Folge #49 Selbsthilfe: Was bringt der Austausch für meine Gesundheit?
In einer Selbsthilfegruppe können sich Betroffene mit anderen Betroffenen austauschen, die dasselbe durchmachen. Sie können Wissen teilen und sich gegenseitig unterstützen. Gruppen gibt es zu unterschiedlichen Themen: Diabetes, Trauer, Essstörungen, Zwangserkrankungen, Mobbing – das sind nur einige wenige Beispiele.
In der Folge #49 des „Gesund informiert“-Podcast erfahren Sie wie eine Selbsthilfegruppe funktioniert, was die Vorteile für Ihre Gesundheit sein können und was Sie tun können, wenn es zu Ihrem Thema noch keine Gruppe gibt.
Gäste:
Dipl. Päd.in Elisabeth Bachler und Mag.a (FH) Veronika Spiller, MA von der Selbsthilfe Steiermark
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Text for the episode
Mir hat auch einmal ein Teilnehmer berichtet, er ist so froh, dass er dort nicht gut drauf sein muss, sondern dass er einfach so sein darf, wie er sich gerade fühlt und nicht wie im Gasthaus, wo er dann immer lustig sein muss. Ja, also das habe ich auch sehr spannend gefunden.
Willkommen bei Gesund informiert, deinem Podcast der Gesundheit verständlich macht. Bianca und Anja bringen Licht in den Dschungel der Gesundheitsinformationen mit wissenschaftlich gesicherten Infos, hilfreichen Tipps und spannenden Interviewgästen bist du immer gesund informiert. In dieser Podcast-Folge geht es um das Thema Selbsthilfe. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen? Oder vielleicht sogar darüber, selbst eine solche Gruppe zu gründen? Selbsthilfe kann ein wichtiger Teil sein, um deine Gesundheit zu stärken. Welche Vorteile hat eine Selbsthilfegruppe? Zu welchen Erkrankungen und Themen gibt es eine Gruppe in der Steiermark? Und wie kannst du dich beteiligen? Zu Gast bei mir sind heute Diplompädagogin Elisabeth Bachler und Magister Veronika Spieler. Beide gehören zum Team der Selbsthilfe Steiermark, einer steiermarkweit handelnden Service- und Kontaktstelle. Vielen Dank, dass Sie sich heute die Zeit nehmen.
Vielen Dank.
Vielen Dank für die Einladung.
Ich starte gleich mit meiner ersten Frage und zwar würde mich ja mal interessieren, was versteht man überhaupt unter dem Begriff Selbsthilfe?
Also, wir verstehen unter dem Begriff Selbsthilfe den Erfahrungsaustausch auf der betroffenen Ebene, also Betroffene für Betroffene, das heißt Selbsthilfe beruht immer auf dem Erfahrungswissen, Erfahrungskompetenz, nämlich im Gegensatz zu Fachwissen auf der professionellen Ebene und ist immer auch geprägt von Eigeninitiative und Selbstbestimmung und demnach bedeutet Selbsthilfe wirklich die eigenen Probleme selbst in die Hand zu nehmen und mit anderen Gleichbetroffenen gemeinsam immer aktiv nach einer Lösung zu suchen. Sie haben schon angesprochen mit Gleichgesinnten oder gemeinsam mit anderen, wie funktioniert denn die Selbsthilfe? Ja, also da hat der Professor Janik 1999 schon eine soziologische Studie in Österreich durchgeführt und daraus hat sich das Aeiou der Selbsthilfe herauskristallisiert. Selbsthilfe funktioniert wie A wie einander auffangen, E wie gegenseitig ermutigen, I wie informieren, O wie Orientierung geben und U wie einander unterstützen und damit kommen wir auch schon zum Wirkungspotenzial von gemeinschaftlichen Selbsthilfegruppen. Betroffene berichten von der Verbesserung ihres Wohlbefindens, der Verringerung von Schuld- und Einsamkeitsgefühlen. Sie gewinnen Anerkennung, erlangen Kompetenzen und Wissen und sie können sich auch aktiv als Akteurinnen positionieren. Und das soziale Umfeld und auch befragte Fachpersonen bestätigen diese Veränderungen auch. Ja, das heißt, sie berichten auch davon, dass Betroffene neue Beziehungen entwickeln können und dass es ihnen besser geht. Und die Mitarbeit und Teilhabe im Rahmen gemeinschaftlicher Selbsthilfe kann für Betroffene und Angehörige wirklich ein Gamechanger sein. Also im Sinne von Empowerment, das heißt Stärkung, Ermächtigung und Erweiterung des Handlungsspielraums von Betroffenen. Viele berichten uns auch, dass es ihnen vor allem darum geht, sich nicht erklären zu müssen in der Gruppe und sich nicht alleine oder alleingelassen zu fühlen. Diese Art der Begegnung kann niemand sonst anbieten als jemand in einer ähnlichen Situation.
Okay, das heißt, Selbsthilfe funktioniert eigentlich in Gruppen. Habe ich das richtig verstanden?
Genau. Selbsthilfe bedeutet, dass sich Gleichbetroffene zusammenschließen und in einer Gruppe treffen.
Mhm. Und wie funktioniert jetzt so eine Selbsthilfegruppe?
In der Fachliteratur ist gemeinschaftliche Selbsthilfe folgendermaßen definiert, wie es auch meine Kollegin gerade schon vorher erwähnt hat. Selbsthilfegruppen sind freiwillige Zusammenschlüsse von Menschen, die ein gleiches Problem oder Anliegen haben und gemeinsam etwas dagegen oder positiv formuliert dafür unternehmen möchten. Und prinzipiell muss man aber sagen, die Selbsthilfelandschaft ist wirklich eine sehr, sehr bunte und vielfältige, sowohl bei der inhaltlichen als auch bei der strukturellen Ausrichtung. Strukturell da meinen wir, es gibt lose Gruppen, die sich formatieren und es gibt dann Gruppen einfach, die sich vereinsmäßig aufstellen. Für uns hat es in der Selbsthilfeunterstützung genau die gleiche Bedeutung und auch gleiche Wertigkeit und wir unterscheiden da nicht. Aber es gibt inhaltliche Ausrichtungen und verschiedene Schwerpunkte, die dann einzelne Selbsthilfegruppen setzen. Da ist einmal zum Beispiel der Erfahrungsaustausch und praktische Tipps geben. Ein Beispiel dafür sind die große Gruppe der chronischen Erkrankungen wie Diabetes. Andere wieder wollen wirklich Sensibilisierungsarbeit in der Öffentlichkeit leisten. Beispiele dafür sind Transgender, viele soziale Themen wie Missbrauch, Gewalt, Mobbing. Wieder andere wollen gemeinsame Auszeiten gestalten, Freizeit gestalten. Auch das darf in der Selbsthilfe sein. Also auch das hat Platz in der Selbsthilfe, weil oft einfach körperliche Einschränkungen, also Krankheiten, die zu körperlichen Einschränkungen führen, wie Multiple Sklerose, Parkinson, verschiedene Muskelerkrankungen, das kann einfach oft auch zu sozialer Vereinsamung führen. Und um dem entgegenzuwirken, wollen diese Gruppen bewusst gemeinsam auch Freizeit gestalten. Wiederum andere wollen Informationsaustausch zu neuesten Entwicklungen geben. Beispiel dafür ist Pro Rare Austria, das ist die Allianz für seltene Erkrankungen und wiederum andere wollen gemeinsame Interessen formulieren und nach außen vertreten. Hier geht's wirklich um die Mitgestaltung der Gesundheits- und Sozialpolitik. Das sind vor allem die bundesweit tätigen Vereine. Aber trotzdem ist wichtig, alle diese verschiedenen Gruppen und auch wenn sie verschiedene inhaltliche Ausrichtungen haben, sie haben gemeinsame wichtige Grundsätze. Es geht immer, wie wir schon mehrmals erwähnt haben, um den Erfahrungsaustausch auf der Augenhöhe. Also, es geht immer um Betroffene für Betroffene, es gibt keine kommerziellen Interessen. Es sollte immer partei- und konfessionsunabhängig sein. Es gibt keine professionelle Leitung, wobei es immer mal wieder vorkommt, dass von professioneller Seite her zum Beispiel eine Gruppe angeleitet wird, aber dann wird sie im Folgenden übergeben an eine oder einen Betroffenen und Selbsthilfe muss auch immer kostenlos und für jeden frei zugänglich sein.
Okay, also wirklich ein sehr breites Angebot, das die Selbsthilfe da bietet, wann kann beziehungsweise wann sollte ich denn die Selbsthilfe in Anspruch nehmen?
Also ich denke, der wichtigste Aspekt hier ist, dass gemeinschaftliche Selbsthilfe eben kein professionelles Angebot ist, sondern vielmehr der eigene Schritt, sich der Situation bewusst zu werden und auszuloten, wie die eigene Lebensqualität und zwar subjektiv verbessert werden kann. Das kann für jeden Menschen auch unterschiedlich sein und uns in der Selbsthilfeunterstützung ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass Selbsthilfe keinesfalls ein Ersatz für Therapie oder Behandlung darstellt, sondern Ergänzung zur Gesundheitsversorgung. Wir ermutigen Selbsthilfegruppen auch in ihren Gruppen zu thematisieren und anzusprechen, wo die Grenzen der jeweiligen Gruppen sind und gegebenenfalls an professionelle Beratungs- und Therapieangebote oder medizinische Behandlung zu verweisen. Ich denke, deutlich wird es am Beispiel, dass ich zuletzt bei einem Gruppentreffen hörte. Wenn Patientinnen im Rahmen der medizinischen Behandlung hören, dass unter Anführungszeichen man damit medizinisch nicht mehr viel machen kann, dann ist es zusätzlich zur chronischen Erkrankung eine immense psychische Belastung. Und in dieser Selbsthilfegruppe wird beispielsweise besprochen, welche Übungen den Verlauf einer Erkrankung verlangsamen oder Symptome mildern können oder Betroffene leben jeden Tag mit ihrer Symptomatik und es macht einen riesengroßen Unterschied, ob sie zuversichtlich in den Morgen starten oder sie Gefahr laufen, eine Depression zu entwickeln, weil sie die Situation für aussichtslos halten. Also eine Selbsthilfegruppe kann genau dort ansetzen, Selbstwirksamkeit fördern, Zuversicht auch geben und zum Beispiel auch mal gemeinsam lachen. Also Humor ist zum Beispiel immer wieder Thema, wo sich Außenstehende vielleicht sogar wundern würden.
Mhm. Okay. Das heißt eigentlich kann ich Selbsthilfe immer in Anspruch nehmen, oder?
So ist es.
Welche Gruppen gibt's denn in der Steiermark und vor allem, wo finde ich denn diese?
Also, wir haben in der Steiermark circa 180 Selbsthilfegruppen zu knapp 90 Themenbereichen wirklich von A bis Z von das beginnt bei Alkohol, Adipositas, sämtliche chronische Erkrankungen, seltene Erkrankungen. Es gibt sehr viele soziale Themen bis hin eben wirklich zu Z wie Zwangserkrankungen und Zöliakie. Wir haben diese Selbsthilfegruppen alle auf unserer Homepage. Also, es gibt ein Online-Gruppenverzeichnis unter www.selbsthilfe-stmk.at. Das ist auch immer wirklich aktuell. Wir haben auch ein Gruppenverzeichnis in Broschürenform. Das wird Anfang des neuen Jahres 2024 neu aufgelegt und gerne die Einladung an die Hörerinnen und Hörer. Wenn Sie Interesse daran haben, bitte einfach einen Anruf, eine E-Mail bei uns im Büro. Wir lassen Ihnen diese Broschüre dann auch gerne postalisch zukommen.
Okay, super. Eine Nachfrage dazu. Gibt's die Gruppen nur in Graz oder in der ganzen Steiermark?
Diese Gruppen sind natürlich sowohl in Graz als auch in der ganzen Steiermark. Wir haben es auch im Gruppenverzeichnis immer verzeichnet, wo die Gruppe stattfindet.
Und gibt's auch Angebote. Seit der Covid-Pandemie hat sich das durchaus etabliert, dass Gruppen auch online ihre Gruppentreffen anbieten. Das ist sehr unterschiedlich. Da muss man einfach dann wirklich die einzelnen Gruppen bei Interesse kontaktieren und nachfragen.
Mhm. Okay. Mir fällt dazu auch eine Gruppe ein in Mariazell zum Thema Zwangserkrankungen. Und da macht es total Sinn, weil der Gruppenleiter auch nicht so mobil ist oder nicht ständig irgendwo hinfahren kann und auch andere in den steirischen Regionen vielleicht nicht mobil sind und da macht ein Online-Treffen durchaus Sinn und das funktioniert auch sehr gut.
Mhm. Das heißt, es wird dann wahrscheinlich auch je nach Bedürfnissen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer angepasst, wie sich die Gruppe trifft.
Genau. Mhm. Okay.
Da ist zum Beispiel die große Gruppe der seltenen Erkrankungen. Wir haben da auch ein Video auf unserem YouTube-Kanal, das ist eine Gruppe ALS, die treffen sich nur online, weil die sind im gesamten deutschsprachigen Raum verteilt.
Also gerade bei seltenen Erkrankungen kommt es durchaus öfter vor, weil die eben nur sehr vereinzelt in einzelnen Bezirken oder sogar Bundesländern eine Handvoll Leute nur davon betroffen sind.
Worauf muss ich denn achten, wenn ich vorhabe, mich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen? Gibt's irgendwas, worauf ich vorher schauen sollte?
Also, ich sage immer am besten vorher Kontakt aufnehmen, außer es ist eine Gruppe, wo das dezidiert nicht notwendig ist, wie beispielsweise bei den Anonymen Alkoholikern und einfach mal kennenlernen, nachfragen, wie die Gruppe arbeitet, was der Selbsthilfegruppe dort wichtig ist. Viele bieten auch telefonische Erstkontakte an oder ein Gespräch zu zweit, bevor man in die Gruppe kommt. Das kann alles den Einstieg sehr erleichtern und im Grunde geht's darum, der Gruppe eine Kennenlernchance zu geben, sage ich. Ob man sich dann wohlfühlt dort oder lieber auf andere Ressourcen zurückgreift, liegt dann ganz bei einem selber. Also nicht jeder Mensch mag in jeder Phase seines Lebens Teil einer Selbsthilfegruppe sein und das ist auch okay so. Und die Teilnahme ist freiwillig und manche probieren es vielleicht einmal und stoßen dann auch zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal dazu. Sie haben jetzt gesagt, es gibt über 180 Selbsthilfegruppen in der Steiermark. Was ist denn, wenn es zu einem Thema oder zu einer Erkrankung noch keine Selbsthilfegruppe gibt? Was kann ich tun?
Also prinzipiell ist zu sagen, es gibt keine konkreten Voraussetzungen oder Ausschlusskriterien auch selbst eine Gruppe zu gründen. Also vielmehr stehen die Betroffenen und Angehörigen mit ihren Anliegen im Vordergrund und gemeinschaftliche Selbsthilfe ist eine Bottom-up-Bewegung. Das heißt, niemand kann oder soll Selbsthilfegruppen kontrollieren. Was aber auch wichtig ist, weil sie zeigen häufig auch Bedarf in einer Gesellschaft auf und für manche scheint es vielleicht auch ein Stück weit provozierend zu sein. Das wird auch in der Literatur so beschrieben. Ja, aber für uns ist bedeutend, ob die Idee der gemeinschaftlichen und solidarischen Selbsthilfe weitergetragen wird. Also, wir unterstützen Gründungsprozesse bedarfsorientiert und über einen Zeitraum von bis zu 2 Jahren. Wir haben da ein konkretes Serviceangebot, wo wir versuchen einerseits Hintergrundwissen zu vermitteln. Und andererseits vorhandenes Gründerinnenwissen zu bündeln und zur Verfügung zu stellen, also Informationsveranstaltungen, Workshops, Beratungsgespräche. Also eine Gruppe zu gründen ist auch mit einer gewissen Verantwortung verbunden und es ist uns wirklich wichtig, die eigenen Möglichkeiten und Ressourcen der Menschen so realistisch wie möglich gemeinsam mit ihnen einzuschätzen. Es soll auch nicht zu einer Überlastung oder Überforderung kommen und es geht wirklich um das Prinzip voneinander und miteinander lernen.
Und Sie bei der Selbsthilfe Steiermark unterstützen dann auch bei der Gruppengründung.
Genau. Also bedarfsorientiert kann ich auch zum Beispiel bei den ersten Gruppentreffen dabei sein oder gemeinsam darüber sprechen, wie man moderieren kann, dass man auch den richtigen Hut in der Selbsthilfe aufhat. Das heißt, dass man nicht versucht, anderen den richtigen und den einzigen Weg zu erklären, sondern dass jeder mit seiner Geschichte und mit seinen Erfahrungen Platz hat und andere davon lernen können und vielleicht sich den einen oder anderen Tipp mitnehmen können.
Mhm. Und es gibt da kein Thema, wo sie sagen würden, da kann man keine Selbsthilfegruppe dazu gründen. Also, wir unterstützen Gruppengründungen im Gesundheits- und Sozialbereich, wobei das wirklich sehr offen und sehr breit gefasst ist. Also gerne einfach Kontakt mit uns aufnehmen und dann versuchen wir das gemeinsam auch zu klären.
Okay, super. Gibt's eigentlich auch Studien, die sich anschauen, ob und wie Selbsthilfe wirkt?
Ja, also dort in Deutschland und in der Schweiz in den letzten Jahren zwei große Studien gegeben zum Thema gemeinschaftliche Selbsthilfe und auch ihre Wirkung. Und da wird auch in ähnlicher Form beschrieben, wie was ich schon zu Beginn gesagt habe, dass es eine starke Wirkung haben kann, aber es kommt auch immer dieser subjektive Faktor für die einzelnen Menschen heraus. Das heißt, nicht jeder profitiert gleich von der Teilnahme in einer Selbsthilfegruppe.
Mhm. Das ist ja eh der Grundsatz an der Freiwilligkeit. Ich schließe mich ja freiwillig an und muss selbst merken, ob es mir guttut. Oder?
Genauso ist es.
Okay. Welche Vorteile und welche Nachteile kann Selbsthilfe für die Betroffenen haben?
Also, ich denke, die wichtigsten Vorteile sind sicher, dass man in Selbsthilfegruppen Informationen über Hilfsangebote oder auch soziale Leistungen bekommen kann, wo man sonst vielleicht als Einzelner nicht so leicht Zugang dazu hat oder das Gefühl eben nicht die einzige oder der einzige Betroffene zu sein in einer konkreten Lage. Und dass sehr häufig authentische und offene Begegnungen möglich sind. Mir hat auch einmal ein Teilnehmer berichtet, er ist so froh, dass er dort nicht gut drauf sein muss, sondern dass er einfach so sein darf, wie er sich gerade fühlt und nicht wie im Gasthaus, wo er dann immer lustig sein muss. Ja, also das habe ich auch sehr spannend gefunden. Und zu den Nachteilen, da würde ich eher sagen, es gibt sicher auch einige Herausforderungen in der gemeinschaftlichen Selbsthilfe. Es kann natürlich auch zu gruppeninternen Problemen kommen oder dass einzelne Teilnehmerinnen auch eine Gruppe überfordern, wenn sie sehr viele oder sehr starke Problematiken mitbringen. Ja, es gibt auch das Phänomen des Selbsthilfekonsums. Das wird auch so beschrieben, wenn Interessierte nur einmal kommen und die Gruppe zwar nicht mittragen wollen, aber gemeinschaftliche Selbsthilfe passiv konsumieren wollen. Wenn das jetzt bei einer Gruppe sehr häufig der Fall ist, dann ist es natürlich auch ein bisschen schade oder auch frustrierend vielleicht für die Gruppenleiterinnen.
Wie ist es, wenn also ich kann mir auch vorstellen, dass das auch belastend sein kann, wenn ich die Schicksale der anderen höre, dass mich das noch mehr belastet. Gibt's da auch Beispiele? Kommt das vor oder ist es eigentlich gar kein Thema?
Interessanterweise gibt's dazu eigentlich jetzt in der Literatur und auch von den Erzählungen der Gruppenmitglieder, dass das gar nicht so häufig der Fall ist, sondern vielmehr sich verstanden fühlen in der eigenen Situation und sich nicht alleine zu fühlen, dass das wirklich überwiegt.
Sie haben jetzt das schon ein bisschen eingebracht, aber können Sie vielleicht noch ein paar Beispiele erzählen? Oder Erfahrungsberichte aus der Praxis.
Da möchte ich auf unseren YouTube-Kanal hinweisen an dieser Stelle die für Steiermark. Wir haben einen eigenen YouTube-Kanal und ich denke, das sind sehr gute praktische Beispiele diese Videos dort, da kommen wirklich Selbsthilfegruppen zu Wort und die sprechen dort persönlich aus, was Selbsthilfe für sie bedeutet. Wir haben dort vier Einzelfilme von vier verschiedenen Gruppen drinnen. Das eine ist ALPS, das sind die seltenen angeborenen chronischen Immun-, Autoimmunerkrankungen. Das ist ein gutes Beispiel, wie ich vorher erwähnt habe, mit der inhaltlichen Ausrichtung wirklich für Sensibilisierungsarbeit in der Öffentlichkeit. Da sagt die Gruppenleiterin, Wunsch und Ziel der Selbsthilfegruppe ist es, die Erkrankung öffentlich zu machen, bekannter zu machen und den Betroffenen diesen langen und beschwerlichen Weg der Diagnose zu verkürzen. Die weitere Selbsthilfegruppe kommt dort zu Wort, nämlich die Trauergruppe für junge Erwachsene. Das ist wirklich ein sehr, sehr gutes Beispiel für Erfahrungsaustausch auf der betroffenen Ebene. Das ist eine junge Frau, die diese Gruppe gegründet hat und sie sagt da konkret, es hilft darüber zu reden. Es hilft der Austausch mit Menschen darüber zu reden, die Ähnliches durchgemacht haben. Dann kommt auch noch COPD dort zu Wort COPD Austria, der Verein. Und zwar spricht ein betroffener Angehöriger. Hier geht's oft um Freizeitgestaltung, Auszeiten gestalten. Er sagt, durch den gemeinsamen Erfahrungsaustausch hat die Krankheit den Schrecken verloren. Und wir möchten Menschen unterstützen, wie man auch mit der Diagnose COPD noch aktiv am Leben teilhaben kann. Und der vierte Film, das ist die Selbsthilfegruppe Seelenstandisch. Da geht's um Missbrauchs- und Misshandlungsopfer. Da ist wieder die inhaltliche Ausrichtung wirklich der Erfahrungsaustausch. Das kommt sehr gut heraus aus dem Zitat des Gruppenleiters. Der sagt: "Trotz jahrelanger Beschäftigung und einem abgeschlossenen Bewältigungsprozess auf professioneller Ebene ist es wichtig, in Austausch zu kommen mit Gleichbetroffenen. Hat sich immer wieder die Frage gestellt, wie gehen andere damit um? Jeder kämpft mit denselben Phänomenen in diesem gerade wirklich schwierigen Thema, wie Traumatisierung, gesellschaftliche Ausgrenzung und es zerbrechen oft familiäre Beziehungen."
Jetzt nehme ich zwei Dinge aus ihren Beispielen mit und zwar, dass es nicht immer um Krankheiten geht, sondern auch um Erfahrungen, zum Beispiel in der Trauergruppe. Und das zweite auch Angehörige können sich einer Selbsthilfegruppe anschließen. Ist es richtig? Oder gibt's eigene Gruppen für Angehörige?
Das ist absolut richtig. Es ist wirklich immer ganz unterschiedlich, je nach Selbsthilfegruppe. Ob das eine Mischgruppe ist, wo Betroffene und Angehörige vorkommen, dann gibt's wieder, wenn man die Anonymen Alkoholiker hernimmt, zum Beispiel da gibt's die Anonymen Alkoholiker Gruppen und daneben gibt's dann die Al-Anon. Das sind die Angehörigengruppen. Das ist je nach Selbsthilfegruppe sehr unterschiedlich, aber prinzipiell ist richtig, Selbsthilfe gibt es sowohl für Betroffene als auch Angehörige von Betroffenen.
Mhm. Okay. Abschließend möchte ich Sie bitten, dass Sie noch einmal zusammenfassen, was denn die Aufgaben bei der Service- und Kontaktstelle Selbsthilfe Steiermark sind. Also, was sind ihre Aufgaben in der Unterstützung von Selbsthilfegruppen?
Also, wir als Selbsthilfe Steiermark, wir bieten den organisatorischen Rahmen für sämtliche Selbsthilfeaktivitäten eben. Das heißt, wir bieten die notwendigen Rahmenbedingungen, damit die, die ja ehrenamtlich tätig sind, Selbsthilfegruppen einfach gut und effektiv arbeiten können. Wir fungieren als Informationsdrehscheibe für Betroffene und Interessierte. Wir bieten Beratung und Information sowohl für bestehende Selbsthilfegruppen als auch bei Neugründungen. Ein wichtiger Schwerpunkt ist natürlich auch die Qualitätsentwicklung in der Selbsthilfe in Form von Weiterbildungen, Workshops, Seminaren. Das sind immer themenübergreifende Qualifizierungsmaßnahmen, damit eben Selbsthilfegruppen einfach ein gutes Handwerkszeug in die Hand bekommen, um ihre Gruppe gut leiten zu können. Und wir bieten auch Selbsthilfenetzwerke an. Es gibt praktische Unterstützung für Selbsthilfegruppen. Hier reden wir, wir haben Räume zur Verfügung in Graz und auch steiermarkweit. Wir bieten an, wenn Gruppen Drucksorten brauchen, dass wir Druckmaterial kopieren, vervielfältigen beziehungsweise wie meine Kollegin ja auch schon erwähnt hat, Moderation von Gruppentreffen bei Bedarf. Wichtiger weiterer Schwerpunkt ist natürlich die Öffentlichkeitsarbeit, damit die Selbsthilfe auch dorthin kommt, wo sie hin soll. Wir haben eine eigene Homepage, wir verschicken regelmäßig Newsletter, wir sind auf Facebook und YouTube vertreten und wir nehmen regelmäßig an verschiedensten Veranstaltungen im Gesundheits- und Sozialbereich teil beziehungsweise versuchen wir auch die Schnittstelle zu sein, dass Gruppen für einzelne themenbezogene Selbsthilfegruppen an Veranstaltungen teilnehmen können.
Gibt es noch etwas, das unsere Hörerinnen und Hörer zur Selbsthilfe wissen sollten? Haben wir irgendwas vergessen?
An dieser Stelle möchte ich noch eine ganz herzliche Einladung an die Hörerinnen und Hörer aussprechen, nämlich wir organisieren in Kooperation mit dem Krankenhaus Elisabethinen regelmäßige Gesundheitscafés zu verschiedenen Schwerpunktthemen. Diese finden im Krankenhaus Elisabethinen, aber wichtig am Standort Eggenberg statt in der Bergstraße 27 jeweils 17 bis 19 Uhr und die Teilnahme ist kostenlos und ohne Anmeldung möglich. Wir lassen Ihnen gerne die verschiedenen Termine und Schwerpunktthemen zukommen.
Danke schön. Wir sind schon wieder am Ende dieser Folge angelangt und ich fasse das Wichtigste noch einmal zusammen. Also, ich habe mir gemerkt, dass man in Selbsthilfegruppen die Chance hat, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Dadurch fällt es einfach leichter, über die eigenen Probleme und Erfahrungen zu sprechen. Selbsthilfe kann Freud und Leid teilen, also gegenseitiges Verständnis in den Gruppen ist sicher auch ein Vorteil. Und was ich mir auch gemerkt habe, dass eine Selbsthilfegruppe kein Ersatz für eine Therapie oder eine Beratung ist. Die Selbsthilfe Steiermark bietet sehr viele Unterstützungen für Selbsthilfegruppen, aber auch wenn man überlegt, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Also dort einfach einmal anrufen. Dann gibt's noch die letzte Frage in unserem Podcast und zwar möchte ich die gerne Ihnen beiden stellen. Was ist denn Ihr persönlicher Tipp für ein gesundes Leben?
Also, ich würde sagen, gesunde Routinen entwickeln, weil sie den Vorteil haben, dass man sie automatisch macht, ohne viel zu überlegen und das geht dann wirklich viel, viel leichter. Also zum Beispiel eine gesunde Mahlzeit überlegen, die man sich zubereiten kann, wenn es mal schnell gehen muss oder den täglichen Spaziergang fix einplanen, um den Kopf auszulüften und in Bewegung zu bleiben. Man kann sich aber natürlich auch direkt in einer Selbsthilfegruppe inspirieren lassen. Mein persönlicher Tipp ist natürlich neben gesunder Ernährung, Sport und Bewegung, denke ich, es ist gut Dinge zu tun, die einem Spaß machen, eine positive Lebenseinstellung und es gibt dieses Zitat: "Das Glas ist halb voll oder halb leer." Man kann immer die Dinge von zwei Seiten betrachten. Und ich denke, eine positive Lebenseinstellung oder einfach positive Grundeinstellung sind sicher eine gute Voraussetzung für körperliche und psychische Gesundheit.
Sehr gut. Wieder viele Tipps für uns zum Mitnachhause nehmen. Das war's für heute. Danke, dass Sie beide heute bei mir zu Gast waren und meine Fragen beantwortet haben. Wir hoffen, die Folge hat dir zu Hause gefallen und du bist auch das nächste Mal wieder dabei. Wenn du mehr zum Thema Gesundheit wissen willst oder den Podcast nachhören möchtest, dann schau auf unserer Webseite gesund-informiert. Wenn du Themen für uns hast, die interessieren, dann schreib uns unter gesund-informiert@gftsm.at.
Wir freuen uns schon auf ein Wiederhören. Bis dahin bleibt gesund und informiert. Papa, Bianca und Anja von gesund informiert, deinem Podcast, der Gesundheit verständlich macht.