wir wissen das spätestens seit der COVID-Pandemie, was Isolation und Einsamkeit mit uns machen. Das, was vielleicht auch wichtig ist, es gilt aber nicht für alle. Das heißt, es gibt Menschen, die gerne alleine sind. Das heißt, wenn man sich nicht einsam fühlt, ist es auch nicht so, dass ich jetzt aktiv soziale Kontakte unbedingt haben muss. Aber für die meisten von uns natürlich ist es wichtig. Wir haben gern unsere Familie, unseren Freundeskreis um uns. Und wir haben auch ganz gute Daten, dass Einsamkeit im Prinzip so ein Risikofaktor ist, fast wie Rauchen ähnlich zu sehen. Das heißt, wenn wir uns alleine fühlen, dann produzieren wir Stresshormone, und wenn wir Stresshormone produzieren, dann fördern wir auch wieder entzündliche Prozesse in unserem Körper. Und wir sehen ja auch immer, wenn wir ältere Menschen sehen, die gesund sind und glücklich mit ihrem Leben sind, sind das meistens Menschen, die ganz viele soziale Kontakte haben, die oft noch in ihrem Berufsleben eingebettet sind. Ich habe immer so Lieblingsbeispiele wie Musiker zum Beispiel, einen Bruce Springsteen, wo ich sage, oder Mick Jagger – also ich meine, da kann man nicht sagen, dass er wahrscheinlich ein gesundes Leben geführt hat. Der wird ganz viel anderes gemacht haben in seinem Leben. Aber ich glaube, die Leidenschaft für seine Musik und die Menschen, die er um sich hat, oder ein Hugo Portisch, der bis zum Schluss im Prinzip geistig aktiv war. Ich glaube, das ist so wichtig aktiv zu sein, sich auszutauschen und auch Freude am Leben zu haben oder sie auch zu suchen, wenn es vielleicht gerade schwierig ist.

Fanny Sedlnitzky: Also wirklich ganz, ganz viele Punkte, wo man sagen kann, da kann man sein Leben selbst in die Hand nehmen, man kann es tatsächlich vielleicht verlängern. Heute zu Gast in Gesund informiert, dem rezeptfreien Podcast: Molekularbiologin Corina Madreiter-Sokolowski und Allgemeinmedizinerin Kristina Hütter-Klepp zum Thema Longevity. Der Stress, den Sie angesprochen haben, ist auch ein ganz großer Faktor. Den kann man einfach manchmal aber gar nicht weglassen. Aber man kann das vielleicht ein bisschen kompensieren. Jeder hat Stress im Alltag, wenn man arbeitet, wenn man Familie hat, wenn man Verpflichtungen hat, aber man muss vielleicht einen Ausgleich schaffen. Ist das richtig?

Kristina Hütter-Klepp: Ja, das ist unglaublich wichtig. Und es gibt aber auch keine pauschale Empfehlung, weil jeder unterschiedlich von uns ist. Sehr viele fragen mich in der Ordination: Was ist das Beste? Es gibt nicht das Beste, das jedem gleich gut tut, weil wenn ich jetzt jemandem sage, der noch nie Yoga gemacht hat, mache bitte am Nachmittag eine halbe Stunde Yoga zur Entspannung, wird der sich beim ersten Mal nicht entspannen. Also ich glaube, man muss für sich selber finden, was einem gut tut. Wir wissen natürlich, dass auch Musizieren oder Tanzen oder in der Natur draußen zu sein einfach perfekt ist, um abzuschalten, um zu entspannen. Und wir haben alle Stress, braucht man nicht drehen, aber es gibt ja einen positiven Stress und es gibt einen negativen Stress und der positive Stress, der schädigt uns nicht so. Das heißt, wenn wir auch Spaß an dem haben, was wir tun, oder auch wenn die Familie mal stresst, aber das Familiengefüge ist gut, ist das nicht nur negativ. Worauf wir aufpassen müssen, das ist beim negativen Stress. Aufpassen müssen wir auch, dass wir unsere Zellen gut in die Regenerationsphase bringen. Das passiert zu einem großen Teil in der Nacht, wo wir sozusagen entschlacken, wo wir irrsinnig viel tun, obwohl wir eigentlich nichts tun. Der Schlaf ist ein ganz wichtiger Punkt auch, um sozusagen lang gesund zu bleiben bis ins hohe Alter.

Corina Madreiter-Sokolowski: Ja, als stillende Mutter muss ich sagen, das macht mir immer Angst, wenn ich diese Studien über den Schlaf lese, weil ich wenig davon habe.

Fanny Sedlnitzky: Genau, weil da merkt man dann immer, warum man wirklich schneller altert offenbar mit kleinen Kindern, was zum Glück aber reversibel ist offenbar.

Corina Madreiter-Sokolowski: Tatsächlich ist es aber so, dass wir während dem Schlaf Melatonin beispielsweise ausschütten, und das ist ein ganz starkes Antioxidans. Damit können wir also Sauerstoffradikale physiologisch runterpuffern mehr oder weniger. Gleichzeitig wird auch die Selbstreinigung der Zellen angekurbelt, die Autophagie, und der Schlaf ist auch ganz wichtig, damit wir den zirkadianen Rhythmus von unserer Hormonausschüttung beispielsweise beibehalten. Man sieht es bei Schichtarbeiterinnen, man sieht es auch bei Leuten, die beispielsweise eine Nacht durchgezecht haben, dass dann danach, also den Tag danach, tatsächlich die Hirnstruktur sich sogar verändert. Also das sieht man an der Bildgebung, dass hier tatsächlich kurze Veränderungen da sind, die aber zum Glück reversibel sind, und da gibt es aber schon auch einen Punkt, wo man glaube ich gesellschaftlich vielleicht auch einen Hebel hat. Man weiß nämlich, dass natürlich gewisse Gruppen besonders unterstützt werden müssen. Das betrifft jetzt beispielsweise Alleinerziehende, das betrifft auch Leute, die viel Care-Arbeit natürlich machen etc.. Diese Leute haben tendenziell mehr Stress und womöglich auch einen Schlafmangel, und in diesen Fällen ist es natürlich schon wünschenswert, dass man dann vielleicht Lösungen findet, wie man diesen Personen auch entgegenkommen kann, beispielsweise durch bessere Kinderbetreuung etc..

Fanny Sedlnitzky: Mhm. Also, da ist nicht nur am eigenen Leib sozusagen etwas zu tun, sondern die Gesellschaft als gesamtes gefragt, damit wir alle gesund altern, und das würde ja dann wiederum unserer Gesellschaft zugutekommen, der Wirtschaft, dem Gesundheitssystem und ja, man könnte das endlos fortsetzen.

Corina Madreiter-Sokolowski: Ja, ich glaube, das ist auch ein wichtiger Punkt, weil um den Begriff Longevity wird eigentlich ganz oft anhand von Einzelpersonen gehypt. Das sind einzelne Personen, die sich teure Interventionen leisten können und die dann mehr oder weniger das auch vermarkten und sagen, ja, mit diesen 100 Supplements bleibt man lange gesund und schaut bitte meine schönen Blutwerte an. Wir sind aber momentan in einer alternden Gesellschaft, also die Anzahl der über 60-Jährigen wird sich zwischen 2015 und 2050 verdoppeln, und damit haben wir natürlich auch in einigen Jahren, Jahrzehnten viel mehr Leute, die ein hohes Risiko für alterungsbedingte Erkrankungen haben. Und um dem entgegenzuwirken, müssen wir alle eigentlich dafür sorgen, dass wir als Gesellschaft gesund altern, weil es nutzt uns nichts, wenn einzelne Personen womöglich tatsächlich gesund altern. Wir müssen das gesamtgesellschaftlich schaffen und in dem Fall muss man dann aber auch zum Trost für all jene sagen, die sich eben diese teureren Supplements nicht leisten können. Es ist eigentlich gut so, weil als Pharmazeutin und auch als Wissenschaftlerin ja wird mir eigentlich immer schlecht, wenn ich mir diese Listen anschaue und auch an die potenziellen Nebenwirkungen denke. Von dem her muss man sagen, wahrscheinlich hat man sogar Glück in diesem Fall, dass man sich diese teuren Supplements dann nicht leisten kann. Was natürlich schon wichtig ist, das sage ich immer, ist, dass man sich regelmäßig eigentlich von seiner Hausärztin oder seinem Hausarzt durchuntersuchen lässt, einmal im Jahr zur Vorsorgeuntersuchung geht und dort bespricht, wie es eigentlich in seinem Körper aussieht und ob Risiken da sind. Präventivmedizin heißt ja nichts anderes, als dass wir diese Risiken frühzeitig erkennen wollen, damit gar keine Erkrankungen entstehen. Und das Buch soll auch ein bisschen so der Schlüssel dazu sein, dass man vielleicht sich das anschaut und sagt: Ah, da könnte ein Risiko bei mir sein. Meine Eltern sind zum Beispiel frühzeitig an einem Herzinfarkt verstorben. Dann gehe ich zu meiner Hausärztin, zu meinem Hausarzt und lasse mich beraten. Das, was mir vielleicht auch noch wichtig ist zum Thema Supplements ist natürlich gibt es Indikationen, wo wir Supplements anwenden. Also, das heißt, wenn wirklich diagnostizierte Mängelzustände da sind, wenn ich chronisch Erkrankte habe, die ich unterstützen muss, die einfach durch die Ernährung zum Beispiel nicht den Mikronährstoffbedarf decken können, ältere Personen zum Beispiel, die einfach schon so wenig essen, dass sie auch hier an Mangelzuständen leiden. Aber das, was wir vielleicht anmerken wollen, ist, dass es bei gesunden Menschen nicht notwendig ist, ein Vitaminpräparat täglich zu nehmen über Jahre hinweg, dass es hier einfach kein Benefit dazu gibt.

Fanny Sedlnitzky: Jeder von uns hat sein Geburtsdatum irgendwo stehen. Das ist dann unser tatsächliches Alter, wenn wir dann nach vorne rechnen sozusagen. Es gibt aber bei der Berechnung eines Alters auch noch etwas anderes, das biologische Alter und das tatsächliche Alter. Man sieht es vielleicht auch tatsächlich auf der Straße. Manche Menschen schauen jung aus und sind schon etwas älter, als man sie einschätzen würde. Manche Menschen schauen alt aus und sind jünger. Was ist denn das für ein Unterschied, dieses biologische Alter und unser tatsächliches Alter, wovon sprechen wir da?

Corina Madreiter-Sokolowski: Ja, wenn wir das biologische Alter bestimmen, dann schauen wir uns an, wie unsere Zellen ausschauen. Es ist jetzt so, dass wir aus ca. 400 verschiedenen Zelltypen bestehen, also Hautzellen, Muskelzellen etc. und die altern unterschiedlich schnell. Es gibt mittlerweile Tools, um das Alter von einzelnen Körperzellen bestimmen zu können. Und basierend darauf kann man dann sagen: Okay, das biologische Alter ist jünger oder älter als das chronologische Alter. Warum ist es für uns in der Wissenschaft interessant? Wenn wir hunderte, tausende Probandinnen anschauen und diese Bestimmungen machen an einzelnen Zellen im Blut beispielsweise, dann kann man herausfinden, ob Interventionen das Altern beschleunigen oder eben verlangsamen. Das ist also für uns in der Wissenschaft sehr interessant. Gleichzeitig werden aber eben diese Tools auch oft angeboten im Rahmen von sogenannten Gesundheitschecks bei Longevity Centern und da muss man dann sagen, das ist mit Vorsicht zu betrachten, denn wir wissen aus dem Labor, wenn wir einzelne Samples bestimmen, dann schwanken die extrem abhängig davon, an welchem Gerät gemessen wurde und auch in welcher Phase sich der oder die Person, die eben diese Zellen abgegeben hat, befunden hat. Ich beispielsweise als stillende Mutter werde ein biologisch höheres Alter momentan aufweisen. Das ist aber reversibel den Studien zufolge und von dem her kann ein einzelner Wert niemals eine Aussage geben. Wir müssen eigentlich auf Alterungsuhren warten und die sind in den Studien schon beschrieben worden und die sind auch in Entwicklung, wo wir tatsächlich das Organ bestimmen können.

Fanny Sedlnitzky: Also, das heißt, wenn ich jetzt ein höheres biologisches Alter im Moment aufweise, heißt das nicht, dass ich unbedingt früher sterben muss.

Corina Madreiter-Sokolowski: Ja, genau.

Fanny Sedlnitzky: Das ist auch für mich ein ganz wichtiger Punkt. Also, wie man äußerlich aussieht, das hat auch nichts damit zu tun, wie die inneren Organe gesund sind oder nicht gesund sind. Und wenn man vielleicht sein biologisches Alter sich selber irgendwie ausrechnen lassen möchte, dann ist es am besten ärztlich unterstützt.

Kristina Hütter-Klepp: Man geht hin und schaut sich seine Blutdruckwerte an, man schaut seine Herzfrequenz an, man kann auch so Sauerstoffsättigung bestimmen, die Herzratenvariabilität, die VO2 Max zum Beispiel, die maximale Sauerstoffkapazität, und kann man theoretisch dadurch ein bisschen ausrechnen, wo man sich befindet. Das sind Tools, die noch am ehesten vielleicht anwendbar sind und die wir empfehlen können, weil hier können wir auch aktiv sehr viel verändern und einspielen.

Fanny Sedlnitzky: Mhm. Bleibt dazu zu sagen, man ist immer so alt, wie man sich fühlt. Natürlich, also wir haben den Code zum Jungbleiben eine Spur selbst in der Hand. Gehen Sie raus, bewegen Sie sich, essen Sie gesund. Auch dazu haben wir in einer Podcastfolge zum Thema Mikrobiom schon gesprochen. Was ist gesund, was kann ich tun, damit ich sozusagen Gutes oben einfülle, denn das ist ja auch der Treibstoff für unseren Körper. Soziale Kontakte, all das zählt dazu, um ein gesundes glückliches Leben zu führen bis ins hohe Alter. Vielen herzlichen Dank, Corina Madreiter-Sokolowski und Kristina Hütter-Klepp, dass Sie hier Einblicke gegeben haben. Sehr wissenschaftliche Einblicke auch, aber ich glaube, es ist schön, wenn man einmal versteht, was eigentlich im Hintergrund alles abläuft.

Corina Madreiter-Sokolowski: Vielen Dank für die Einladung. Es hat auch uns sehr gefreut, über unser Lieblingsthema reden zu dürfen.

Kristina Hütter-Klepp: Danke für die Einladung und ich glaube, es ist so wichtig auch, dass Wissenschaftlerinnen und wissenschaftliche Laien auch in Austausch treten, weil wir dadurch natürlich auch klären können, wie man beispielsweise Studien liest. Ganz oft wird vermarktet, dass es eh klinische Studien für dieses und jenes Supplement gibt und dann ist aber nicht gesagt worden, dass eben nur an 30 Personen getestet worden ist zum Beispiel.

Corina Madreiter-Sokolowski: Eine Studie ist nicht gleich eine Studie sozusagen.

Fanny Sedlnitzky: Genau. Vielen herzlichen Dank, dass Sie gekommen sind.

Kristina Hütter-Klepp: Danke.

Corina Madreiter-Sokolowski: Danke.

Das war Gesund informiert, der Gesundheitspodcast. Eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfonds Steiermark und ORF Steiermark.