Folge #87 Gesund informiert mit Richard Brodnig: Was steckt hinter medizinischen Fachbegriffen?
Wenn man beim Arzt oder bei der Ärztin ist, fliegen einem oft viele Fachbegriffe um die Ohren. Den ein oder anderen kennt man vielleicht, oder glaubt zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Andere Begriffe hat man noch nie gehört. Und nicht selten geht man von einem Arztbesuch mit einer Diagnose nach Hause, hat aber keine Ahnung, was das eigentlich bedeutet.
In der Folge #87 erfahren Sie, was die häufigsten Fachbegriffe in der Arztpraxis wie „Blutbild“ oder „Tumor“ wirklich bedeuten. Außerdem wird erklärt, was der Sinn von Fachvokabular ist, warum Nachfragen wichtig ist und wie Sie gut informiert nach Hause gehen.
Gast:
Allgemeinmediziner Richard Brodnig
„Gesund informiert“ ist eine Zusammenarbeit zwischen ORF Steiermark und Gesundheitsfonds Steiermark.
Redaktion und Stimme: Fanny Sedlnitzky
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Willkommen bei Gesund informiert, der Gesundheitspodcast, eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfond Steiermark und ORF Steiermark. Fanny Sedlnitzky liefert wertvolle Antworten in unserem rezeptfreien Podcast. Heute mit Allgemeinmediziner Richard Brodnig.
Fanny Sedlnitzky: Fachchinesisch, das ist etwas, was man sicherlich kennt. Vor allem, wenn man oft von einem Arztbesuch zurückkommt, kommt man manchmal mit vielen Fragezeichen im Kopf daher, denn das sind einen Begriffe um die Ohren geflogen, die man vielleicht nicht kennt oder wo man nicht weiß, was man damit anfangen soll. Ja, das ist unser Thema heute in unserer neuen Podcast Folge. Dazu begrüße ich Allgemeinmediziner Richard Brodnig. Schön, dass Sie gekommen sind.
Richard Brodnig: Guten Tag, Frau Sedlnitzky. Guten Tag, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Danke, dass ich heute hier send.
Fanny Sedlnitzky: Sie werden uns heute ein bisschen was erzählen über das Fachvokabular in der Medizin. Es ist ja so, dass manche Patienten sich ganz gut auskennen. Bei manchen kann man auch einiges voraussetzen, aber manche, wie schon erwähnt, sitzen dann doch mit vielen Fragezeichen im Kopf und da gibt es viele, viele Begriffe, die man in im Studium natürlich lernt als Arzt, mit denen man sich auch unter Kollegen unterhalten kann, wenn man von Arzt zu Arzt ein Gespräch führt oder mit medizinischem Fachpersonal. Aber die Patienten, die sind dann oft ratlos und bleiben zurück. Ja, da wollen wir einige Begriffe gleich klären. Vielleicht fallt Ihnen gleich zu Beginn irgendein gutes Beispiel ein, wo Sie sagen, erst vor kurzem erlebt oder ja in der Praxis, das begegnet mir immer wieder.
Richard Brodnig: Ja, da gibt's ganz viele Beispiele. Das Fachvokabular in der Medizin ist ja riesig und da haben wir auch schon die Herausforderung. Das Wichtigste in der Medizin ist die Kommunikation, weil die Kommunikation ist die Medizin und Personen kommen mit Beschwerden zu mir, mit Anlegen und schildern die in ihrer Alltagssprache oder auch im Fachvokabular. Beispielsweise, ich habe jeden Tag einen Patienten oder eine Patientin, die daherkommt und sagt, ich habe Schwindel. Das ist noch was sehr simples, das ist noch gar kein Fachvokabular per se, aber dahinter kann sich sehr viel verstecken. Ich muss dann nachfragen, ist es eine Art Benommenheit? Ist es ein Drehschwindel? Ist es ein Schwankschwindel? Sind es Kreislaufprobleme? Und allein bei so einem simplen Wort, das jetzt noch kein echtes Fachvokabular ist, gibt so viel dahinter und wenn dann Fachvokabular noch mit dazu kommt, da gibt's noch viel viel mehr, was man klären muss.
Fanny Sedlnitzky: Da gibt's Begriffe, die kommen nicht aus der deutschen Sprache. Immer noch ist es so, wenn man Medizin studieren möchte, muss man in der Schule Latein gehabt haben. Ja, und sehr viele Begriffe unseres Körpers oder auch der Medizin leiten sich vom Lateinischen ab. Das ist ja auch eine große Hürde für viele Menschen wahrscheinlich.
Richard Brodnig: Ja, selbstverständlich. Ein bestes Beispiel, das mir gleich mal einfällt, ist das Wort Tumor, das ist eigentlich lateinisch für Schwellung und das ist ein Wort, das kann mit sehr viel Emotionen besetzt sein. Tumor für mich als Fachexperte, als Mediziner und als Arzt ist nur eine Schwellung eigentlich. Das kann ein harmloses Lipom sein. Das ist ein kleines Fettkörperchen. Da haben wir schon wieder einen Fachausdruck. Das heißt, hinter einem Tumor steckt nicht zwingend etwas Schlechtes. Allerdings, wenn man das nicht weiß und nur den das Wort Tumor hört, kommt halt oft auch die Sorge auf: "Oh je, habe ich jetzt einen Krebs, ist das was gefährliches?" Und deshalb versuche ich auch im Alltag so wenig wie möglich Fachvokabular zu verwenden, weil ich kann von Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, natürlich nicht erwarten, dass Sie dieses Fachvokabular kennen. Deshalb ist es mir am liebsten, wenn wir einer sehr allgemeinen und simplen Sprache reden.
Fanny Sedlnitzky: Ist es schwierig für Ärzte, wie schon wenn, sie unterhalten sich mit Kolleginnen, Kollegen, sie unterhalten sich mit medizinischem Personal auch in der Praxis. Sie müssen Befunde schreiben, da können Sie nicht reinschreiben. Äh, der hat eine Schwellung irgendwo. Natürlich muss da das Wort Tumor vorkommen, das dann zu switchen, also wirklich den Schalter umzulegen und den Patienten verständlich zu erklären, was er hat. Ist es schwierig für einen Mediziner?
Richard Brodnig: Das ist grundsätzlich Übungssache, würde ich mal sagen. Also, wir lernen das ja im Studium, dass wir unser Fachvokabular verwenden und später in der Ausbildung lernen wir dann auch wieder vor allem dieses Fachvokabular im Gespräch mit Patientinnen und Patienten eher nicht zu verwenden. Das ist etwas, das lernt man mit der Zeit. Das Switchen fällt mir selber z.B. gar nicht mehr schwer. Mit Kolleginnen und Kollegen rede ich sehr viel im Fachvokabular und mit meinen Patientinnen und Patienten dann nicht mehr. Es ist eigentlich eine Übungssache. Das Fachvokabular für den Austausch unter Kolleginnen und Kollegen oder im Team ist aber durchaus wichtig. Das ist z.B. sehr nützlich, wenn ich Patientinnen und Patienten habe, wenn sie aus dem Ausland kommen. Oftmals ist dann das Problem, z.B. wenn jemand aus Italien kommt, die Person spricht kein Deutsch, eventuell ein bisschen Englisch. Hat aber Vorbefunde manchmal dabei. Da stehen dann Diagnosen mit lateinisch-griechischen Wörtern drauf, die ich verstehe und die für mich nachvollziehbar sind, auch wenn ich den restlichen Text nicht lesen kann. Das heißt, allein in so einer Situation ist Fachvokabular unglaublich nützlich. Wenn wir uns dann z.B. den internationalen wissenschaftlichen Austausch anschauen, ist Fachvokabular natürlich auch wieder wichtig, damit wir eine Forschung machen können, die einheitlich genormt ist und wo wir uns dann darauf verlassen können, dass hinter dem Begriff Diarrhö, also Durchfall, z.B. der mit einer gewissen Häufigkeit in einer gewissen Zeit auftreten muss, dass wir alle fachspezifisch dasselbe verstehen, weil sonst würde die Forschung nicht so gut funktionieren. Und dieses Fachvokabular ist in den letzten Jahrhunderten immer gewachsen und entwickelt sich weiter und ermöglicht uns heutzutage, dass wir untereinander weltweit einen so guten Austausch haben.
Fanny Sedlnitzky: Also die Frage von Patienten vielleicht, warum redt so chinesisch mit mir, Fachchinesisch? Ich verstehe da überhaupt nichts. Wieso können die nicht normal mit mir reden? Das macht schon Sinn, dass es dieses Fachvokabular gibt, die Sprache untereinander, wie Sie sagen, für die Forschung. Aber kann man jetzt auch auf der anderen Seite von Patienten ein gewisses Vokabular verlangen, also voraussetzen, dass er ein paar Grundbegriffe versteht?
Richard Brodnig: Mhm. Erwarten tue ich es nicht oder voraussetzen. Wenn ich Patientinnen und Patienten vor mir habe, erwarte ich mir nicht, dass die mein Fachvokabular genau kennen und wir dasselbe verstehen. Was jedoch vorkommt, ist, dass viele Patientinnen und Patienten Fachvokabular verwenden, ohne dass wir genau dieselbe Definition davon eigentlich im Hintergrund haben. Das macht für mich oft schwieriger oder dass auch bestimmte Erwartungshaltungen damit kommen. Beispielsweise das Blutbild, Antibiotika oder das Thema Infusionen. Beim Blutbild ist es jeden Tag eigentlich habe ich einen Patient oder eine Patientin, die daherkommt und sagt, ich hätte gerne ein großes Blutbild.
Fanny Sedlnitzky: Gut, was ist das?
Richard Brodnig: genau? Das Blutbild aus medizinischer Sicht ist etwas anderes als das im Alltag verstanden ist. Mhm.
Fanny Sedlnitzky: Das Blutbild ist eine Untersuchung, eine Laboruntersuchung, bei der nur die roten und weißen Blutkörperchen sowie die Blutplättchen angeschaut werden.
Richard Brodnig: Also wirklich die Bestandteile des Blutes an sich, ne?
Fanny Sedlnitzky: Genau richtig, die zellulären Bestandteile, sagt man dazu.
Richard Brodnig: Und in der Praxis wollen diese Personen allerdings meist eine umfassende Laboranalyse einfach. Also, die wollen natürlich ein Blutbild, aber auch noch Leberwerte, Nierenwerte, Cholesterin, Entzündungswerte, die Schilddrüse, darum geht's da meistens. Und da muss man schon abklären, verstehen wir bei diesem Begriff Blutbild schon mal dasselbe, ist das was anderes. Das lässt sich natürlich mit Erfahrung und wenn man die Leute kennt, sehr schnell klären und das ist einfach die Expertise von mir als Hausarzt, dass ich mit den Menschen so simpel umgehen kann und das übersetzen. Wir sind so ein bisschen das Bindeglied zwischen Medizin, Fachexpertise und Alltag.
Fanny Sedlnitzky: Mhm. Was könnte ein Patient sonst noch sagen zum Arzt, wenn er z.B., sagen wir jetzt, ein großes Blutbild haben möchte, aber eben nicht nur die Blutwerte an sich, die zellulären Bestandteile, sondern z.B. Vitamine, Mineralstoffe, Leberwerte etc.?
Richard Brodnig: Ah, da muss man natürlich immer darauf eingehen, was ist denn die Fragestellung? Also einfach das Satz, ich hätte gerne eine Laboruntersuchung, weil ich möchte dieses oder jenes gerne wissen, reicht mir schon. Dann weiß ich, okay, z.B. ein mein Patient oder eine Patientin fühlt sich in letzter Zeit abgeschlagen, müde, matt, hat vielleicht Gewicht zugenommen, dann rattert bei mir im Kopf schon eine Liste von Diagnosen, die diese Symptome machen können. Mhm. Und ich weiß, wir müssen eine Liste von Laborwerten anschauen. Das heißt, im Labor ist es für mich z.B. nützlich, wenn mir Personen sagen, warum sie gerne ein Labor machen wollten, damit ich dann schon durchdenken kann, was ist das sinnvoll und was hilft uns in diesem Fall einfach nicht.
Fanny Sedlnitzky: Heute zu Gast in gesund informiert, dem rezeptfreien Podcast Allgemeinmediziner Richard Brodnig. Also, ein Labor machen heißt jetzt übersetzt eigentlich ein großes Blutbild für viele Patientinnen und Patienten, also die wollen einfach, dass ihr Blut auf alles mögliche untersucht wird und dazu geht man ins Labor. Ist das jetzt vielleicht so richtig übersetzt?
Richard Brodnig: Genau. Wobei man nicht zwingend ins Labor gehen muss, sondern die Blutabnahme kann ja überall stattfinden, wo die Infrastruktur dafür gegeben ist. Das heißt, in den Ordinationen, in denen ich als Vertretungsarzt arbeite, wird auch fast jeden Tag ein Labor gemacht.
Fanny Sedlnitzky: Sie haben noch spannende Begriffe mitgebracht, kurz erwähnt vorher. Stichwort: Ein Antibiotikum.
Richard Brodnig: Ein Antibiotikum ist eine der größten der Medizin. Das wissen sehr viele mittlerweile und mit diesem Mittel gehen auch gewisse Erwartungshaltungen einher. Beispiel sehr häufig kommen Eltern zu mir, oft sind es Mütter mit Kindern, die dann sagen: "Ja, meine Tochter hat jetzt Halsweh und vielleicht Fieber oder auch nicht Fieber gehabt und das ist sicher eine Angina, da braucht man Antibiotikum". Und da schwingen schon mehrere Dinge mit. Einmal müssen wir abklären Antibiotikum, was versteht die Mutter dahinter. Wieso glaubt sie, dass das Antibiotikum in diesem Fall sinnvoll ist? Und ich verstehe vollkommen, dass man seinem Kind, wenn es krank ist, möglichst schnell helfen möchte. Allerdings, ich weiß, dass 70 % von den Mandelentzündungen, das ist eine Angina, dass 70 % dieser Erkrankungen eigentlich von Viren ausgelöst sind und ein Antibiotikum wirkt nur gegen Bakterien. Das heißt, in 70 % der Fälle wäre das falsch. Jetzt muss man natürlich im Gespräch einmal abklären und auch in der Untersuchung dann, was ist es, wie können wir es gut behandeln? Und das ist eben wieder so ein Beispiel. Beim Antibiotikum geht man oft davon aus, dass man eine schnelle Besserung hat, aber das ist nicht immer der Fall.
Fanny Sedlnitzky: Ein Wort, dass man in einer Arztpraxis vielleicht auch manchmal hört oder einem der Arzt oder die Ärztin mitgibt auf dem Weg nach Hause ist psychosomatisch. Etwas ist psychosomatisch. Was heißt das?
Richard Brodnig: Also psychosomatisch ist schon ein sehr komplexer Begriff in der Medizin. Psychosomatisch heißt, dass eine körperliche Reaktion, ein Beschwerden, durch die Psyche ausgelöst wird. Das klingt im ersten Moment etwas ungewöhnlich. Allerdings wissen mittlerweile eh schon sehr viele Leute, dass wir nicht nur ein organisches Wesen sind, sondern wir haben auch eine Psyche. In der modernen Medizin gibt's das biopsychosoziale Modell. Das ist ein sehr umfassender Begriff.
Fanny Sedlnitzky: Darf ich ganz kurz einhaken? Wir haben in unserer Folge mit dem Psychotherapeuten Daniel Kule über die Biopsychosomatik gesprochen. Äh da ging es um das Thema Internet, Handy. Was macht das Handy mit uns? Da kann man auch diesen Begriff etwas genauer erklärt bekommen.
Richard Brodnig: Danke sehr. Bei der Psychosomatik, da geht es eben darum, dass Erkrankungen durch Stress, unbewusste Situationen verstärkt oder ausgelöst werden können. Und im Alltag ist es schon etwas schwierig in der Kommunikation für beide Seiten, weil Personen, die solche Beschwerden haben, durchlaufen oft alle möglichen Untersuchungen, da wird alles abgeklärt, da wird das Labor angeschaut, da werden noch Bildgebungen betrachtet und am Ende sitzt man da und
Fanny Sedlnitzky: und ist gesund.
Richard Brodnig: und ist gesund bzw. es steht da meistens dort oder man sagt da meistens ja, alles ist unauffällig. Und ich verstehe, dass das dann schon ein bisschen irritierend ist, wenn man dort sitzt und sich denkt, aber ich habe doch Bauchschmerzen, ich habe diese Beschwerden doch und da ist es wichtig, dass man darauf eingehen, ja, wir möchten Ihnen diese Beschwerden auch in keinster Weise absprechen. Es gibt einfach Erkrankungen, wo wir organisch nichts finden.
Fanny Sedlnitzky: Das heißt jetzt aber nicht, dass der Arzt sozusagen versteckt den Patienten mitteilen möchte, der hat ein Vogel.
Richard Brodnig: Nein, genau. Die Psyche in diesem Sinn, man hat ja keinen Vogel nur weil man quasi in diesem Aspekt ein bisschen sensibler ist oder dass einen etwas belastet, das ist etwas ganz normales. Das gab es immer schon und es ist jetzt einfach mehr in den Fokus gerückt, dass wir das auch mehr in der Wissenschaft haben. Z.B. das Reizdarmsyndrom. Wenn man vor 50 Jahren Medizinern gefragt hätte, wäre da noch nicht viel Information gekommen. Mittlerweile wissen wir, dass der Darm einfach Nerven so gut innerviert versorgt ist, dass Stress sich hier ganz schnell widerspiegelt. Und deshalb kann eben Stress und psychische Situationen sich auf das auswirken. Und es gibt Menschen, die hier sensibler sind, die hier Probleme haben können und Personen, die hier keine Probleme haben. Und das ist eben genau die Psychosomatik. Das ist bei jeder Person ein bisschen anders. Manche merken nichts, andere eben schon.
Fanny Sedlnitzky: Sehr schön. Sehr viele spannende Begriffe. Was ist, wenn bei meinem nächsten Arztbesuch ein Begriff auftaucht? Und der Arzt, wir wissen es alle, es ist immer Hektik im Alltag, das Wartezimmer ist voll. Man hat nicht immer die Zeit, jeden Patienten stundenlang zu erklären, was ihm denn möglicherweise fehlt oder ihn zu beraten. Es geht oft schnell und dann gehe ich nach Hause mit vielen Fragezeichen im Kopf. Kann ich denn nachfragen? Kann ich denn sagen, Moment, Moment, das habe ich jetzt nicht verstanden?
Richard Brodnig: Selbstverständlich. Und ich kann Sie nur darum bitten, dass Sie das tun. Für mich als Arzt ist es natürlich wichtig, dass Sie die Informationen haben, die Sie brauchen. Bei uns geht's darum, dass wir gemeinsam eine Entscheidung und einen Weg für Sie finden zusammen. Und nur wenn ich weiß, dass die Informationen, die Sie brauchen und die für Sie wichtig sind, auch angekommen sind, kann ich sie gut betreuen. Und da ist mir lieber, sie fragen einmal mehr nach als einmal zu wenig, weil wenn Patientinnen und Patienten etwas nicht verstanden haben, weil Fachvokabular, weil weil die Kommunikation schnell gehen muss, weil schwierig ist und einfach auch sehr viel Information in kurzer Zeit ist, dann führt das dazu, dass sie z.B. Therapien, Medikamente und ähnliches nicht so gut annehmen können, weil wenn man den Grund dahinter nicht versteht, ist das verständlicherweise schwieriger. Und deshalb bitte einmal mehr nachfragen. Wenn Personen mit mehreren Anliegen zu mir kommen, das ist oft schwierig, weil im Durchschnitt habe ich ca. 7 Minuten pro Patientin oder Patient in der Allgemeinmedizin. Für manche nimmt man sich mehr Zeit, wenn man es braucht, für andere wieder kürzer. Also, da ist eine Schwankungsbreite drinnen. Aber wenn jemand dann mit mehreren Anliegen kommt, dann stehen wir vor der Herausforderung, dass wir z.B. fünf Punkte in 7 Minuten abhandeln müssen. Das geht sich nicht aus. Deshalb bei solchen Dingen auch einfach mehrere Termine ausmachen, weil wir dann ausreichend Zeit für jedes Anliegen haben. Und so wie Sie es auch schon gesagt haben, ein Anliegen alleine braucht Zeit, Nachfragen zum Verstehen braucht Zeit und deshalb können wir nicht 15 Themen in kurzer Zeit besprechen. Mir ist lieber, wir fokussieren uns gut auf einzelne Themen und haben die Zeit, dass Sie es verstehen.
Fanny Sedlnitzky: Auch da haben wir eine Podcast Folge gestaltet zum Thema Mein Arztbesuch. Was kann ich mitbringen? Wie kann ich den Arztbesuch gut vorbereiten? Vielleicht entweder zum Nachhören oder vielleicht noch einmal der Tipp, ja, wenn man fünf Probleme hat, sich vielleicht vorher zu überlegen, was sind denn tatsächlich die dringendsten Fragen und Anliegen, die ich meinem Arzt stellen möchte, was ist das größte Problem im Moment und mal wirklich Schritt für Schritt hier abzuarbeiten.
Fanny Sedlnitzky: Heute zu Gast in Gesund informiert, dem rezeptfreien Podcast Allgemeinmediziner Richard Brodnig. Es ist das Stichwort Medikamente gefallen. Über das Antibiotikum haben wir schon kurz gesprochen, aber da gibt es auch ein großes Vokabular, wo man vielleicht als Patient oder als Patientin nicht weiter weiß. Spätestens dann, wenn man in der Apotheke war und tatsächlich ein Medikament mit nach Hause bekommt und dann den Beipackzettel aufmacht, wimmelt es nur so von Fremdwörtern. Was ist wichtig zu beachten? Kann man das vielleicht allgemein formulieren?
Richard Brodnig: Mhm. Der Beipackzettel, das ist schon einmal ein ganz schwieriges Thema. Ich lese ihn ja selber in der Regel nicht, wenn ich etwas nehme. Und ich muss auch sagen, ich rate meinen Patientinnen und Patienten, oft lesen sie sich den Beipackzettel nicht zu genau durch. Warum? Es gibt den sogenannten Noceboeffekt. Das heißt, wenn man etwas Schlimmes liest oder erwartet, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass das auch eintritt und dieser Beipackzettel ist ewig lang bei jedem Medikament die Nebenwirkungen, also das wirklich jede Eventualität umfasst. Ja, einerseits muss ich sagen, ich hätte nicht die Zeit über eine ganz ganz ganz seltene Nebenwirkung, die vielleicht harmlos ist, aufzuklären im Alltag und wenn die auch nie auftritt oder fast nie auftritt, sehe ich auch nicht die Relevanz, dass man sich schon davor sorgen muss. Ich rate dann meinen Patientinnen und Patienten einfach, wenn irgendetwas ist, das danach auftritt, dass sie sich bei mir kurz melden oder beikommen, dass wir das besprechen können, ob das von dem Medikament kommen könnte.
Fanny Sedlnitzky: Aber wichtig schon hier vielleicht noch einmal zu erwähnen, dem Arzt zumindest vorher zu sagen, welche anderen Medikamente man nimmt, denn der Arzt kann schon hier auch ein bisschen einen Überblick haben und sagen: "Ja, das passt zusammen oder hier Vorsicht".
Richard Brodnig: Genau, ganz richtig. Interaktionen sind ein großes Thema und das wird auch oft angesprochen aktiv von meinen Patientinnen und Patienten, die dann fragen, verträgt sich das mit meinen anderen Medikamenten? Grundsätzlich haben wir ja eine Medikationsliste, und wissen in der Regel, welche Medikamente sie nehmen. Deshalb aber trotzdem noch einmal die Aufforderung an Sie, bitte sagen Sie uns immer, wenn Sie ein Medikament nicht mehr nehmen, ohne irgendeinen Grund, ist das für uns auch akzeptabel. Wir müssen es nur wissen, wenn Sie z.B. mit einem Medikament aufhören, damit wir diese Liste auch aktuell halten können. Und wenn wir dann mit einem neuen Medikament anfangen, in der Regel achten wir darauf, ob es Interaktionen geben kann oder nicht. Da gibt es eigene Werkzeuge, die wir dafür verwenden, die uns das sagen, weil mittlerweile bei tausenden medizinischen Medikamenten und Stoffen kann kein Mensch mehr den Überblick darüber haben. Gott sei Dank haben wir da die Technik, die uns dabei hilft.
Fanny Sedlnitzky: Wir haben vorhin geklärt, der Arzt schmeißt unter Umständen mit Fachvokabular um sich und mit Fremdwörtern und sozusagen überhäuft den Patienten mit diesen Begriffen. Es ist aber unter Umständen auch so, dass der Patient schon mit irgendwelchen Begriffen zum Arzt kommt, nämlich Begriffe, die gegoogelt hat, die er aber dann vielleicht völlig falsch anwendet oder die vielleicht gar nicht zutreffen auf sein tatsächliches Problem. Was gibt es denn da aus dem Alltag, aus dem Nähkästchen zu plaudern? Dinge vielleicht, mit denen Sie schon konfrontiert wurden?
Richard Brodnig: Da gibt's sehr viel grundsätzlich und ich muss sagen, ich liebe es für meine Patientinnen und Patienten sich gut vorbereiten und auch informieren. Ich würde es nicht anders machen, muss ich ehrlich sagen. Ich bin als Arzt muss ich sagen, das ist mein Fach, da kenne ich mich aus. Wenn ich aber z.B. einen Autoschaden habe, letztens als ich mir den Reifen bei der Bordsteinkante aufgerissen hatte, ganz ein bisschen, weil ein kleiner Riss, wusste ich nicht, darf ich weiterfahren, darf ich nicht weiterfahren und habe ich natürlich auch als erstes einmal gegoogelt, dann Chat GPT gefragt, dann meinen Vater angerufen und dann erst den ÖMTC,
Fanny Sedlnitzky: den Arzt sozusagen fürs Auto.
Richard Brodnig: Ja, richtig. Und in dem Sinne ist es vollkommen nachvollziehbar, dass man natürlich zuerst einmal nachliest, was was habe ich denn und dann auch mit einem gewissen Fachvokabular auftaucht. Z.B. Diarrhö ist so Standardfall, die Durchfallserkrankung ist etwas in der Medizin ganz klar definiertes. Das muss dreimal oder häufiger innerhalb von 24 Stunden wässriger Durchfall sein. Wenn jemand zu mir kommt und das simple Wort Diarrhö z.B. schon verwendet, muss ich immer fragen, wie oft am Tag war es denn? Wie war die Konsistenz? Da merkt man schon einmal bei so einem simplen Wort, das eigentlich schon im Alltag Einzug gefunden hat, dass es nicht zwingend dasselbe ist, worüber wir reden. Und das gibt's dann in alle Richtungen. Von Personen, die wirklich schon mit medizinischen Vokabular daherkommen, mit Krankheitsbildern, die sehr selten sind, bis hin zu sehr simplen Dingen.
Fanny Sedlnitzky: Vorab informieren und auf jeden Fall nachfragen, das ist die Devise, wenn man beim Arzt sitzt oder bei der Ärztin und ein großes Fragezeichen im Kopf hat. Ja, ich bedanke mich für diese vielen, vielen Informationen. Wir könnten noch stundenlang über das medizinische Wörterbuch weiter reden, aber ich glaube einen ersten Überblick hat man bekommen. Richard Brodnig, herzlichen Dank, dass Sie Zeit gehabt haben bei uns zu sein und uns so viele wertvolle Informationen mitzugeben. Vielen Dank für das Gespräch.
Das war gesund informiert, der Gesundheitspodcast, eine Zusammenarbeit von Gesundheitsfond Steiermark und ORF Steiermark.