Folge #95 Gesund informiert im Alter: Wie kann ich Stürze vermeiden?
Wenn man älter wird beginnt auch so manches Wehwehchen und man ist vielleicht nicht mehr ganz so flott auf seinen Beinen unterwegs wie in jungen Jahren. Damit man bis ins hohe Alter „trittsicher und aktiv“ bleiben kann, muss man rechtzeitig vorbeugen. Bereits ab dem Alter von 30 Jahren werden Muskeln weniger. Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) bietet daher Kurse an, die Bewegung fördern und helfen, Stürze bestmöglich zu vermeiden.
In der neuen Folge #95 erfahren Sie, wie man merkt, dass man nicht mehr ganz so fit auf den Beinen ist, wie man das bei den Eltern oder Großeltern testen kann und was Sie in den „Trittsicher & aktiv“-Kursen lernen.
Gäste:
Andrea Schwar und Julia Steiner (Physiotherapeutinnen), Barbara Gutsche (ÖGK)
„Gesund informiert“ ist eine Zusammenarbeit zwischen ORF Steiermark und Gesundheitsfonds Steiermark.
Redaktion und Stimme: Fanny Sedlnitzky
- Mehr Informationen zu den Kursen in der Steiermark finden Sie hier: https://styriavitalis.at/beratung-begleitung/einzelperson/trittsicher/
- Videos und Infomaterialien finden Sie hier: https://www.gesundheitskasse.at/cdscontent/?contentid=10007.901313&portal=oegkportal
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Willkommen bei Gesund informiert, der Gesundheitspodcast, eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfond Steiermark und ORF Steiermark. Fanny Sedlnitzky liefert wertvolle Antworten in unserem rezeptfreien Podcast. Heute mit Barbara Gutsche, Julia Steiner und Andrea Schwar von der ÖGK.
Fanny Sedlnitzky: Trittsicher und aktiv, das ist unser Thema in unserer neuen Podcast-Folge. Worum geht's? Wir wollen schauen, wie man sicher ins hohe Alter kommt, wie man sich sicher weiterhin im Alltag bewegen kann, ohne dass man Gefahr läuft, dass man stürzt; denn Stürze, das weiß man auch gerade, wenn man vielleicht schon ein bisschen älter ist, die können durchaus Probleme mit sich bringen. Man ist lange vielleicht dann auf irgendeine Hilfe angewiesen. Ja, so muss es aber gar nicht sein. Und ich habe heute drei Expertinnen bei mir zu Gast. Ich begrüße Sie recht herzlich. Barbara Gutsche, schönen Tag. Danke, dass Sie gekommen sind.
Barbara Gutsche: Danke, dass wir heute da sein dürfen.
Fanny Sedlnitzky: Dann Julia Steiner, ein herzliches Hallo.
Julia Steiner: Hallo.
Fanny Sedlnitzky: Und Andrea Schwar, hallo.
Andrea Schwar: Hallo.
Fanny Sedlnitzky: Freue mich, dass Sie gekommen sind. Andrea Schwar, Julia Steiner, Sie beide sind Physiotherapeutinnen. Sie werden uns ein bisschen was erzählen zu dem Thema trittsicher und aktiv. Wie kann ich mich fit halten bis ins hohe Alter? Wie kann ich schauen? Wie kann ich vielleicht der Oma helfen, wenn ich merke, sie ist ein bisschen wackelig auf den Beinen? Und Barbara Gutsche, es gibt da bei der ÖGK ein Projekt „trittsicher und aktiv“, wo man auch teilnehmen kann, ein Kurs sozusagen. Das werden wir uns auch noch genauer anschauen, wie das funktioniert. Vielleicht fangen wir an mit Ihnen beiden, den Physiotherapeutinnen: Wieso ist es so, dass ältere Menschen ein bisschen wackliger unterwegs sind im Leben? Man kennt es von den ganz kleinen. Wenn man anfängt zu gehen, dann ist das auch noch sehr schwierig. Dann stabilisiert man sich und wenn man älter wird, wird man einfach wieder unsicher. Warum?
Andrea Schwar: So wie Sie schon erwähnt haben, das Stürzen allgemein ist ja etwas, was alltäglich ist. Als Kinder lernt man durch Stürzen immer mehr gehen. Also, das heißt, das ist jetzt was ganz Natürliches. Im Erwachsenenalter ist es dann eher Stürzen beim Erlernen von neuen Sportarten und wenn man älter wird, fällt einem einfach auf, dass es öfter zu einem Sturz im Alltag kommt. Und das liegt eben an verschiedenen Ursachen. Einerseits vielleicht, dass man andere Alltagssituationen hat, dass man vielleicht nicht mehr so viel Sport macht, dass man vielleicht gar nicht mehr so viel unterwegs ist, dass man dadurch natürlich weniger Reize gesetzt hat, was damit auch die Koordination insgesamt herabsetzt. Was das Thema vor allem ist im Alter, das wissen viele vielleicht auch, dass man natürlich auch immer mehr an Muskulatur und Kraft abbaut. Das ist ein natürlicher biologischer Vorgang. Ab 30 schon.
Fanny Sedlnitzky: Wie wir in einem anderen Podcast schon einmal geklärt haben, leider, leider.
Andrea Schwar: Und es ist halt umso wichtiger, dass man seine Knochen- und Muskelmasse wirklich bewusst erhält und wirklich auch was dafür tut. Und wenn man halt wenig oder fast nichts tut, dann kommt's halt leider Gottes oftmals zu solchen Phänomenen wie zum Beispiel Stürzen.
Fanny Sedlnitzky: Das heißt also tatsächlich sind ältere Menschen betroffen. Was heißt denn ältere Menschen? Ab wann sage ich denn fängt also die Muskelmasse fängt an mit 30 schon etwas weniger zu werden? Das ist die schlechte Nachricht. Die gute ist, sie kann gut trainiert werden. Aber wann bemerkt man denn, dass Menschen generell ein bisschen Schwierigkeiten bekommen? Wann fängt das an?
Julia Steiner: Man weiß allgemein, dass ab dem 65. Lebensjahr Stürze in den Alltag einziehen und ungefähr ein Drittel aller Personen über dem 65. Lebensjahr mindestens einmal jährlich zu Sturz kommen, wie Andrea bereits erwähnt hat, vor allem auch einhergehend mit der Abnahme der Muskelmasse, aber auch die Reaktionsgeschwindigkeit, die sich reduziert.
Fanny Sedlnitzky: Also man fängt sich gar nicht mehr selbst auf oder man kann das gar nicht mehr ausgleichen.
Julia Steiner: Das Nächste, was wichtig dazu zu erwähnen ist, ist, dass bereits gestürzte Personen ein viel höheres Risiko mit sich bringen, wieder erneut zu stürzen. Das heißt, das ist auch ein Prozess, der dann immer weiterläuft, sofern man nicht selbstständig was dagegen unternehmen möchte.
Fanny Sedlnitzky: Es muss nichts passieren bei einem Sturz, es kann aber sehr viel passieren. Der vielzitierte Oberschenkelhals bricht sehr gerne gerade bei älteren Menschen. Was sind denn die Gefahren eines Sturzes von älteren Personen?
Andrea Schwar: Also, wenn man jetzt tatsächlich stürzt, was natürlich das Befürchtetste ist, ist dieser berühmte Oberschenkelhalsbruch, wie schon erwähnt. Und der führt halt oft dazu, dass natürlich eine längere Immobilität da ist bei Damen. Vor allem, wenn schon der gefürchtete Oberschenkelhalsbruch ist, da muss man auf jeden Fall erwähnen, dass die Knochengesundheit ein großes Thema ist, gerade bei Frauen und Hormone. Genau über 65 ist Osteoporose großes Thema und da kann man eben genauso auch vorher schon mit Training von Kraft und Gleichgewicht schon sehr viel entgegenwirken, weil natürlich ein moderates Krafttraining dafür sorgt, dass eben die Knochen stabiler und fester bleiben.
Fanny Sedlnitzky: Jetzt haben Sie schon erwähnt, Frauen und Männer, gibt es da irgendeine Tendenz, dass Frauen oder Männer häufiger betroffen sind von Stürzen?
Julia Steiner: Generell sind Frauen häufiger betroffen, wenn es um das Thema Stürze geht, aber man sieht diesen Unterschied zwischen Männern und Frauen auch, wenn es um das Thema Interesse in Präventionsprojekte geht, dass auch in unseren Angeboten viel häufiger auch Frauen vertreten sind, die bei diesen Kursen teilnehmen.
Fanny Sedlnitzky: Also, die Frauen bauen sozusagen vor für das Alter.
Andrea Schwar: Genau. Und was ich auch spannend finde, dass Frauen ja eher auf ihre Gesundheit schauen und aber auch darauf schauen, dass ihre Männer gesund bleiben.
Fanny Sedlnitzky: Also die nehmen die Männer gleich mit zum Kurs und sagen, du kommst mir mit, wir trainieren das gemeinsam.
Andrea Schwar: Nicht selten, dass Ehepaare dabei sind. Und das ist auch sehr gut, weil sie dadurch auch eher motiviert sind, auch zu Hause die Übungen weiterzuführen.
Fanny Sedlnitzky: Jetzt sind schon zwei Stichwörter gefallen, der Alltag und Zuhause. Es ist nicht nur so, dass man beim Sport stürzt oder auf der Straße, weil man eine Gehsteigkante übersieht oder weil irgendwelche Dinge da sind. Es ist tatsächlich auch so, dass sehr viele Menschen in den eigenen vier Wänden stürzen; in der Nacht, weil sie aufstehen müssen, im Finstern sich doch nicht ganz so zurechtfinden. Da gibt es Gefahren, die lauern. Was lauern denn zu Hause für Gefahren, wo man eigentlich glaubt, man fühlt sich sicher und geborgen?
Julia Steiner: Also, die häufigste Ursache zu stürzen ist tatsächlich das Stolpern und da gibt's im häuslichen Bereich ja einige Hindernisse, die einem da auch einen Strich durch die Rechnung machen können. Ob das jetzt herumliegende Kabel sind, ob das Teppichkanten sind, Niveauunterschiede bei Türschwellen beispielsweise, auch Lichtverhältnisse sind ein sehr wichtiges Thema, was angesprochen gehört. Besonders der nächtliche Gang auf die Toilette beispielsweise, wenn kein Licht eingeschaltet wird. Da gibt's zum Beispiel auch den Tipp, dass man Bewegungsmelder installiert, die eine dezente Lichtbeleuchtung bieten oder auch Lichtverhältnisse so eingestellt werden, dass sie blendfrei sind. Haustiere sind auch zu erwähnen, die ganz gerne so als Hindernis zwischen den Beinen herumwuseln.
Fanny Sedlnitzky: Also, da gibt es aber Dinge, denen man einfach gegensteuern kann. Man kann einfach die Teppiche vielleicht wegräumen oder man kann die Kabel einfach aufrollen.
Julia Steiner: Genau. Kabelschächte, die entlang der Wand verlaufen, um dort für Ordnung zu sorgen, sind eine gute Hilfseinrichtung. Man kann unter die Teppiche auch diese Rutschgitter installieren, damit Teppiche eben nicht beweglich entlang des Bodens gleiten. Haltegriffe sind auch gerne gesehen zu montieren, besonders in Gefahrensituationen, besonders im Badezimmer, ob das jetzt ein Haltegriff in der Nähe der Toilette ist oder auch beim Badewanneneinstieg; also auch die Palette der Hilfsmittel ist sehr, sehr breit gefächert, die zum Einsatz kommen kann. Generell auch Haltegriffe entlang von Stiegengeländern oder auch Markierungen, die eine Antirutschbeschichtung haben an der Kante von einer Stufe.
Fanny Sedlnitzky: Mhm. Also, dass man sich wirklich auch einmal vielleicht tagsüber im Haus, in der Wohnung bewusst wird, wo lauern Gefahrenquellen. Kann man vielleicht mit den Angehörigen durchgehen, die da zuhören und man kann ja Hilfestellungen leisten. Wenn es mir passiert in der Nacht, wenn ich stürze, wenn mein Mann, meine Frau, mein Partner nicht da ist, wenn ich vielleicht überhaupt allein lebe, ich stürze, ich habe mich verletzt. Was ist das Erste, was ich tun kann? Man hört immer wieder schreckliche Geschichten von Menschen, die dann oft stundenlang ohne Hilfe im Badezimmer am Boden liegen, bis Angehörige überhaupt merken, dass da etwas passiert ist. Was kann man da tun, dass man sich schneller Hilfe holt?
Julia Steiner: Als Sofortmaßnahme nach einem Sturz ist es auf alle Fälle ratsam, kurz zu pausieren und selbst eine kleine Körperreise zu starten, um mal herauszufinden, habe ich mich tatsächlich verletzt; zu überprüfen, treten Schmerzen in gewissen Körperregionen auf, kann ich meine Gelenke bewegen oder kann ich etwas nicht mehr bewegen, was vorher beweglich war. Und dann als unterstützende Maßnahme gibt's die Möglichkeit dieses Rufhilfesystems, was zum Beispiel vom Roten Kreuz betrieben wird. Das ist eine Funkuhr oder die ist auch über das Telefon geschaltet, wo man einen Notruf absetzen kann, wenn man alleine nicht mehr den sicheren Weg zurück starten kann. Aber viele Familien haben auch seniorengerechte Telefone, Mobiltelefone bereitgestellt, wo es einen Notrufknopf gibt, wo Angehörige hinterlegt sind, die verständigt werden. Das sind zum Beispiel so erwähnenswerte Dinge.
Heute zu Gast in Gesund informiert, dem rezeptfreien Podcast: Barbara Gutsche, Julia Steiner und Andrea Schwar von der ÖGK.
Fanny Sedlnitzky: Auch draußen lauern Gefahren, ein bisschen haben wir schon angesprochen, Gehsteigkanten etc.. Im Alter sieht man vielleicht gewisse Dinge auch nicht mehr so im Straßenverkehr. Ähm was lauern da hauptsächlich für Gefahrenquellen? Wo muss ich da aufpassen? Stichwort vielleicht auch Spazierwege, die ich zwar gewohnt bin, die ich kenne, aber man ist sich vielleicht nicht bewusst, was alles zur Gefahr werden kann, wenn ich mich nicht mehr so sicher fühle.
Andrea Schwar: Zum Beispiel was wir in unserer Gruppe immer wieder hören: Rolltreppen fahren ist oft plötzlich angstbehaftet oder fühlt sich nicht mehr so sicher an, vor allem das Draufsteigen und wieder Runtersteigen, das rechtzeitige. Dann natürlich auch Gartenarbeiten, also vor allem, wenn die Leute einen größeren Garten haben und dort gewohnt sind, im Frühjahr umzustechen und im ganzen Winter haben sie eigentlich weniger gemacht, dass es dann ein bisschen unsicherer sich anfühlt, auch der gewohnte Spaziergang durch den Wald. Also, wenn ja dann plötzlich Wurzeln ausgeschwemmt und so weiter sich unsicherer anfühlt. Also das sind so Gefahren, die so lauern. Was halt auch wichtig ist zu sagen, dass man natürlich entsprechend auf sein Schuhwerk auch achten sollte, sodass man dann nicht irgendwie mit losen Sandalen, Schlapfen durch die Gegend geht, auch nicht im Garten mit irgendwelchen Schlapfen, sondern dass man schon drauf schaut, dass es festes Schuhwerk ist, der Schuh, der wirklich am Fuß von selbst hält, trägt, damit einfach diese Stolpergefahr großteils ausgeschaltet ist. Genau. Und natürlich auch, da ist auch ein großes Thema, die Sichtigkeit. Also die Brille muss auf jeden Fall gut sitzen, gerade wenn die Gleitsichtbrille kommt, dass ich auch diesen Wechsel mir ein bisschen Zeit nehme dafür, wenn ich nach unten schaue und wieder nach oben komme. Genau. Also diese Gefahren gibt's quasi.
Fanny Sedlnitzky: Jetzt haben Sie schon was Wichtiges angesprochen: Man muss sich Zeit nehmen, sich etwas bewusst werden. Ja, und das ist ja auch so ein Prozess. Man hat jahrelang irgendetwas gemacht, man war sich seiner Sache sicher und dann plötzlich wird man älter und das passiert ja nicht von heute auf morgen. Das ist ein Prozess, dass man vielleicht bemerkt, das eine oder andere wird immer schlechter oder geht schlechter. Dieses Bewusstwerden, dass man vielleicht nicht mehr so fit ist wie früher, das ist ein großer wichtiger Schritt, bevor man sich auch vielleicht Hilfe holt. Wie können denn auch Angehörige merken, dass es vielleicht bei den Omas, Opas oder bei den Eltern nicht mehr so ist wie früher? Kann man das irgendwie testen, dass man sagt, schau, ich habe das Gefühl, du bist nicht mehr so trittsicher unterwegs?
Andrea Schwar: Also was man auf jeden Fall machen könnte als Angehöriger, wenn einem etwas auffällt – also dass man einfach auch sieht, dass bei der Mama oder dem Papa vielleicht man merkt, dass da mal ein Ausfallschritt passiert oder dass gewisse Dinge vermieden werden, dass der Spaziergang nicht mehr mitgemacht wird, weil sie sich unsicher fühlen oder weil sie sich einhängen – dann könnte man zum Beispiel hergehen und sagen: „Okay Mama, wenn wir bei dem Beispiel bleiben, stell dich bitte mal hin, ich stehe dann gegenüber, reiche die Hände und sage: Okay, probier mal einfach auf einem Bein zu stehen, ohne dass sich die Füße berühren“. Also das auf einem Bein zu stehen; die Mama darf die Hände halten und dann soll sie versuchen auszulassen und wirklich versuchen so um die 10 Sekunden wirklich frei zu stehen, ohne dass sie einerseits umfällt und andererseits auch den zweiten Fuß nach unten setzen muss oder sich anhält. Da kann man schon mal sehen, okay, wie gut geht dieser Einbeinstand, wie stabil bleibt sie. Natürlich auf beiden Seiten ausprobieren. Und das ist insofern ein wichtiger Test, weil normal beim Gehen, beim normalen Gang hat man ja beim Wechsel von einem auf das andere Bein ja auch immer einen Einbeinstand. Und der sollte stabil möglich sein. Und wenn das nicht mehr stabil möglich ist, dann hat man eben dieses Schwanken einerseits, eben diesen unsicheren Gang, aber was bei vielen auch passiert, dass sie die Füße gar nicht mehr heben oder kleinschrittiger werden und dann eben viel leichter hängen bleiben und stolpern. Also das ist dann wirklich eine quasi hausgemachte Geschichte.
Fanny Sedlnitzky: Genau. Da können wir, wie wir schon gesagt haben, zum Beispiel auch viele Übungen vielleicht machen, um diese Muskelpartien ein bisschen zu aktivieren. Was gibt's da für erste Möglichkeiten, dass man gleich einmal reagieren kann, wo man sagt, das ist einmal wichtig?
Julia Steiner: Generell ist das Thema Sturzprävention und das Training, was dahinter steckt, auf zwei große Säulen gelastet und zwar das Gleichgewichtstraining einerseits und auf der anderen Seite auch das gezielte Training der Muskelgruppen, im speziellen Fall jetzt auch was die Beinkraft betrifft. Und eine sehr praktikable Übung, die im Alltag wunderbar einsetzbar ist, sind zum Beispiel Kniebeugen. Das bedeutet, man kann mit den Angehörigen wiederholt versuchen aufzustehen und sich wieder hinzusetzen für 10, 15 Wiederholungen hintereinander, ohne sich dabei festhalten zu müssen oder auch ohne Schwung zu holen, ohne sich abstützen zu müssen oder generell auch beim Hinsetzen, dass man nicht ganz absetzt, sondern mit der Gesäßfläche nur kurz die Sitzfläche berührt und gleich wieder ins Stehen kommt, um eine kniebeugenähnliche Übung daraus ableiten zu können. Es ist eine sehr effektive Trainingsmethode, um die Beinkraft zu verbessern.
Fanny Sedlnitzky: Sehr gut. Und fürs Gleichgewicht, was kann man da vielleicht noch machen?
Julia Steiner: Fürs Gleichgewicht, wie Andrea bereits erzählt hat, den Einbeinstand zu üben, aber gerade wenn es um das Thema Selbsteinschätzung geht, gibt's auch eine sehr gute Übung, die anwendbar ist. Die nennt sich Schrittwippe, wo man in einer Schrittstellung steht. Das heißt, ein Bein vorne und das andere Bein hinten platziert. Und dann beginnt auch wahrzunehmen: Wo ist der Druck auf der Fußsohle? Wo ist meine Gewichtsbelastung? Und als Übung daraus abgeleitet wechselweise mehr Gewicht auf das vordere und wieder zurück mehr Gewicht auf das hintere Bein zu bringen, um das Gleichgewicht zu trainieren, indem man den Schwerpunkt bewusst verlagert auf die vordere und die hintere Seite.
Fanny Sedlnitzky: Auch ganz, ganz wichtig: Nicht bitte frei im Raum diese Übung machen, sondern wirklich zu Hause üben, entweder zwischen zwei Wänden, zwischen zwei Sesseln; es muss immer eine sichere Umgebung sein, wo man sich im Notfall auch abstützen kann, unbedingt.
Julia Steiner: Was tatsächlich wichtig ist, ist wenn man ins Training startet oder mit Übungen beginnt, dann soll man natürlich auch Übungen wählen, die einen herausfordern. Das heißt, man muss auch davon ausgehen, dass das ein oder andere Hoppala passieren könnte, weswegen auch Haltemöglichkeiten oder Sichern der Umgebungsfaktoren da ganz wichtig sind.
Fanny Sedlnitzky: Da kommen wir jetzt zu unserem nächsten Thema, wie wir immer in unserem Podcast auch erklären wollen: Natürlich, wohin kann ich mich wenden, wenn ich Probleme habe. Wer kann mir helfen, meine Situation zu verbessern? Das kann jetzt sein, wenn ich Angehörige bin, wenn ich merke, den Eltern oder den Großeltern geht's dahingehend nicht mehr so gut, die brauchen ein bisschen Unterstützung beim Gehen, bei einfachen Tätigkeiten, die früher selbstverständlich waren. Oder auch, wenn ich selbst bemerke, dass mit dem auf einem Bein stehen, da fühle ich mich nicht mehr so sicher. Auf der Rolltreppe im Kaufhaus bin ich irgendwie auch nicht mehr so wie früher. Ich könnte da ja was tun und die ÖGK bietet da eine Möglichkeit. Es gibt das Projekt „trittsicher und aktiv“. Was lerne ich da?
Barbara Gutsche: Bei diesem Programm geht's darum, das ist ein zwölfwöchiger Sturzpräventionskurs, bei dem genau die Dinge, die jetzt die Andrea und die Julia angesprochen haben, geschult werden, nämlich Gleichgewicht, Kraft, Koordination. Und das ist in Modulen aufgebaut als ein aufbauender Kurs, wo die Personen einfach immer mehr dazu lernen, immer sicherer werden und immer mehr einfach erproben können und üben können. Sie bekommen unterstützend dann auch DVD-Material mit oder auf USB-Stick, also Videos. Das heißt, sie können immer wieder auch zu Hause nachschauen, üben, proben. Bewährt sich natürlich, wenn jetzt Paare beispielsweise kommen, dann ist man umso motivierter, dass man dann gemeinsam einfach diese Übungen weiterführt. Und wir wissen auch nach den Kursen, dass die Leute dranbleiben und einfach ja motiviert sind, einfach weiterzuüben, und wir haben auch erkannt, dass die motorischen Fähigkeiten viel besser werden. Auch die psychische Komponente ist ein großer Punkt, denn auch das Miteinander in der Gruppe trainieren – bei der Gruppe sind zehn Personen dabei – und da kann man sich auch austauschen, von den Erfahrungen der anderen lernen. Also das ist auch ein soziales Miteinander, aber eben auch das, dass diese motorischen Fähigkeiten gestärkt werden.
Heute zu Gast in Gesund informiert, dem rezeptfreien Podcast: Barbara Gutsche, Julia Steiner und Andrea Schwar von der ÖGK.
Fanny Sedlnitzky: Es ist natürlich schwierig, wenn man gehört hat, als 30-Jähriger fangen die Muskeln an abzubauen. Da denkt man noch nicht dran, dass man mit 60, 70 vielleicht irgendwann einmal nicht mehr so sicher auf den Beinen unterwegs ist und denkt sich, na ja, die Übungen, da habe ich noch Zeit. Schwierig sich zu motivieren. Je älter man wird, desto mehr kommt das ins Bewusstsein. Man bekommt dann auch ein Bewusstsein dafür. Aber es ist auch oft schwierig, ältere Menschen zu so etwas zu motivieren, weil die sagen: „Na, ich brauche das nicht, mir geht's noch gut“. Es gibt viele, die weigern sich Hörgeräte zu tragen, Brillen aufzusetzen, weil sie sagen, das macht mich ja alt, dann bin ich ein alter Mensch. Wie motiviere ich jemanden, Angehörige, zu sagen: „Mach doch diesen Kurs. Du wirst dadurch nicht älter, ganz im Gegenteil, der stärkt dich“?.
Barbara Gutsche: Mhm. Wir setzen das ja so auf, dass wie gesagt steiermarkweit das Projekt umgesetzt wird und es funktioniert auf dieser Basis, dass Gemeinden diese Kurse anbieten. Das heißt, wir haben eben im Voraus, bevor Kurse stattfinden, oftmals Vorträge, die eben unsere Trainer umsetzen und dieses Programm einfach vorstellen in der Gemeinde. Und das soll das Ziel sein, also dass man zunächst einmal das ganze Thema aufzeigt, wie wichtig das einfach ist, eben in Form von einem Vortrag und dann eben im Anschluss gleich darauf einen Kurs in der Gemeinde anbietet. Und an der Stelle kann ich natürlich gerne Werbung machen für Gemeinden in der Steiermark: Also, wenn Sie Interesse haben, für Ihre ältere Bevölkerungsgruppe einfach ja Angebote zu setzen und ein tolles Angebot, das kostenfrei ist, umzusetzen, dann bitte gerne bei uns melden. Ähm dann würden wir uns freuen, wenn wir Sie als Gemeinde dazu gewinnen könnten, dass auch bei Ihnen in der Gemeinde ein Sturzpräventionskurs stattfindet.
Fanny Sedlnitzky: Bei diesen Kursen, die angeboten werden, sind nicht nur ältere Personen eingeladen, sondern auch, sagen wir mal, Personen aus dem Gesundheitswesen.
Barbara Gutsche: Ja. bei den Kursen nehmen Personen ab dem 65. Lebensjahr teil. Also die selbstständig oder selbstständig lebenden Menschen sind da dabei. Ähm genau wichtig ist, dass sie selbstständig aufstehen können. Sie können auch beispielsweise schon einen Rollator verwenden oder einen Gehstock, aber das Wichtige ist, dass sie selbstständig aufstehen können und wie gesagt ab 65 Jahren, das ist unsere Zielgruppe. Und wir haben aber auch noch weitere Angebote. Also wie gesagt, das eine ist einmal das Kernstück, der zwölfwöchige Sturzpräventionskurs. Und wir haben jetzt beispielsweise für Angehörige oder für Personen, die mit dieser Zielgruppe arbeiten, also mit Personen ab 65, haben wir auch Multiplikatorenschulungen. Das bedeutet, wir bilden Personen eben zu Multiplikatoren aus, dass sie dahingehend Schutzfaktoren, Risikofaktoren für Stürze kennenlernen in dem Kurs, dass sie aber auch dann einfache Übungen beispielsweise erlernen, die sie dann mit den Personen – wenn Sie zum Beispiel jetzt eine Krankenschwester sind oder Krankenpfleger – dann mit den Personen Übungen machen können. Das heißt, es ist auf niederschwellige Art und Weise, also einfache Übungen. Das Kernstück bzw. der Intensivkurs ist das eine, aber Multiplikatoren sind schon wichtig, weil sie dann mehr oder weniger eben auch mit unserer Zielgruppe arbeiten und dementsprechend auch schon breit gestreut das Thema gut vermitteln können.
Fanny Sedlnitzky: Wir haben schon vorher angesprochen: Es ist immer schwierig, wenn man schon einmal gestürzt ist, ist das Risiko, dass man noch einmal stürzt, umso höher. Und es ist aber genauso deswegen auch wichtig, den Menschen zu sagen: „Es ist wichtig, dass man das macht, dieses Bewusstsein zu schaffen“. Vor allem ist es wichtig, dass die Person selbst erkennt, dass es wichtig ist.
Julia Steiner: Bei Stürzen ist ja dann ganz oft die Folge, dass die Angst vor erneuten Stürzen auch eintritt und das wichtigste Thema für besonders eben die ältere Bevölkerungsgruppe ist, die Selbstständigkeit zu erhalten. Und ich glaube, dass das als Ziel zu sehen ein ganz ein mächtiger Faktor ist, als Senior oder Seniorin möglichst lange auch selbstständig und eigenständig das Leben bewältigen zu können, ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Und da bietet dieses Kursprogramm eben ganz, ganz tolle Möglichkeiten, um möglichst lange selbstständig auch aktiv bleiben zu können.
Fanny Sedlnitzky: Es gibt ja Situationen, wo sich Seniorinnen, Senioren vielleicht unsicher fühlen, mit den Enkeln am Boden herumtollen; da kommt man manchmal ein bisschen schwer wieder in die Höhe auch. Das zählt dazu, wenn man trittsicher und aktiv bleiben möchte.
Andrea Schwar: Genau. Genau das ist auch die Rückmeldung von vielen Kursteilnehmern, dass sie sagen: „Ja gut, runterkommen, ja, das geht ganz gut vielleicht, aber ich mach's schon seit Jahren nicht mehr, weil ich absolut nicht weiß, ob und wie ich hochkommen soll“.
Fanny Sedlnitzky: Und dann vermeidet man Situationen, die schade sind.
Andrea Schwar: Genau. Und da ist jetzt auch genau das Thema mit dem Enkelspiel. Vielen am Boden machen es dann auch nicht, weil sie eben die Befürchtung haben, nicht mehr hochzukommen. Und es ist auch ein großer Schwerpunkt bei uns im Kurs, dass wir auch lernen: Wie komme ich sicher zum Boden und wie komme ich auch wieder sicher hoch? Und allein, wenn ich das schon weiß, dann habe ich vielleicht auch weniger Angst vorm Stürzen oder vom oder ja wirklich am Boden was zu tun, weil ich dann einfach weiß: Okay, ich kann wieder aufstehen. Was soll passieren, ich kann ja wieder aufstehen, es ist kein Problem, ich weiß, wie es geht.
Fanny Sedlnitzky: Dass diese Kurse sozusagen zielführend sind, das haben Sie schon erwähnt, Barbara Gutsche. Aber tatsächlich ist es so, dass das auch wirklich getestet wird, ob diese 12 Wochen was gebracht haben.
Barbara Gutsche: Genau. Also gleich zu Beginn bei der ersten Einheit gibt es tatsächlich eine kleine motorische Überprüfung, sage ich einmal, wo man einerseits das dynamische und statische Gleichgewicht anschaut. Also, wie gut kann die Person balancieren? Wie gut kann sie einen großen Schritt bewältigen? Wie gut kann auch der Arm nach vorne reichen, ohne dass sie aus dem Gleichgewicht kommt? Aber natürlich wird auch die Kraft noch einmal beurteilt und das fließt dann in so eine Tabelle ein, die dann sozusagen einmal kurz abgelegt wird. Nach diesen 12 Wochen, nach diesen Interventionen, die die Damen und Herren dann leisten, ist es so, dass natürlich auch zu Hause die Übungen durchgeführt werden sollten und es eine Besserung geben sollte. Also das wissen wir aus der Erfahrung bisher auch, dass viele auch meinen, sie fühlen sich sicherer, die Angst ist weniger geworden. Aber wir machen auch in der vorletzten Einheit, also in der elften, noch einmal diese motorische Testung, um dann in der zwölften Einheit auch eine Gegenüberstellung den Personen in Form von einem Zeugnis auszugeben, wo sie dann ganz genau visuell auch sehen, wo sie bei der ersten, aber auch wo sie bei der elften Einheit waren in den einzelnen Teilbereichen. Und das besprechen wir dann auch durch. Sagen: Schaut's mal bei der Kraft, da wart ihr da, da seid's ihr jetzt, das ist jetzt der grüne Bereich, da wäre jetzt die Norm, man ist jetzt schon dort oder man ist noch nicht dort. Was wäre jetzt sozusagen das Notwendige, was von den Übungen, die Sie schon kennengelernt haben, weiterhin durchgeführt werden soll?.
Fanny Sedlnitzky: Die Hausaufgaben.
Barbara Gutsche: Genau. Man erinnert sich noch ein bisschen an die Hausaufgaben. Man bespricht vielleicht nur weitere Steigerungsmöglichkeiten und auch natürlich kann man dann in der letzten Einheit noch mal wirklich festsetzen, also noch einmal besonders erwähnen, dass es wichtig ist, dranzubleiben und diese Testung ist ja dann auch etwas, was Sie weiterhin machen können. Also, wir empfehlen es immer so, dass sie es alle drei, vier Monate vielleicht noch einmal wiederholen, um selber zu sehen: Bin ich noch ungefähr dort? Gibt's da noch eine Verbesserungsmöglichkeit? Genau. Und dass sie dann selber das in der Hand haben; also da geht's wieder um die Eigenermächtigung, um die Selbstverantwortung und dass sie selber halt ja in der Hand haben, so gut und lange wie möglich selbstständig zu bleiben.
Fanny Sedlnitzky: Wie komme ich zu so einem Kurs, wenn ich mich dafür interessiere?
Barbara Gutsche: Sie können eben gerne unsere Seite der Gesundheitskasse besuchen oder aber auch von unserem Umsetzungspartner von Styria Vitalis die Seite besuchen unter „trittsicher und aktiv“. Das sind die ganzen Kurse und die Ortschaften aufgezeichnet bzw. dargestellt, dass man dann einen passenden Ort finden kann, wo man teilnehmen möchte. Wenn es zum Beispiel in der Nachbargemeinde stattfindet, könnte man da zum Beispiel auch dabei sein.
Fanny Sedlnitzky: Und das ist für alle, nicht nur jene, die bei der ÖGK versichert sind.
Barbara Gutsche: So ist es, für alle Personen, die in Österreich leben. Genau.
Fanny Sedlnitzky: Für zu Hause, da gibt es eine ganze Menge an Möglichkeiten, was man da auch tun kann. Es gibt auch Material, das man sich besorgen kann.
Barbara Gutsche: Ja, genau. Also man kann, wenn man auf unsere Website geht, nämlich der Gesundheitskasse, und „Gesund leben“ eingibt, kommt man eben auf unsere Seite der Gesundheitsförderung und Prävention und eben ab dem 50. Lebensjahr fällt auch „trittsicher und aktiv“ rein. Und wenn man sich da durchklickt, bekommt man eben Begleitmaterialien, die man bestellen kann, und unter anderem wäre das eben ein Ratgeber zu trittsicher und aktiv. Also dieser bekannte Ratgeber, den auch die Teilnehmer bekommen, aber den man auch so bestellen kann, und da sind eben die ganzen Übungen, Anleitungen drinnen und auch die Möglichkeit, dass man DVDs oder USB-Sticks mit den Videos drauf bestellt. Die Möglichkeit gibt's eben auch.
Fanny Sedlnitzky: Ja, also keine Ausreden.
Barbara Gutsche: Nein.
Fanny Sedlnitzky: In diesem Sinne hoffen wir, dass viele Steirerinnen und Steirer trittsicher und aktiv ins hohe Alter kommen, dass wir sozusagen auch verhindern können, dass Menschen stürzen, danach noch unmobiler sind, weil sie dann eben vielleicht wochenlang, monatelang ans Bett gefesselt sind. Also rechtzeitig anfangen, das ist das Motto, wie bei so vielen Dingen in der Gesundheit. Ich bedanke mich herzlich, dass Sie gekommen sind. Andrea Schwar, danke schön. Julia Steiner und Barbara Gutsche. Vielen lieben Dank.
Gäste: Danke.
Das war Gesund informiert, der Gesundheitspodcast, eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfond Steiermark und ORF Steiermark.
