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Folge #90 Gesund informiert mit Omid Amouzadeh: Ist meine Angst noch normal?

Frau erschreckt sich vor Geist

Angst hat viele Gesichter. Und viele kennen auch das Gefühl, wenn sich Angst auf unseren Körper ausbreitet: Das Herz rast, die Atmung wird schneller, man beginnt zu schwitzen und vielleicht meldet sich auch der Bauch. Und dabei ist es oft ganz egal, was einem Angst macht – Angst vor verschiedenen Tieren, Angst vor Prüfungen, Angst vor Lebenssituationen, Angst vor der Zukunft.

In der Folge #90 erfahren Sie, warum Angst manchmal Sinn macht, warum sie manchmal aber auch unbegründet ist. Zudem zeigt die Folge auf, wie man Angst bewältigt, wie man als Angehöriger reagieren kann und ab wann man Hilfe holen sollte.

Gast:
Psychiater Omid Amouzadeh

„Gesund informiert“ ist eine Zusammenarbeit zwischen ORF Steiermark und Gesundheitsfonds Steiermark.

Redaktion und Stimme: Fanny Sedlnitzky

Informationen zu Anlaufstellen in Ihrer Nähe finden Sie bei der Plattform Psyche und im steirischen Servicestellenverzeichnis.

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Podcast clips

Listen in to the episode for a quick moment!

Teil 1: Wie reagiert man richtig auf Angst?
Teil 2: Was hilft gegen Angstgefühle?
Teil 3: Macht Angst eigentlich Sinn?
Text for the episode

Fanny Sedlnitzky: Willkommen bei Gesund informiert, der Gesundheitspodcast, eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfond Steiermark und ORF Steiermark. Fanny Sedlnitzky liefert wertvolle Antworten in unserem rezeptfreien Podcast. Heute mit Psychiater Omid Amouzadeh. Willkommen zu einer neuen Podcast-Folge. Wir wollen uns heute ein Thema anschauen, mit dem auch schon jeder wahrscheinlich zu tun gehabt hat. Es geht um das Thema Angst und Angst per se hat viele Facetten, viele Gesichter, man kann Angst vor Dingen haben, Angst vor Situationen, Angst vor der Zukunft, wie auch immer das aussieht. Und das ist schwierig. Man kommt da vielleicht aus einem Strudel oft gar nicht heraus. Wir wollen uns das heute ein bisschen genauer ansehen und versuchen auch vielleicht die eine oder andere Lösung zu finden. Dazu habe ich natürlich einen Experten zu Gast hier, Psychiater Omid Amouzadeh. Herzlich willkommen.
Omid Amouzadeh: Hallo, vielen Dank für die Einladung.
Fanny Sedlnitzky: Ich habe schon kurz gesagt, es gibt verschiedenste Arten von Angst. Ein Kind hat anders Angst als ein Erwachsener. Es gibt Situationen, in denen man Angst hat. Es gibt aber auch Stimmungen, die einen in Angst versetzen. Es gibt Angst, die man benennen kann, Angst, wo man gar nicht weiß, wovor man eigentlich Angst hat. Also, das ist wirklich sehr facettenreich. Was ist denn medizinisch vielleicht mal kurz erklärt, schauen wir in unser Gehirn? Was ist Angst?
Omid Amouzadeh: Grundsätzlich muss man sagen, Angst ist eine Reaktion, die Sinn macht. Stellen Sie sich vor, ein Güterzug kommt Ihnen entgegen, ne? Sie sehen die drei Lichter, Sie hören vielleicht den Pfeifton und in dieser Situation wäre es nicht angemessen, wenn man sich jetzt so verhält wie vorm Jogging zum Beispiel, dass man die Muskeln relaxiert, also entspannt, und dass man überlegt, welchen Weg nimmt man heute am besten? Nein, man muss schnell reagieren, der Körper muss bereit sein, die Muskeln müssen mitspielen, das Herz muss schon reagiert haben und man muss auch jede Ambivalenz im Denken, alles Überlegen und so weiter, muss mehr oder weniger ausgeschaltet sein. Man muss kurzschlüssig schnell reagieren, Hauptsache weg vom Güterzug, ne? Alles andere würde nicht gut ausgehen, leider Gottes. Und das ist das, was wahrscheinlich auch die Hörerinnen jetzt interessieren wird und auch uns Psychiater und Psychiaterinnen ist das Thema, dass dieselbe Angst mehr oder weniger auch unangemessen auftreten kann und das ist das Thema, das für sich noch sehr vielschichtig ist.
Fanny Sedlnitzky: Das heißt, also da kommt eine Situation, die macht sich im Kopf bemerkbar, dann geht sie aber über auf andere Körperteile. Man spürt die Angst tatsächlich im ganzen Körper und sie ist nicht unbegründet wahrscheinlich, aber es ist nicht der Güterzug.
Omid Amouzadeh: Genau. Sie ist höchstwahrscheinlich nicht unbegründet. Oft bekommen wir nicht heraus, auch in der sorgfältigsten Exploration, was jetzt die Ursache ist. Aber sie ist dieser, und Sie haben es eh schon genannt oder angesprochen, sie ist dieser sehr stark körperbezogenen Angst, die man verspürt, wenn der Güterzug entgegenkommt, sehr verwandt zumindest und man teilt die Symptomatik. In der älteren Literatur ist sie auch als triebhaft benannt. Damit ist jetzt aber nicht diese freudsche Triebtheorie gemeint, sondern ganz einfach zum Beispiel – jeder kennt es – wenn man den Kopf unter Wasser hat und man wird kurzfristig zum Beispiel auch vielleicht aus dem Spaß heraus daran gehindert wieder aufzutauchen, dann tritt diese sehr körperbezogene Angst auf, die jetzt mit dem Atemantrieb und so weiter verknüpft ist. Und das ist sicher eine Eigenart dieser Angst, über die wir jetzt sprechen, dass sie sehr körper-, sprich stammbezogen ist. Das heißt, die betroffenen Organe, wenn man so will, sind Herz, Lunge, also Atmung, Puls und auch die abdominellen Symptome sind da zu nennen. Das heißt, man kann da Schwierigkeiten kriegen, was Stuhlgang betrifft, ne? Auch das kennt jeder von uns, wenn er ängstlich ist oder in einer Angstsymptomatik sich gerade befindet.
Fanny Sedlnitzky: Also, das sind dann auch wirklich körperliche Auswirkungen. Man kennt das vielleicht auch, schnürt einem den Hals zu oder das Herz klopft bis in den Kopf hinein und benommen.
Omid Amouzadeh: Ja, man hat verschiedenste körperliche Zustände.
Fanny Sedlnitzky: Wenn diese Zustände jetzt öfter auftreten, wenn das zu einem Dauerzustand wird, dann macht das was mit unserem Körper. Dann ist es nicht mehr diese reine Schutzfunktion, von der Sie gesprochen haben.
Omid Amouzadeh: Genau, das ist korrekt. Und das ist auch der wesentliche Punkt. Also, wenn diese Ängste erstens situationsunangemessen sind, das heißt, man kann jetzt gar nicht ausforschen, warum die Angst auftritt oder es ist irgendwas Bagatellhaftes. Zum Beispiel meine Frau leidet an einer Spinnenphobie. Ja, das kennen viele und um nur ein Beispiel zu nennen, also war folgende Situation: Spinne lässt sich direkt vor meinem Gesicht ab und meine Frau war bereits bewaffnet mit so einem Insektenspray, ne, und hat versucht die Spinne zu erreichen und kurzschlüssig natürlich hat sie in mein Gesicht gesprüht, ne? Das kommt vor, das ist das, was Sinn macht, wenn der Güterzug einem entgegenrast, dass man nicht überlegt, was man jetzt tut, in welche Richtung man geht und so. In diesen Situationen ist es situationsunangemessen. Ich habe auch unangemessen reagiert, muss ich dazu sagen, nämlich genauso wie ein Angehöriger bei einer Panik nicht reagieren sollte. Ich habe natürlich gefordert, dass sie sich zusammenreißen soll, ne? Genau. Das sollte man nicht tun, aber vielleicht können wir später noch darauf zu sprechen kommen. Gut.
Fanny Sedlnitzky: Also es ist für sie nicht nachvollziehbar gewesen, warum sie in dieser Situation Angst hat, aber für Sie ist es einfach eine wahnsinnige Belastung für den Körper und für den Kopf.
Omid Amouzadeh: Genau. Ja. Also körperlich scheint sich dasselbe abzuspielen wie bei den begründeten Situationen. Gesteuert scheint es da auch – das ist ja ein ganz eigenes interessantes Feld gerade auf einer Hirnebene – sagen wir jetzt mal eben, einiges wird auch hier ausgeschaltet, damit man recht kurzschlüssig egal wie reagieren kann und dann gibt's eben noch die Achse runter Richtung eben körperbezogen von einer hormonellen Basis, die dann eben dazu führt, dass halt die ganze Stressachse im Körper anspringt und kann...
Fanny Sedlnitzky: ...genau, schwitzen, Puls, Herzklopfen.
Omid Amouzadeh: Genau. Auch die abdominelle Symptomatik, das gehört alles dazu, weil das halt in diesen Achsen mitbegriffen ist.
Fanny Sedlnitzky: Heute zu Gast in Gesund informiert, dem rezeptfreien Podcast, Psychiater Omid Amouzadeh. Man kommt ja aus seiner eigenen Haut bekanntlich nicht heraus. Also vielleicht gibt's aber ein paar Tricks, wie man sich selbst ein bisschen austricksen kann. Darüber werden wir später noch sprechen. Ich möchte kurz darauf eingehen, dass es ja eigentlich in der heutigen Zeit genug Gründe gibt, Angst zu haben. Wir brauchen nur die Nachrichten einschalten. Wir brauchen nur eine Zeitung aufschlagen. Es gibt tausende Gründe, warum und wovor man Angst haben kann. Manche Menschen stecken das weg. Die sagen: „Ja, mich beunruhigt die, sagen wir, weltpolitische Lage auch, aber ich kann nichts ändern daran. Ist so.“ Bei manchen Menschen löst das wirklich was aus und das sind dann Menschen, die tatsächlich jetzt vielleicht nicht in der Sekunde an einem erhöhten Puls, Herzschlag, Schwitzen leiden, wie wir es gerade beschrieben haben, sondern Menschen, die vor sich hin leiden, die tatsächlich jeden Tag beim Aufstehen Schwierigkeiten haben, die das einfach nicht loswerden im Kopf.
Omid Amouzadeh: Ja, also wenn die Frage ist, leben wir in einer Angstgesellschaft, dann muss ich eindeutig sagen, möglicherweise ja. Spaß beiseite. Unsere Vergesellschaftung, sagen wir so, hat schon eigene Charakteristiken in der heutigen Zeit, ne? Wir sind sehr vernetzt. Wir haben also Krisen zum Beispiel, die irgendwo auf der Welt herrschen, werden sehr schnell als globale wahrgenommen. Selbst die kleinsten Dinge, die uns früher nicht betroffen haben, sagen wir jetzt spaßig die Flatulenz der Rinder in Nordamerika betrifft uns genauso wie das chronische Falschparken des Nachbarn zum Beispiel. Alles dies ist schon eine Eigenart der heutigen Zeit und die Medien folgen auch ihrer eigenen inhärenten Logik, sage ich jetzt einmal. Es ist ja völlig klar, Rundfunksendungen, sage ich jetzt einmal, nicht mit beruhigenden Walgesängen über Stunden irgendwie überleben kann, ne?
Fanny Sedlnitzky: Das ist nach dem Prinzip: Only bad news are good news, ne?
Omid Amouzadeh: Genau. Ja, zumindest muss es sehr aufregend sein. Da kann man drüber spekulieren, sagen wir so, ob das jetzt Ängste fördert. Wovon ich nicht überzeugt bin, ist, dass wir körperlich sehr anders funktionieren als noch vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Das scheint eher nicht der Fall zu sein. Wir sind auch gerade was die Ängste betrifft den Tieren da sehr ähnlich, ne? Und wir haben ja auch was Tierhaftes, ne, aus einer philosophischen Perspektive.
Fanny Sedlnitzky: Früher waren die Menschen auch mit Ängsten konfrontiert. Das sind vielleicht Ängste, die heute aufgrund unseres Lebensstils keine Ängste mehr sind und man kann darüber diskutieren, ob es jetzt mehr gibt als früher. Da bin ich selbst im Schwanken, ob man dem zustimmen soll oder nicht. Aber es gibt noch etwas, was sich gesellschaftlich auswirkt und sicher auch hinsichtlich der Angst und der Ängste, und zwar ist das der Gebrauch von Stimulanzien, der hat sich jetzt gesellschaftlich eigentlich schon sehr stark durchgesetzt. Vielleicht ein bisschen erklärt...
Omid Amouzadeh: ...in Richtung, also das Hauptstimulanz, das da zu nennen ist, ist sicher Koffein. Das heißt, wir haben die ganzen stark koffeinhaltigen Getränke wie Energydrinks und so, die zu jeder Tageszeit bei neuem konsumiert werden, auch von Jugendlichen. Wir haben diese koffeinhaltigen Pads zum Beispiel, die konsumiert werden. Es ist bekannt, und das ist auch in unseren Lehrbüchern als Kapitel praktisch genannt, dass Überkonsum von Koffein einfach Ängste auslösen kann. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen.
Fanny Sedlnitzky: Keine gute Nachricht. Der Frühstückskaffee kann gefährlich werden.
Omid Amouzadeh: Genau so ist es. Ja, absolut. Ja, aus eigener Erfahrung kann ich es bestätigen.
Fanny Sedlnitzky: Jetzt sitzt man beim Frühstück mit dem Kaffee und den schlechten Nachrichten von der Zeitung. Also, der Tag beginnt dann schon einmal schlecht. Das wollen wir jetzt bitte nicht. Wir wollen eigentlich ein bisschen uns mit der Beseitigung der Ängste beschäftigen. Was mache ich, um mich ein bisschen sozusagen davon zu entfernen? Heißt das, ich darf keine Nachrichten mehr konsumieren? Heißt das, ich muss mich distanzieren von diesen ganzen Situationen? Was mache ich, damit ich sozusagen nicht ständig im Kopf habe: Es ist alles schlecht, ich muss wirklich Angst haben vor der Zukunft?
Omid Amouzadeh: Ja, die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten und es gibt da ganz viele Tücken und Fettnäpfchen, in die man treten kann. Natürlich eine Vermeidung führt kurzfristig zu einer Entlastung, ne? Das heißt, wenn man sich mit nichts befasst, das einen ängstigen kann, dann verspürt man keine Angst. Gleichzeitig scheint es die Disposition zu verstärken, dass man an Ängsten leidet. Das heißt, man tendiert dann eher dazu, leichter Ängste zu empfinden, wenn nur irgendwas ist, das nach Angst riecht, sage ich jetzt mal als Auslöser der Angst. Darum muss man eigentlich – es ist eine alte Weisheit – eine Art von goldener Mitte versuchen anzustreben. Das heißt, man darf sich nicht völlig in der Vermeidung aufgehen lassen. Man darf aber auch nicht verbissen gegen die Ängste ankämpfen. Auch das ist nicht förderlich. Oft verliert man in dieser Situation, in einer Paniksituation, wenn man versucht verbissen gegen die Angst anzukämpfen.
Omid Amouzadeh: Man muss versuchen, und man kann es erlernen, dass man Ruhe bewahrt trotz allem. Und in dem Wissen, dass jede Panik – also der Körper hält die Angst auch nicht ewig auf einer körperlichen Ebene durch, ne? Die Angst klingt auch wieder ab, ne? Sie erreicht also typischerweise, sagen wir eine Paniksituation erreicht nach wenigen Minuten ihren Höhepunkt und klingt dann wieder ab, ne? Das muss man wissen. Auf der einen Seite, dann versucht man ruhig zu atmen und das einfach durchzustehen, ne, und einfach Zeit zu gewinnen und das klingt dann wieder ab und man kann auch im Umgang mit der Angst Routine gewinnen. Das ist das eine, was man jetzt akut machen kann.
Omid Amouzadeh: Man kann aber auch – also jetzt Allgemeinmaßnahmen praktisch – das Risiko minimieren, dass das wieder auftritt, ne? Und da gibt's mehrere zu nennen, ne? Also einerseits der Lebensstil, wenig Koffeinkonsum, zum Beispiel Bewegung, soziale Kontakte und was mir als Arzt natürlich wichtig ist, wäre schon, dass man auch zumindest einmal, wenn die Angst sehr stark ist, wiederkehrend ist und sehr beeinträchtigt im Alltag ist, dass man einmal schon die körperliche Abklärung macht.
Fanny Sedlnitzky: Es gibt natürlich auch körperliche Erkrankungen. Genau, zum Arzt gehen.
Omid Amouzadeh: Genau. Und dann die Abklärung ist relativ einfach für einen Arzt. Ist ja eigentlich eine Bagatelle, aber man kann sehr schön nach den häufigsten Ursachen screenen. Einmal sollte man es gemacht haben, ist keine große Sache, aber ist durchaus wesentlich.
Fanny Sedlnitzky: Diese Paniksituationen, Panikattacken sagt man vielleicht auch, kann man da irgendwie auch, wenn man merkt, jetzt kommt's hoch in mir und es fängt das Herz schneller zu schlagen an, die Atmung – hyperventilieren, also zu schnell atmen, das sind dann so Situationen, wo man sich vielleicht selbst irgendwie noch beruhigen kann, beruhigen sollte, damit das nicht... Vielzitierte Atmung, ja, die ist so wichtig, was kann ich da tun?
Omid Amouzadeh: Die ist sehr wichtig. Also, man kann Atemtechniken erlernen, vor allem jetzt in der Therapie. Es gibt eigene Therapiemodule, vor allem verhaltenstherapeutisch ausgerichtet, wo man diese Techniken lernen kann, die man dann dort direkt anwenden kann, ne? Das sind imaginative Techniken und auch vor allem und sehr zentral Atemtechniken, die man anwenden kann und sie sind sehr effizient.
Fanny Sedlnitzky: Heute zu Gast in Gesund informiert, dem rezeptfreien Podcast, Psychiater Omid Amouzadeh. Wenn ich als Angehöriger daneben stehe, ist Angst ansteckend?
Omid Amouzadeh: Kann durchaus ansteckend sein, ne? Die Panik ist ja zumindest im angelsächsischen Raum auch sehr verknüpft mit diesem Phänomen des Massenphänomens Panik, Massenpanik in der Herde, also Herdenphänomen, wenn man so will, ist jetzt aber in dem Sinn bei einer Panikstörung, so wie wir sie verstehen und womit wir konfrontiert sind in der Psychiatrie, seltener zu beobachten. Oft hat man wenig Verständnis als Angehöriger dafür und das ist eben gleichzeitig das Problem. Ich habe schon ein Beispiel genannt.
Omid Amouzadeh: Auch hier als Angehöriger ist man gefordert, ne, dass man da nicht, sage ich, durchaus gereizt zum Beispiel reagiert, so wie es mir passiert ist. Und auch hier muss man die goldene Mitte wahren und auf der einen Seite nicht Druck aufbauen, weil das ist nicht förderlich. Das kann die Angst verstärken oder zumindest das Leid verstärken, das damit verknüpft ist, und man darf aber auch nicht verharmlosen.
Fanny Sedlnitzky: Auch das wäre negativ.
Omid Amouzadeh: Das heißt also unterstützen, versuchen und versuchen zu verstehen, dass man selbst vor dieser Situation, vor diesem Gegenstand keine Angst hat, vor diesem Lebewesen, aber der andere eben schon.
Fanny Sedlnitzky: So unterschiedlich sind Ängste. Das heißt also auch so unterschiedlich ist wahrscheinlich die Behandlung oder die Herangehensweise, wenn ich merke – bleiben wir beim banalen Beispiel – Spinne, das kennen viele. Ich persönlich habe überhaupt keine Angst vor Spinnen. Bei mir sind es die Mäuse, ich gebe es zu, und wir haben da oft Diskussionen, wo man mir dann sagt: „Geh bitte, so eine kleine Maus, die ist doch süß.“ Umgekehrt greife ich jede Spinne an. Also, man muss versuchen, sich in den anderen vielleicht hineinzuversetzen. Kann man das so stehen lassen?
Omid Amouzadeh: Das stimmt. Ja, wobei letzten Endes wird es nicht gelingen, dass man es ganz nachvollziehen kann. Möglicherweise leidet sogar jeder Mensch an einer bestimmten Phobie, ne? Also, man kann sich da schon reinversetzen. Es gibt gewisse Ängste, in die man sich nicht reinversetzen kann. Das sind zum Beispiel eher psychotische Ängste, die bei Schizophrenen...
Fanny Sedlnitzky: Gut, aber das ist dann wirklich also ja, das ist auch ein Krankheitsbild im herkömmlichen Sinne eigentlich schon.
Omid Amouzadeh: Genau, da ist die Einfühlsamkeit so wie man ist einfach nicht gegeben. Das ist wieder das eine. Aber was man als Angehöriger sicher machen kann, ist dabei unterstützen, dass sich die Betroffene Hilfe sucht. Man muss nicht allein sein mit seiner Angst und man muss die Angst dann nicht übertragen auf das ganze familiäre System, ne? Es gibt professionelle Hilfe, die man aufsuchen kann und die ist ja sehr effizient und die steht da jedem zur Verfügung. Ja.
Fanny Sedlnitzky: Gibt es auch so etwas wie Mythen rund um das Thema Angst?
Omid Amouzadeh: Es gibt einige Mythen. Zentraler Mythos ist sicher, das hängt mit dieser Schuldthematik zusammen. Das heißt, dass man die Schuld an dieser Situation und empfundenen Angst und auftretender Angst an die betroffene Person selbst knüpft, als hätte sie sie bewusst verschuldet.
Fanny Sedlnitzky: Also du bist selber schuld an deiner Phobie, an deiner Angst vor verschiedenen Situationen.
Omid Amouzadeh: Also, man diskutiert ja auch, ob sie nicht erlernt ist die Angst, das ist eine Hypothese, was die Ursache betrifft. Selbst wenn sie erlernt ist, ist sie nicht bewusst erlernt. Also das hat man jetzt sich nicht antrainiert bewusst. Genau, das will niemand haben, sondern es ist wie es ist und man kann sicher die Schuld nicht beim Betroffenen suchen und ihn dafür in dieser Weise verantwortlich machen. Das Zweite, was ist, und das ist jetzt ein Empfinden, das man oft in der Angstsituation empfindet, ist, dass die Angst einen umbringt, buchstäblich. Die körperliche Situation ist wahnsinnig belastend und sie wird als bedrohlich empfunden. Sicher, weil sie hängt ja auch mit dieser...
Omid Amouzadeh: ...mit dieser vernünftigen Reaktion vor einer realen Bedrohung zusammen. Aber nun gibt's keine reale Bedrohung, aber das Empfinden ist gleich und das ist sicher das Erste, was man tun muss in einer Therapie, dass man das lernt, dass die Reaktion unangemessen ist und dass keine Bedrohung herrscht und dass man die einfach durchstehen muss und sie geht dann wieder vorbei.
Fanny Sedlnitzky: Nicht lebensbedrohlich. Der erste Schritt. Genau. Nicht lebensbedrohlich. Ja, da komme ich dann noch zu einem Punkt, der vielleicht unsere Zuhörer ein bisschen fröhlich entlässt aus unserem Podcast. Gibt es die Chance auf Heilung? Heilung klingt so... Wenn ich Halsweh hab, weiß ich, das geht vorbei. Das wird irgendwann wieder gut. Diese Angst, diese Ängste, egal welchen Ursprung sie haben, kann ich mich davon befreien? Kann ich gesund werden?
Omid Amouzadeh: Tatsächlich kann man diese Frage glücklicherweise positiv beantworten. Wir haben auf jeden Fall in der Therapie der Angsterkrankungen, dieser genuinen Angsterkrankungen, eine kurative Intention. Das heißt, wir wollen sie heilen und man kann sie heilen. Das ist keine lebenslängliche Charakteristik, die einen begleitet, ne, sie nimmt danach ab, wenn man sich damit konfrontiert und wenn man sie vernünftig angeht, auch unter Zuhilfenahme, wenn sie sehr schwer ist, unter Zuhilfenahme von professionellen Diensten. Und schlussendlich ist die Heilungsrate sehr hoch.
Fanny Sedlnitzky: Das ist ein schöner Ausblick für die Zukunft. Vielleicht noch einmal der Hinweis, wenn ich merke, ich komme mit meiner Angst allein nicht mehr zurecht, das spuckt mir die ganze Zeit im Kopf herum und man kennt das vielleicht, wenn man so Gedanken hat, man ist in einer Spirale drinnen und da entstehen wunderbare Fantasy-Dramen eigentlich, könnte man das fast bezeichnen. Wohin kann ich mich wenden, um sozusagen aus dieser Spirale auszubrechen, um professionelle Hilfe zu suchen?
Omid Amouzadeh: Also, es gibt mehrere Möglichkeiten. Die Frage ist, was einem auch am besten liegt, sage ich jetzt einmal. Für viele ist nach wie vor der Hausarzt der erste Ansprechpartner für alle möglichen Leiden. Vor allem, wenn man da einen guten Bezug hat und wenn man dem Vertrauen schenkt und dort könnte man mal auch die Erstabklärung machen, auch das wäre zum Beispiel der traditionelle Weg.
Fanny Sedlnitzky: Also auch wenn wir wissen, wir sind nicht krank im herkömmlichen Sinne, wir haben nicht Fieber oder etwas Ähnliches, auch mit der Frage: „Was tue ich gegen meine Spinnenangst?“, kann ich mich zuerst einmal an meinen Hausarzt wenden.
Omid Amouzadeh: Das ist sicherlich möglich und nicht unangemessen. Es gibt aber mittlerweile auch sehr viel spezialisierte Dienste im genuin psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereich, die man aufsuchen kann. Die sind aber in sich wieder sehr vielfältig. Es gibt wohnortnahe psychiatrische Versorgung zum Beispiel. Es gibt Beratungsstellen in den Gemeinden, vor allem bei uns in der Steiermark intensiv ausgebaut, und ja, man kann sich auch an jeden Psychiater wenden und auch an Psychotherapeuten, klinische Psychologen.
Fanny Sedlnitzky: Also das Feld ist breit und man findet sicher einen Weg und man muss nicht alleine sein, das ist ganz sicher. Und man muss sich nicht genieren, vor allem.
Omid Amouzadeh: Auf jeden Fall genau. Scham ist unangemessen, das ist ein großes Thema, das eventuell auch sehr stark Männer betrifft. Frauen sind stärker betroffen von Angsterkrankungen, eventuell aber auch, weil Männer die stärkere Scham empfinden, wenn sie betroffen sind und weniger professionelle Dienste in Anspruch nehmen.
Fanny Sedlnitzky: Der Tipp für alle anderen, die keine Ängste haben: Nicht lachen über etwas, was einen anderen offensichtlich beschäftigt.
Omid Amouzadeh: Ganz bestimmt nicht.
Fanny Sedlnitzky: Und denen, die leiden, mitzugeben auf den Weg: Ihr seid A nicht allein und B holt euch Hilfe.
Omid Amouzadeh: Genau. Ja.
Fanny Sedlnitzky: Vielen herzlichen Dank, dass Sie zu Gast waren in unserem Podcast für diese vielen Tipps. Wir könnten noch sehr, sehr lange über die Angst sprechen, und ja, auch die Weltsituation trägt dazu bei: Krankheiten, Politik etc. Aber vielleicht kann man das eine oder andere ja mit einem Lächeln betrachten.
Omid Amouzadeh: Auch diesen. Vielen Dank.
Fanny Sedlnitzky: Das war Gesund informiert, der Gesundheitspodcast, eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfond Steiermark und ORF Steiermark.